Nach Jahn Regensburgs 4:1-Sieg gegen Schalding-Heining
Heiko Herrlich: „Noch nie so sauer wie heute“

"Da siehst du's", scheint Alex Nandzik Uwe Hesse anzubrüllen, "du kannst es ja doch!" Sein Pass führte zum 2:0. "Yes, Sir!"
Sport
Regensburg
23.04.2016
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Schiri Luka Beretic will nichts wissen von Abseits: Im Hintergrund freuen sich Torschütze Markus Ziereis und Haris Hyseni über das 1:0 (11.).
 
Endlich wieder Jubel im Jahn-Stadion.
 
Ali Odabas hatte den unangenehmen Michael Pillmeier weitgehend im Griff.
Regensburg: Continental-Arena |

Für die 4928 Zuschauer, davon vielleicht 928 aus der Nähe von Passau, ist es ein unterhaltsames Abendspielchen, das Jahn Regensburg scheinbar mühelos mit 4:1 gewinnt – mit einem „unechten“ Hattrick von Markus Ziereis. Für Jahn-Trainer Heiko Herrlich aber phasenweise ein Sargnagel: Der Tabellenführer aus Regensburg erinnerte den Ex-Champion an eine Kellner-Truppe im Urlaub, „wo immer die schlechtesten die kompliziertesten Pässe treten“.

„Im Großen und Ganzen hat der Jahn verdient 4:1 gewonnen“, findet Gäste-Trainer Mario Tanzer wenig auszusetzen am Erfolg der Hausherren. Dafür umso mehr an der Leistung seiner Mannen: „Wir haben die Möglichkeiten, erste Halbzeit, ja, aber wir sind gerade in der Offensive extrem schwach, kein Durchsetzungsvermögen.“ Vieles sei Stückwerk geblieben. „Je länger das Spiel dauert, desto löchriger werden wir irgendwo und kriegen dann vollberechtig auch die Tore.“

„25 bis 28 Ballverluste“

Wer jetzt mit einer Lobeshymne des siegreichen Trainers rechnet, kennt Heiko Herrlich schlecht: „Die erste Halbzeit, ääh, ich musste mich echt beherrschen“, redet er sich in Rage, „ich war laut, aber ich musste mich echt beherrschen.“ Vor allem, weil die ersten zehn Minuten ja richtig gut gewesen seien: „Wir haben schnell gespielt mit wenig Kontakten, wie wir’s vor hatten – und das erste Tor ist super rausgespielt.“ Aber dann: „So ab der 15. Minute hat’s angefangen, dass wir eben keinen guten Ballbesitz mehr gespielt haben, sondern jeder zweite, dritte Ball … verschiedene Spieler haben immer versucht, den ganz schwierigen Ball zu spielen, den tödlichen Pass zu spielen.“

Das habe den Weltenbummler an die Spielchen im Urlaubshotel zwischen Touristen und Kellnern erinnert: „Da haben immer die schlechtesten Spieler bei den Kellnern den schwierigsten Ball versucht.“ Das habe ihn auf die Palme gebracht, weil man dadurch den Gegner unnötig aufgebaut habe – also nicht die Kellner, die Regensburger. „Ich glaub‘, wir hatten 25 bis 28 Ballverluste in der ersten Halbzeit.“ Dadurch mussten die Rot-Weißen 25-mal direkt wieder hinterhergehen: „Das schafft keine Mannschaft, dementsprechend waren sie am Ende der ersten Halbzeit schon richtig kaputt.“

Den Gegner wieder laufen lassen

In der zweiten Halbzeit sei es dann wieder besser gelaufen – vor allem der Gegner, weil man ihn dazu zwang: „Direkt nach der Pause dann das Tor über 15 Stationen.“ Zufrieden ist der Trainer mit dem Hein-Ersatz auf der neuralgischen rechten Außenverteidigerposition: „Der Junge hat vor fünf Wochen eine Blinddarm-OP gehabt, war dann vier Tage im Training, hat in Burghausen durchgespielt auf der 6. Ist am Dienstag wieder reingekommen nach zehn Minuten, hat sich heute wieder 90 Minuten durchgebissen – der Junge läuft auf dem Zahnfleisch.“ Insofern sei das eine „sensationelle Leistung, innerhalb von sechs Tagen drei Spiele“.

Gefreut habe er sich über Jann Georges Treffer „nach super Vorarbeit von Kevin Hofmann“, den er gerade erst eingewechselt hatte. „Ich hoff‘, dass ihm das mal einen Schub gibt.“ Und natürlich fühlt sich Herrlich für sein Vertrauen in Markus Ziereis bestätigt: „Ich hab‘ ihm gesagt, irgendwann platzt der Knoten wieder, und ich freue mich besonders für ihn, dass er heute drei Tore geschossen hat.“

Wie Fimpen, der Knirps

Viel Kreativität benötigt der Trainer nicht mehr, um die 13 gesunden Spieler auf dem Feld zu verteilen: Vor Keeper Philipp Pentke teilen sich Alexander Nandzik, Ali Odabas, Markus Palionis und Marc Lais die Viererkette. Ein offensives Mittelfeld mit Andi Geipl, Kolja Pusch, Uwe Hesse und Jann George soll die Doppelspitze Haris Hyseni und Markus Ziereis in Szene setzen.

Hesse kommt mit Mühe rechts an einem Gegenspieler vorbei, scharfe Flanke nach innen, Ziereis verfehlt (5.). Trauerspiel: Ein Grüner läuft wie in dem schwedischen Kinderfußballfilm „Fimpen, der Knirps“ unbedrängt in den Strafraum, Palionis klärt gerade noch zur Ecke und tobt (7.).

Geipliante Vorlage für Ziereis

Das kann sich sehen lassen: Andi Geipl wurde an dieser Stelle oft für seine verspielten Kapriolen gerügt – jetzt verlädt er an der Strafraumgrenze einen Grünen, steckt selbstlos durch auf Ziereis, der nach schneller Drehung im 16er oben links zum 1:0 einnetzt (11.). Und es geht gleich gut weiter: Da ist sie wieder, die einstudierte Kurze: Jann George läuft zum 16er-Eck und zielt knapp am rechten Winkel oben vorbei – Hyseni machte den Fuß vergeblich lang wie beim Cancan.

Rückpass im 16er: Nein, Werner Resch, den darfst du nicht aufnehmen! Indirekter Freistoß aus zehn Metern – wer kann das? Nicht sooo schlecht, Pusch knallt die Kugel an die Latte (18.).

Was bisher gefällt:
Der Jahn versucht schnell und direkt nach vorne zu spielen.
Nandzik zeigt viel Einsatz und Biss über links.
Geipl mal ohne Dribbeleinlage mit dem Assist

Was nicht gefällt:
Viele Ballverluste, auch von denen, die’s können sollten – wie Nandzik, Pusch oder Geipl, bei dem nach schönem Solo ein schlampiges Abspiel folgt (27.)
kurze Rückgaben zum Keeper, die Pentke unter Druck setzen
Viel zu wenig Pressing: Nach wiederholtem Ballverlust im Mittelfeld schickt Josef Eibl Michael Pillmeier steil, der nur noch Odabas vor sich hat – der begleitet die grüne 9, aber Pillmeier spielt sich selbst schwindelig und legt sich hin (23.).

Man traut seinen Augen nicht: Nach einer halben Stunde fast so was wie ein kleines Powerplay der Passauer Vorstädter, weil der Jahn nicht in der Lage ist, sich spielerisch zu befreien – u.a., weil Markus Ziereis einen drei-Meter-Pass am Mittelkreis vergeigt. Markus Gallmaier lümmelt frei im Strafraum rum, ist aber zu klein für die Flanke. Ecke Schalding, zwei Grüne schaffen es beim munteren Massengestochere aus fünf Metern nicht, die Kugel zu platzieren (32.).

Pille und Galle: Die Meiers verpassen den Ausgleich

Konter Hesse, steiler Pass auf George, der das schlechtest Mögliche daraus macht – sich vom Keeper vorführen zu lassen (33.). Unvorstellbar: Da macht der Jahn mal alles richtig, Pass von links auf den völlig freien Hyseni, der aus fünf Metern verzieht (35.). Im Gegenzug knappe Abseitsentscheidung gegen Pillmeier (37.). Mit welch einfachen Mitteln diese Jahn-Hintermannschaft auszuhebeln ist – einfach schockierend (38.). Odabas schnappt sich das Kunstleder im letzten Moment vor Pillmeier (40.).

Nächste große Chance für die Niederbayern: Flanke von links, zwei Grüne im 16er mehr oder minder frei, Markus Gallmaier braucht zu lange, bis er den Ball unter Kontrolle bringt, er wäre allein vor Pentke gestanden (43.). Den will er, den bekommt er: Geipl holt den Freistoß aus 18 Metern halblinks – und trifft den einen Fuß, der sich in den Weg stellt (44.). Und auch den letzten Konteransatz verseppelt Hesse: Man versteht den Semmelblonden nicht: Da hat er sich ja in der 3. Liga öfter durchgesetzt (45.)

Schnelle Vorentscheidung

Alles ein wenig eckig, aber was soll’s: Langer Pass auf rechts zu Hesse mit Ansage, Hereingabe, Hyseni verfehlt, Ziereis schiebt ein, 2:0 (47.). Nach wie vor eine Jahn-Abwehr, die man im Ernstfall nicht geschenkt bekommen möchte – zu passiv: Grün über rechts, Albert Krenn mit dem Funkspruch an Christian Brückl, dessen Flankenversuch ein Regensburger an die Latte abfälscht – wenn die ihre Chancen reinmachen, läuft das Spiel ganz anders (49.).

Lais und Pusch doppelpassen sich zum Strafraum, Jann George dreht sich am Elfer wie ein Kreisel, schießt den Keeper an – dann darf jeder mal: Ziereis und Lais machen Keeper Resch aus fünf bis acht Metern so richtig heiß – so hält das Netz länger (53.). Das Geschiebe und Gevidale von Pillmeier nervt langsam – wenn er dann wenigstens die Klappe halten würde (55.).

Pillmeiers Schrei nach Anerkennung

Beste Jahn-Aktion: Von ganz hinten über Hesse auf George nach ganz vorne kombiniert – und ein strammer Schuss der Regensburger 9, den Resch gerade so wegboxt (58.). Erstaunlich: Janns Distanzschüsse sind gefährlicher als die Versuche aus nächster Nähe. Und dann schreit Pillmeier, als ob man ihm den Fuß abgehackt hätte, und Schiri Luka Beretic winkt gelangweilt weiter – der kennt seine Pappenheimer (59.).

Wie war das noch gleich mit Herrlichs Ziehharmonika? Die Löcher in der SSV-Hintermannschaft sind famos: Sooo leicht geht das: Sepp Eibl auf direktem Weg zu Michl Wirth, der flankt vom linken 16er-Eck auf den Fünfer und Pechvogel Gallmaier haut ein Luftloch – jetzt darf er sich frisch machen (64.). Palionis setzt ein Zeichen mit aggressiver Attacke – wird aber zurückgepfiffen (65.).

Der uneigennützige Herr Lais

Dann bringt sich Schalding um die Früchte aller Mühe: Fehler im Mittelfeld, der Pass auf Lais, der als einziger nicht im Abseits steht, der kann allein vorm Keeper abschließen, schiebt aber uneigennützig quer zu Ziereis, kein Problem, 3:0 (69.). Zwei Minuten später muss es schon wieder rappeln: Pass auf Ziereis, dem verspringt der Ball am 11er. Nächstes dicke Ding: Nandzik von links, Pass zu ungenau.

Nach einem Freistoß aus 30 Metern braucht Freiherr Eibl nur die Birne hinzuhalten und es steht 1:3 (71.) – in keinem Zusammenhang damit darf Ziereis zum Duschen und Kevin Hofmann ran. Und dann macht er es doch noch: Nach umsichtiger Vorarbeit von Hofmann läuft George allein auf den Keeper zu und behält die Nerven 4:1 (73.). Gefällt heute sehr gut: Lais mit Sahnepass auf Georges Brust am 11er, der kann die Kugel leider nicht behaupten.

Gegenwehr erlahmt

Kolja Pusch sieht das Wurfgeschoss von Pentke lange genug auf sich zukommen – und lässt die Kugel dann vor sich verspringen: Bitte mal nach jeder dritten Ecke auch den weiten Abschlag und das Abschätzen bei der Ballannahme üben (80.)! Andi Jünger soll mit neuem Spirit den ausgepowerten Hesse ersetzen – der mit seinen Vorlagen viele böse Worte vom Dienstag relativiert hat.

Jetzt geht‘s leicht, die Gegenwehr ist weitgehend erlahmt, die Jahn-Kombis laufen flüssiger, nur der letzte Pass zu schlampig – nach Flanke Nandzik kommt George nur noch unkontrolliert mit dem Fuß an den Ball. Der Jahn lässt sich nicht lumpen und schenkt Pillmeier kurz vor seiner Auswechslung noch mal die Chance zum 1:1 gegen Pentke, aber er dreht sich zu lange, Palionis nimmt ihm das Spielzeug wieder weg (85.).

Mit 7 Punkten Vorsprung zum FC Bayern II

Gut zum Üben von Ballbesitz, aber auch wenn sich der Regionalliga-Spitzenreiter redlich bemüht, das ist noch nicht ganz Barcelona III., eher der 1. Kellnerclub Malle Ballermann II – so lange keiner eingreift, läuft der Ball schön durch die Reihen, wenn einer dazwischenspritzt, ist er wieder weg (88.). Ein Freistoß von Hofmann aus 35 Metern senkt sich, so dass er nur zwei Meter drüber geht (90.). Finito, Pflicht erfüllt!

Damit ist das Feld für ein weiteres großes Duell am Freitag, 19 Uhr, bereitet: Nachdem Bayern München II (6./43 Punkte) gerade rechtzeitig zum Rückspiel gegen den Jahn (1./58) mit einem 4:0-Sieg in Ingolstadt die enttäuschende Saison etwas versüßt, würde man sich ein ähnlich hohes Niveau wie beim 1:1 im Oktober wünschen. Vielleicht die letzte Chance für Wacker Burghausen (3./51), nach dem 0:0 heute in Schweinfurt und sieben Punkten Rückstand vier Spieltage vor Schluss, noch einmal auf Schlagdistanz heranzukommen.

Immer vorausgesetzt Nürnberg II (2./53) überlegt sich das mit dem Verzicht auf die Relegation nicht noch mal, wenn der Club in die Bundesliga aufrückt.
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