Oberfranken ertrotzen kein unverdientes 1:1 bei Jahn Regensburg
Spaßbremse Bayreuth

Jahn-Trainer Christian Brand arbeitet gestisch und mimisch an der Seitenlinie auf höchstem Niveau mit. Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
28.08.2015
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Jahn-Trainer Christian Brand arbeitet gestisch und mimisch an der Seitenlinie auf höchstem Niveau mit. Bilder: Herda/Göpel
 
Kapitän Markus Palionis leiht Christian Brand ein Ohr: Seine Abwehr muss der Hüne noch besser organisieren.
 
Zu Beginn lässt Markus Ziereis noch einige Geburtstagspräsente achtlos liegen.

Irgendwann endet die schönste Serie: Der SSV Jahn hat’s hinter sich – nach sieben Siegen in Folge stoppt die SpVgg Bayreuth den Tabellenführer. Gut 7000 Zuschauer sahen eine verhaltene erste, eine packende zweite Hälfte und viele vergebene Chancen auf beiden Seiten.

„Wir sind sehr, sehr glücklich heute einen Punkt mitnehmen zu dürfen“, sagt der blendend gelaunte Gäste-Coach Christoph Starke nach dem Spiel und umarmt rhetorisch jeden, der ihm über den Weg läuft, wie sein Kollege Christian Brand: „Das wird ein schöner Zweikampf da oben mit Bayern II. – Christian macht hier einen sensationellen Job, Hut ab, die Mannschaft wird ihren Weg gehen.“ Und klar, „sind wir auch stolz, dass wir überhaupt die erste Mannschaft sind, die gegen Regensburg was mitnehmen durfte“.

Sensations-Brand zahlt mit gleicher Münze zurück: „Bayreuth hat hier gespielt wie eine Profi-Mannschaft.“ Er sei überhaupt nicht enttäuscht: „Wir haben gegen einen Gegner, der sehr gut organisiert war, in der zweiten Hälfte sehr viele Chancen, sehr viele Lösungen auch offensiv gehabt.“ Vorm Tor sei es dann manchmal so, der Torwart hat einen super Tag, der Ball geht an die Latte und man trifft ihn nicht richtig. „Und dann geht so ein Spiel halt 1:1 aus – wie die Jungs alles raushauen und Fußball spielen, da ist mir nicht Angst und Bange vor den nächsten Aufgaben.“

Veitstanz am Spielfeldrand

In zwei Aspekten hat Christian Brand eine Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger – er lässt sich nicht gerne in die Karten schauen. Denn soviel der Jahn-Trainer im Vorfeld auch raunte, dass die Startelf nicht in Stein gemeißelt sei. Auf dem Platz finden sich doch die alten Bekannten wieder. Die zweite Parallele: So viel der Coach auch nach dem Spiel schwärmt, so wenig scheint er mit der Spielweise der seinen zu Beginn zufrieden zu sein. Und da führt er dann an der Seitenlinie ein schönes Tänzchen auf – im Laufe des Abends wird daraus ein Veitstanz.

Hatte der Mann in Schwarz auf die Müdigkeit des Gegners spekuliert, ist davon in der Anfangsphase nichts zu sehen. Die Gäste agieren weit vorne, stören die Regensburger bereits an der Mittellinie beim Spielaufbau und überraschen Rot-Weiß ein ums andere Mal mit schnellem Umschaltspiel, das die Regensburger Defensive eher behäbig begleitet. So wirken die Gäste unterm Strich gefährlicher – besonders die quirligen Tayfun Özdemir und Dominik Schmitt sind von Marcel Hofrath und Marvin Knoll kaum zu kontrollieren.

Warten auf das Geburtstagspräsent

Es dauert bis zur 8. Minute, ehe Markus Ziereis mit einem Lupfer in Szene gesetzt wird – etwas zu steil, sonst wäre das Geburtstagskind (*26. August) allein auf Keeper Daniel Freiberger zugesteuert. Uwe Hesse setzt sich ein paar Mal über rechts durch, aber es fehlt der finale Pass. Die größte Chance dann nach einem Distanzschuss von Kolja Pusch – Freiberger lässt abprallen, Ziereis kommt frei zum Kopfball … uuuuuhhh, das Geschenk hat er sich selbst vermasselt (14.).

Gar nicht schön anzuschauen: Was wir schon in den anderen Spielen bemängelten, diese Form des Begleitschutzes ohne Eingreifen: Özdemir kann sich aus halbrechter Position kurz vorm 16er die Ecke aussuchen, zielt aber übers Tor – das Manko des starken Technikers, die Chancenverwertung (16.). Unglaublich, wie sich das oberfränkische Sturmduo in den Strafraum kombinieren darf: Özdemir auf Schmitt, der sieben Meter vorm Kasten abzieht, aber gerade noch geblockt wird (21.).

Ausgerechnet Ulbricht

Nach vorne geht beim Jahn was, wenn’s schnell wird: Florian Ascherl grätscht in höchster Not von hinten in die Beine – Gelb und Freistoß aus 26 Metern. Das hat Pusch schon besser gemacht, er testet die Festigkeit der Mauer (20.). Und wieder hat der frisch gebackene 23-Jährige die Chance auf der Stirn: Flanke von rechts, Ziereis drüber (24.).

Wer vorne nicht konsequent ist und hinten träumt, bekommt die Quittung: Ausgerechnet Tobias Ulbricht lässt zwei Leute stehen, passt auf Özdemir, der auf Höhe des Elfmeterpunktes seinen Gegenspieler gut abschirmt und den Ball abtropfen lässt – Ulbricht meldet sich abermals zu Wort und schlenzt die Kugel von der Strafraumgrenze links unten ins Eck. Ausgerechnet Ulbricht, weil der einem Reporter verriet: „Wenn ich vors Tor komme, glaube ich momentan selbst nicht, dass ich die Kiste mache.“ Die 0:1-Führung der Gäste kommt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überraschend.

Ziereis goldrichtig

Das war doch nicht nötig: Michael Eckert grätscht Hofrath an der Seitenlinie unsanft weg – Gelbe Karte (27.). Doch auch mit Standards gelingt dem Jahn zu wenig. Dafür darf auf der anderen Seite schon wieder Anton Makerenko aus halblinker Position 19 Meter vorm Tor Maß nehmen – kein Problem für Philipp Pentke (28.).

Und dann klappt es doch noch mit dem nachträglichen Präsent: Hofrath setzt sich über links willensstark durch, passt flach nach innen – zunächst verpasst Uwe Hesse, aber Ziereis steht goldrichtig und lässt sich das 1:1 nicht mehr abschwatzen (30.).

Unwiderstehliches Sturmduo

Wer denkt, der SSV bläst nun endlich zum großen Halali, sieht sich getäuscht. Vielmehr beschäftigt Özdemir weiter die Abwehr mit seinen Dribblings – Knoll bemüht sich redlich, hakt sich ein, aber der kleine Türke ist nicht festzunageln und spurtet mit dem Ball Richtung 16er. Oli Hein hat aufgepasst und rutscht im letzten Moment von hinten in den Ball (32.). Und noch einmal das unwiderstehliche Bayreuther Duo: Özdemir spielt Schmitt frei, der flankt – gerade noch abgefangen (34.).

Schlussoffensive vorm Pausenpfiff: Ballgewinn im Mittelfeld, Hesse, der jetzt immer wieder die Seite wechselt, kommt über links. Pass auf Ziereis, der aus 20 Metern abzieht – der Schuss bleibt hängen (39.). Und noch ein dickes Ding vor der Kabinenpredigt: Daniel Gareis holt den heute eher unauffälligen Jann George von den Beinen – Knoll mit Freistoß von der linken Seite, Ziereis per Kopf, ein Bayreuther kratzt das Ding aber von der Linie.

Noch immer nicht müde

Wann zeigt Bayreuth endlich Ermüdungserscheinungen? Die Gelb-Schwarzen scheinen die unglückliche 1:2-Schlappe gegen Jahn-Verfolger Bayern II. sowohl physisch wie psychisch gut verkraftet zu haben. Ulbricht fällt der Ball nach einer erneuten Unkonzentriertheit der Jahn-Abwehr vor die Füße – sein Schlenzer aus 17 Metern geht übers Tor (46.).

Aus dem nichts dann die Gigantenchance: Pusch mit einem Verzweiflungsschuss aus der dritten Reihe, Freiberger klatscht das scharfe Ding nach vorne weg, Knoll kommt angerauscht, bekommt aber perplex das Ding nicht unter Kontrolle, sondern verstolpert den Ball ins Aus (48.). Hein mit starkem Solo über rechts, Ecke – George mit dem Kopfball, aber er bekommt keinen Druck hinter die Kugel (49.).

Torwart ins Aktuelle Sportstudio

Der Jahn ist jetzt klar am Drücker. Hofrath holt den Freistoß, Flanke von links, wieder George, der den undankbaren Ball nicht verarbeiten kann (52.). Hesse erkämpft sich als Solist an der Grundlinie das Bestmögliche – eine Ecke. Knoll per Kopf, Klasse Reflex des SpVgg-Keepers, dann ein Lattenkracher und schließlich spaziert Ziereis seelenruhig mit dem zweiten Ball durch den 16er und schlenzt aus 10 Metern knapp links vorbei – eher schneller als langsam ist die Jahn-Führung fällig.

Brand schlägt vor: „Sie hatten einen Torwart, der normalerweise zum Aktuellen Sportstudio eingeladen werden muss, der hat ja alles gehalten, das war unglaublich.“ Immerhin. Jetzt merkt man an der Körpersprache der Gäste, dass sie es nicht mehr gar so eilig haben. Nun wird auch jedes Wehwehchen ausführlich zelebriert. Die Pfiffe der Süd-Tribüne mehren sich, nicht etwa gegen die eigene Mannschaft, sondern gegen die Verzögerungen der Wagnerianer und die oft kleinliche Spielführung von Schiri Thomas Stein. Mal den Vorteil laufen lassen, täte dem Spiel gut.

Nadelstiche werden seltener

Steilpass auf Ziereis, der für 14.000 Augenpaare klar sichtbar von hinten angerauscht kommt – der Linienrichter sieht aber den weiter vorne postierten George, der nicht eingreift, und hebt die Fahne. Bitter, der Goalgetter wäre alleine aufs Tor zugesteuert (60.).
Bayreuth auch mal wieder mit einem Entlastungsangriff. Steffen Jainta mit Schlenzer in den Giebel, Pentke hebt das feine Leder übers Dreieck (66.). Nicht mitanzusehen, wie immer wieder Schmitt durchs Jahn-Mittelfeld marschiert – das geht wie durch warme Butter, versuchter Doppelpass, gerade noch ein Fuß dazwischen, sonst wäre er frei vorm Tor (68.).

Immerhin werden die Nadelstiche der Gäste seltener und der SSV wirkt noch entschlossen, den achten Dreier einzupacken – zur Not mit der ultima ratio: Zum zweiten Mal kippt ein Regensburger im Strafraum, Schiri Stein hat aber kein Einsehen mit dem Spitzenreiter und winkt ab.

Gelb für Luftgrätsche?

Das ist kurios: Nach Tempogegenstoß der Bayreuther, den Hein mit einer Luftgrätsche an der Mittellinie vergeblich zu unterbinden versucht, sieht Regensburgs 17 den Karton – für versuchtes Foul oder wegen Meckerns, das bleibt Steins Geheimnis (71). Die Süd-Kurve ist erzürnt: „Schieber, Schieber …“, schließlich wollte man vor dem Konter einen Elfer für den Jahn gesehen haben.

Eine Viertelstunde noch, reißt die Serie? Brand rüstet nach: André Luge für George (68.), Dani Schöpf für Knoll (76.) und das fabelhafte Fabi-Trettenbach-Comeback für Hesse (86.) sollen die weiße Weste reinhalten. Bayreuth kostet dagegen jeden Krampf aus – Makarenko humpelt gefühlte fünf Kilometer von der Eckfahne zur Ersatzbank, um sich von Friedrich Lieder abklatschen zu lassen.

Dritte-Liga-Gedächtnislauf

Die letzten Reserven, die Fieberkurve steigt, jetzt geht das Publikum richtig mit: Hofrath setzt sich stark über links durch, lässt drei Gegenspieler stehen, der letzte Bayreuther springt ihn in die Hacken – gelbe Karte und Freistoß. So nicht, schlampig ausgeführt (83.). Fabian Trettenbach mit einem Dritte-Liga-Gedächtnislauf über außen, der Winkel ist etwas zu spitz, er versucht nach innen zu legen und passt auf den Gegenspieler (93.).

Fünf Minuten Nachschlag reichen nicht, um Bayreuth in die Knie zu zwingen. Zum Schluss war der Tabellenführer nah dran am achten Sieg. Den Punkt hat sich Bayreuth vor allem mit der starken ersten Hälfte verdient. Oder hatte da etwa doch schon der Auftritt der großen Bayern am kommenden Donnerstag, 3. September – Achtung: 19 statt 20 Uhr! – in den Köpfen gespukt? Dann is‘ ja gut, wenn der Spuk bald vorbei ist – schließlich können die kleinen Bayern, wenn sie ihre zwei restlichen Nachholspiele gewinnen, bis auf zwei Punkte an den Jahn heranrücken. Am Sonntag, 6. September, 14 Uhr muss der Spitzenreiter (22 Punkte) dann seinen Vorsprung bei den kleinen Löwen verteidigen (5./13).