Pro-Trainer: SSV behauptet gegen Unterhaching Tabellenspitze
Hach, Jahn! Für Brand gewonnen

Friedensgipfel unter dem Zeichen des Eiffelturms. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
22.11.2015
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Friedensgipfel unter dem Zeichen des Eiffelturms. Bilder: Herda
 
Das Sicherheitskonzept in der Conti-Arena war eher dezent.
 
Christian Brand rudert mit den Händen, um den Sieg in trockene Tücher zu bekommen.
 
Es geht gleich mal mit erheblichen Sicherheitsrisiken vor dem Regensburger Tor los.

Wie schmutzig kann ein Sieg sein? Wenn’s danach ginge, dürften die Trikots der Rot-Weißen nach dem heutigen 2:1 gegen eine in der Spielanlage überlegene SpVgg Unterhaching nicht mal mehr mit einer Kombination aus Weißer Riese und dem Bleichmittel Eau de Javel sauber werden. Aber kein Grund zum Fremdschämen: Dafür hat die Ersatztruppe vor 4236 Zuschauern für ihren Trainer Blut, Schweiß und Tränen vergossen, um Christian Brand diesen letzten Heimsieg zu widmen.

Am Schluss dieses frostigen Sonntagabends liegen sie sich dann in den Armen, der Trainer und seine Spieler. Was heißt liegen? Christian Brand marschiert auf seine Siegerjungs zu und verschwindet in einer Traube junger Männer mit „Pro-Brand“-T-Shirts. Ein Statement, an dem wieder viele zu meckern haben werden. Emotionen, die manche wieder lächerlich finden dürften: Wie schlimm, wenn ein Trainer und sein Team eine verschworene Gemeinschaft bilden, quasi Club der toten Fußballdichter.

„Hut ab, für das ganze Paket“

Es ist schon etwas skurril. Während im Umfeld viele zu wissen glauben, dass Brand der falsche Mann an der Seitenlinie ist, und mit ihm gleich noch alle Teamspieler, die mit ihm gerne zusammenarbeiteten, mit in die Wüste schicken wollen, schütteln die Gasttrainer verwundert die Köpfe. „Hut ab, für das ganze Paket“, gratuliert Unterhachings Coach Claus Schromm, „die Mannschaft inklusive dem Trainer. Ich glaube die Aktion nach dem Spiel spricht auch Bände über die Spieler.“

Freilich bleiben dem Gästetrainer auch die Defizite der Regensburger Rumpfmannschaft nicht verborgen – „natürlich haben wir auch ein wenig mitgeholfen“, bemängelt er wie so oft die mangelhafte Chancenauswertung der Münchener Vorstädter. Aber dem „angeschlagenen Boxer“ zollt er dennoch Respekt: „Nicht einfach, die Situation für euch, für den Verein, aber ihr habt das sehr gut gemeistert.“

„Die Messe ist gelesen“

In der Pressekonferenz ist Brand schon wieder ganz der kühle Niedersachse – von wegen Abschiedsblues. „Ich habe mich einfach nur sehr, sehr, sehr über den Sieg gefreut und auch für das Team.“ Gefühle werden zum verdichteten Kompliment: „Ich hatte das Gefühl in mir, dass wir ein großes Team sind, das sehr, sehr gut zusammengearbeitet hat – der Weg ist jetzt zu Ende, die Erinnerung wird bleiben, eine sehr schöne Erinnerung.“ Eine Ausstiegsklausel vom Ausstieg gebe es nicht: „Auch von meiner Seite kann ich sagen, dass das Thema erledigt ist, die Messe ist gelesen – ich hab‘ hier noch ein Spiel und dann war’s das.“

Auch Christian Keller verdeutlicht noch einmal seine dialektische Sicht: „Letzten Endes ist es mir auch ein Stück leichter gefallen, weil Christian denkt, dass die Ruhe, die notwendig ist, damit eine Mannschaft gut arbeiten kann, wahrscheinlich nicht einkehrt, sondern, wenn die ersten zwei Niederlagen wieder da sind, die in der Rückrunde garantiert auch kommen werden, weil wir sind nicht so gut, dass wir jedes Spiel gewinnen werden, das ist keine Mannschaft, dann wären die gleichen Rufe wieder da gewesen.“ Das habe Brand weder nötig noch verdient. „Insgesamt ist es für eine Mannschaft extrem schwer, wenn immer so brodelnd unter der Decke Unruhe herrscht.“

Riesen Herz und riesen Willen

„Es ist ein sehr intensives Spiel“, befindet der Trainer auf Abschiedstour. Man habe heute sofort gesehen, „dass meine Mannschaft ein riesen Herz und einen riesen Willen an den Tag gelegt hat mit einer unglaublichen Laufbereitschaft“. Und Brand verhehlt nicht, dass die Notelf – mit Pentke - Hofrath, Kurz, Knoll, Hesse - Kopp - Faber, Pusch, Trettenbach, Luge - George – „fußballerisch Sachen“ auf den Platz zelebrierte, „die stark verbesserungswürdig sind“.

Man mag es gar nicht mehr schreiben: Die Verletztenliste hat mittlerweile eine Dimension angenommen, die Ausleihen aus der U23 unumgänglich macht. „Heute Morgen ist noch der Markus Ziereis ausgefallen mit einer Magen- und Darmgeschichte.“ Wie Schromm gesagt habe: „Wir sind ein angeschlagener Boxer und wir wussten, dass Haching hier auf Sieg spielt.“ Der Gast habe seine Chance gewittert. „Meine Mannschaft hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, hat unheimlichen Charakter gezeigt, gerade nach dieser auch sehr, sehr schwierigen Woche für das Team, für den Verein, war das wirklich eine tolle Geschichte, da kann ich nur den Hut ziehen.“

Keine Rasenheizung ohne Testlauf

Denn so sehr ihn die Pro-Brand-T-Shirts und die Statements unter der Woche gefreut hätten – alles wäre nichts gewesen ohne eine entsprechende Reaktion auf dem Semifrostboden der Conti-Arena. Apropos: Es gab viel Rätselraten um die Rasenheizung, das schließlich der Sportchef halbwegs aufklären konnte. „Man braucht einen Testlauf mit Bodenfrost, und den hatten wir erst heute Nacht“, sagt Keller. „Blöd gelaufen.“

Bei der Verlesung der Spielernamen gibt’s erstmal nur Pfiffe statt Echo: Die Hans-Jakob-Tribüne schmollt noch. „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben“, zitiert der Stadionsprecher Martin Luther King. Im gemischten Kreis gedenken die Spieler an die Ereignisse von Paris. Das Regensburger Sicherheitskonzept ist recht unaufdringlich – außer geöffnetem Rucksack kein Unterschied zu bemerken.

Unaufdringliches Sicherheitskonzept

Auch das Sicherheitskonzept der Regensburger Abwehr ist zunächst unaufdringlich: Fast wie in Hamburg – Grüße an Till Müller – geht Einsiedler nach Riesenbock im Mittelfeld allein auf Pentke zu – halb lässt er sich abdrängen, halb rutscht er weg (1.). Schon die zweite Riesenchance des Hachinger Einsiedlers in der Jahn-Hälfte: Nach Pass von links vergibt er aus 5 Metern (3.). Der Jahn kommt bisher kaum über die Mittellinie.

Schlotternde Jahn-Knie: Michael Faber lässt sich den Ball vom Fuß nehmen, André Luge aber auch. Immerhin Ecke – subgenialer Trick: George kurz zu Pusch, dessen Pass ins Abseits (5.). Dafür Sven Kopp auf der 6 bisher mit gutem Einsatz. Ungeschickt dagegen: ein versuchter Seitenwechsel direkt zu Keeper Stefan Marinovic. Trettenbach mit seinem ersten Dribbling über die Mittellinie, aber sein Nachbar weiß mit der Kugel nichts anzufangen.

Knappes Abseitstor

Nach einem überraschenden Pass vor den 16er, weiß sich Josef Welzmüller nicht anders zu helfen, und foult gelbwürdig – „Rengschburger Arschlöcher“, lautet der Beitrag der Hachinger Fanecke zur Völkerverständigung. Puschs Freistoßtrick durch die Mauer, Luge rutscht rein, Marinovic irritiert, der Ball im Kasten, hie Jahn-Jubel an der Seitenlinie, da Protest – der Linienrichter winkt, das Tor wird aufgehoben. Möglicherweise 3 Millimeter Abseits.

Das Regensburger Aufbauspiel bleibt Stückwerk: Jann George mit starker Vorarbeit, aber Uwe Hesse verdribbelt sich (20.). Wieder George über rechts, aber Flanke kommt nicht genau genug in die Mitte. Jahns Abwehr, ein Trümmerhaufen: Hesse vor drei Hachinger mit riskantem Flugkopfball (21.). Dann können drei Regensburger den einen Einsiedler nicht stoppen, er schießt aber aus 7 Metern Pentke an.

Kopps Gesellenstück

Und noch eine Abseitsentscheidung gegen Luge: Der wäre durch gewesen. Aber sofort ist wieder der Jahn unter Druck: erneut Einsiedler, die Vierte – Kopp schmeißt sich dazwischen, dreimal blockt die Verteidigung, dann knallt Max Bauer den Abpraller aus dem Rückraum drüber (25.). Kopp senst 30 Meter vorm Kasten energisch dazwischen – Gelb und Freistoß, die Flanke köpft Hesse zur Ecke.

Und dann ist der Ball doch da, wo er hingehört – ein kurioser Treffer: Der Ball scheint bereits verloren, George mit der Rückgabe von der Grundlinie, Kopp kommt angehoppelt und versenkt das Ding flach zum 1:0 im Netz (29.). Thomas Kurz denkt bereits an Ergebnisverwaltung: Er drischt den Ball auf die Tribüne. Hesse endlich mal wieder mit dem Flügellauf, aber Luge verhaspelt sich. Gute Freistoßposition am 16er-Eck, Puschs Flanke rausgeköpft, Hesse drischt aus 30 Metern drüber (33.).

Abwehr ist der falsche Begriff

Statt Sicherheit führt die Führung jetzt zum Einigeln, was diese Mannschaft nicht kann. Furchterregend mit anzusehen, wie Haching ein Handball-Powerplay rund um den Jahn-Strafraum aufzieht. Nach der Ecke ist wieder eine Gästehacke dran, vorbei. Ein schnell ausgeführter Freistoß wird gerade noch so zur Ecke verteidigt, die der sichere Pentke runterpflückt (36.).

Und dann ist es doch passiert: Hesse lässt sich peinlich verladen, Einsiedler kann fast bis zum Fünfer laufen, schiebt quer, Gestochere vor Pentke, Knoll bringt den Ball nicht weg und im dritten Anlauf wachelt Alexander Piller die Pille zum 1:1 über die Linie (39.). Was für eine Abwehr! Der gänzlich falsche Begriff für dieses löchrige Gebilde. Pusch dribbelt sich mit Mühe frei, spielt vor der Mittellinie den Fehlpass und grätscht dann rein – Gelb. Ein letzter Hesse-Konter, aber George kommt im 1:1 einfach nicht in die Puschen (43.).

George mit dem Haken zu viel

Rudelfrieren in der Pause, dann geht‘s unverändert weiter Richtung Jahn-Tor. Der hochgelobte Maximilian Nicu ist rechts durch, sein Pass von der Grundlinie bleibt ohne Abnehmer (50.). Auf der anderen Seite die erste gute Aktion von Marcel Hofrath, der eine Ecke rausholt. Fabian Trettenbach macht das einzig Richtige auf diesem eisigen Boden: Der erste Schuss wird abgeblockt, der zweite rutscht knapp am linken Pfosten vorbei – Marinovic wäre noch auf der falschen Seite gewesen (54.).

Klasse Balleroberung von Jan George an der Mittellinie, der einen Sieghart-Klops nutzt, die 9 ist allein unterwegs Richtung Tor, schlägt aber doch noch einen Haken und fällt über das Torwartbein – Schiri Robert Hartmann winkt ab (56.). Schon läuft der Konter, Kopp bekommt die Kugel nicht weg. Dann ein brutales Foul von Sieghart gegen Knoll – Trainer Brand ist außer sich, Trettenbach und Hofrath schieben den Übeltäter Richtung Tatort, Knoll windet sich am Boden – nur Gelb (58.).

Eigentor mit eisernem Willen

Auch das ist richtig: Kopp versucht's aus 18 Metern, Marinovic macht sich lang, zu schwach geschossen. Schromm nimmt den Rot-gefährdeten Sieghart vom Platz, bringt Wiesböck. Beim Jahn kommt Andi Jünger für Faber, bekommt gleich die Kugel im Strafraum, kann sie aber nicht kontrollieren. Erst ein schlimmer Ballverlust von Kopp, dann tritt Einsiedler am Elfmeterpunkt ein Luftloch (66.). Das muss nun nicht sein: Hofrath drischt die Kugel nach Abseitspfiff weg, sieht Gelb und motzt weiter – braucht ihr noch ein Spiel in Unterzahl (65.)?

Wieder Verwirrung im oberbayerischen Hoheitsgebiet nach einer Ecke: von drei Einschussmöglichkeiten hat Kolja Pusch die beste – sein Kracher wird auf der Linie entschärft – die nächste Ecke aber zählt: Puschs Ecke rollt herrenlos im Strafraum herum, George mit dem eisernen Willen und vielleicht dem Windstoß seiner Fußspitze, wie es ein Gastkorrespondent formulierte, beteiligt an diesem Eigentor zum 2:1 (69.).

Das große Zittern

Zum Schluss ist es nur noch Zittern: Die Hachinger dreschen der Jahn-Abwehr von allen Seiten die Bälle um die Ohren – verteidigt wird außen kaum noch. Wofür auch? Man hat ja genug Leute in der Mitte stehen, die die Bälle weggrätschen, köpfen, balancieren – und schließlich, wofür hat man Philipp Pentke im Kasten, der mal eine verunglückte Flanke um den Pfosten dreht, oder im tollkühnen Flug einen Kopfball über die Latte hebt (75./ 78.)?

Für die langen, langen, langen Schlussminuten schöpft Brand sein Wechselkontigent noch voll aus, bringt Daniel Schöpf für Pusch und den grünen Jungen Jonas Sonnenberg für Luge. Sicher, das ist nicht so schön, wie vier Rot-Weiße zwei Hachinger höflich bis vors Tor geleiten – Außennetz. Schon wieder ein Angriff über links, der gerade noch vor zwei Hachingern zur Ecke gesäubert wird. Irgendwie schunkelt der SSV mit ein paar Kontern den Triumph des Willens über die dreiminütige Nachspielzeit – ein Rückpass auf den Keeper gerät fast noch zum Eigentor, Schöpf holt rechts die Ecke und schießt nach langer Bedenkzeit noch einen letzten Freistoß zum Abstoß ins Aus.

Lektion in Zivilcourage

Das ist das Stichwort: Aus, vorbei, ein Sieg nach drei Niederlagen, da will man nicht so genau wissen, wie der zustande kommt. Und dann noch eine Lektion in Zivilcourage: „Ich war natürlich überrascht“, gibt Brand zu, dass er von der T-Shirt-Aktion seiner Jungs nichts geahnt hat. „Ich hab‘ so was im Profifußball noch nicht erlebt.“ Das berühre ihn schon: „Ich find’s einfach toll, weil die Jungs einen Charakter haben, eine Haltung haben, die sie vertreten.“

Ob er nicht befürchte, dass dieses Verhalten bei den Gremien schlecht ankomme? „Ich glaube“, antwortet Brand, „diese Welt ist so, dass man kritische Geister braucht. Junge Menschen müssen, für das, woran sie glauben und wofür sie stehen, immer so viel Zivilcourage haben, um die Dinge anzusprechen.“ Zur letzten gemeinsamen Reise bricht der Brand-Tross auf, um am kommenden Freitag, 19 Uhr, beim Vorletzten Schweinfurt (17./17 Punkte) zu beweisen, dass mit vollem Einsatz auch auswärts Punkte zu holen sind.

Hachings Schützenhilfe

Und auch Hachings Claus Schromm fährt nicht unzufrieden nach Hause: „Wir haben jetzt noch zwei absolute Highlights vor uns mit Burghausen und dann dem Derby bei den Bayern“ – und so könnte die SpVgg nach den in Regensburg gelassenen Punkten dem Jahn erneut in die Karten spielen.

„Dann schnaufen wir kurz durch und dann kommt, glaube ich, ein Champions-League-Teilnehmer noch mal zu uns in einem Testspiel – und dann werden wir Weihnachten feiern.“ Frohes Fest!