Regensburg ringt Stuttgart mit 4:1 nieder: Drei Elfer, einer verschossen
Triumph des Jahn-Willens

Regensburg ist wie hier Marvin Knoll (Mitte) von Anfang an auf Kampf gebürstet. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
14.02.2015
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Regensburg ist wie hier Marvin Knoll (Mitte) von Anfang an auf Kampf gebürstet. Bilder: Herda
 
Schiri Alexander Sather (Grimma) neigte zu manch eigenwilliger Entscheidung - aber bei drei Strafstößen für Regensburg kann sich der Gastgeber nicht beklagen.
 
Keine Bange, das Ding geht rein, Aias Aosmans Elfer zum 1:0.
 
Wie mutterseelenallein steht der denn da? VFB-Leihprofi und Ex-Clubberer Daniel Ginzcek muss zum 1:1 nur den Fuß hinhalten.

Der Funken springt über. Spätestens in der zweiten Halbzeit, als der SSV Jahn erst reihenweise Chancen liegenlässt, dann aber auch nach dem 2:1 und 3:1 weiter hungrig bleibt – auf der Vortribüne schränken die Jahn-Kids, die die ersten beiden Reihen besetzen, die Sicht erheblich ein. Sie hält es nicht mehr auf den Sitzen. Wann hat man in Regensburg zuletzt ein 4:1 bejubeln dürfen?

Und da sind sie wieder, die jungen Sportsfreunde aus Stuttgart. Wie im Vorjahr hält das halbe Dutzend Fans die Stellung vorne links auf der Vortribüne. Mit dem rechten Arm wild fuchtelnd, Stimmen wie aus dem Bierfass, schöpfen sie rhetorisch aus dem vollen Fäkalieneimer. Polizei und Sicherheitsdienst in Habachtstellung – doch eines muss man auch sagen: Es ist eher eine Art Autoaggression, die die Jungs da treibt. Freilich, mit Beschimpfungen der Gastgeber bringt man die Regensburger auch nicht dazu, ihre Fanfreundschaft mit den verhassten Stuttgarter Kickers aufzugeben

Umgekehrte Lanze

Unten am graugrünen Rasen erleben knapp 2800 Zuschauer einen schwungvollen Auftakt der Heimmannschaft. Man merkt der Brand-Elf den Willen an, das hier heute zu packen. Wie erwartet rückt Fabian Trettenbach neben Markus Palionis, Gregory Lorenzi und Marcel Hofrath in die Viererkette. Wieder mit dabei Marvin Knoll, der hinter Kolja Pusch und Aias Aosman ein umgekehrtes Mittelfeld-Dreieck bildet – die alten Römer hätten die Formation wohl umgekehrte Lanze genannt. Uwe Hesse (rechts) und Daniel Steininger flankieren Marco Königs im Sturm.

Das geht ja gut los: Die VFB-Abwehr entschärft mit Mühe Aosmans Freistoßflanke, Palionis kommt schlecht postiert nur noch mit den Haarspitzen dran und bringt den Ball nicht aufs Tor. Wenig später die kurze Eckenvariante mit anschließendem Seitenwechsel – Aias aber ist für die Flanke etwas zu kurz geraten (5.).

Ausschuss ans Hinterteil

Da ist viel Engagement am Platz, etwa wenn sich Kapitän Markus Mindaugas Palionis durch den Strafraum bolzt (10.). Auf der anderen Seite muss sich der SSV vor Standards in Acht nehmen: Einmal kommt Benjamin Kirchhoff frei zum Kopfball, der ist aber zu unplatziert. Ein indirekter Freistoß ist zunächst kein Problem für den Jahn-Keeper, aber dann schießt Richard Strebinger beim Ausschuss Philipp Mwenes Hinterteil an – Glück, dass das noch mal glimpflich ausgeht (8.).

„Keiner wird es wagen, keiner wird es wagen, unseren VFB zu schlagen …“ Ein Blick auf die Tabelle könnte helfen.

Am linken Flügel versucht Steininger immer wieder mal mit Dynamik in den Strafraum vorzudringen. Geschickt wechselt der SSV die Flügel, die nächste Ecke: Im zweiten Anlauf stiehlt sich Aosman in den Strafraum und erzwingt gegen Marvin Wanitzek den ersten Elfer der Saison – der Gefoulte, so sagt man, soll ja nicht …

Nie war er wertvoller

Aosman berappelt sich, blickt in den Boden, um seine Absichten zu verbergen und zirkelt die Kugel via Innenpfosten ins rechte untere Torwarteck – Keeper Odissaes Vlachodimos ist unten, aber der Ball zappelt dennoch im Netz, 1:0, wie in der vergangenen Saison bringt das Mittelfeld-As den Jahn auf sie mutmaßliche Siegesstraße – nie war er wertvoller als heute.

„In Europa kennt euch keine Sau, keine Sau …“, schallt’s aus sechs Kehlen. Das ist freilich bitter für Europa.

Die Freude währt kurz – dümmer geht’s nimmer, denkt sich der Fan im ersten Furor: Vom Anstoß weg holt Stuttgart erst einen Freistoß, dann eine Ecke – der Ball wird am kurzen Pfosten verlängert, Daniel Ginzcek, einer der Bundesliga-Profis auf Abwegen, vor denen Jahn-Trainer Christian Brand warnte, darf seelenruhig allein am langen Pfosten den Fuß hinhalten, Ausgleich 1:1 (16.).

„Keiner wird es wagen …“

Die Gastgeber scheinen unbeeindruckt. Königs schickt Hesse steil, dessen Flanke fast von der Grundlinie ist etwas zu ungenau, Knoll versucht’s aus zweiter Reihe, drüber (21.). Wenn’s gegen die jungen Schwaben mal schnell geht, wirkt der sonst so souveräne Palionis in der Rückwärtsbewegung etwas hüftsteif – aber der Bundesliga erfahrene Sercan Sararer verstolpert zum Glück (25.).

Königs verpasst um ein Mückenbein

Raffinierter Diagonallball von Hofrath auf den nimmermüden Hesse, der grätscht den Ball gerade noch so nach innen, wo Königs um ein Mückenbein verpasst und mit sich und dem wankelmütigen Schicksal hadert (26.). Fabi Trettenbach geht couragiert zu Werke, ist aber immer wieder mal für einen Ballverlust gut (29.). Dann sieht Pusch Gelb, weil er am Mittelkreis zu spät dran ist (31.). Eigentlich goldrichtig steht er nach Hofraths abgefälschter Flanke allein im 5er, aber das Ding verwertbar herunterzuholen, gelingt ihm nicht mehr (34.).

„Scheiß Regensburg, scheiß Regensburg …“ Vielleicht muss mal einer aufs Klo?

Aus dem nächsten Fehlpass Trettenbachs resultiert ein Schuss, mit dem freilich Strebinger keine Mühe hat (40.). Der VFB hat das Spiel jetzt, anders als zu Beginn weitgehend im Griff. Nur noch Einzelaktionen sorgen hin und wieder für einen Hingucker. Etwa wenn Königs vor einem Abwehrtrio an der Strafraumkante zu einer doppelten Pirouette ansetzt, sein Schuss aus 20 Metern dann aber doch deutlich drüber geht (41.).

VFB-Sportsfreund rettet auf der Linie

Die beste Chance haben die Gäste nach einer falschen Eckstoßentscheidung von Schiri Alexander Sather (Grimma), der einmal zu großzügig, dann wieder zu kleinlich pfeift – dieses Mal erklärt er jedem, der es wissen will oder auch nicht, dass Trettenbach noch mit dem Schnürsenkel dran gewesen sein soll. Der Ball wird verlängert, senkt sich ins lange Eck, aber dort rettet ein VFB-Sportsfreund, der ungenannt bleiben möchte, für den bereits geschlagenen Strebinger vor Schreck mit dem Kopf auf der Linie (45.).

„In Europa kennt euch keine Sau, keine Sau …“ Wie wahr, Zeit, um in der Pause über dieses Defizit bei triefender Bratwurst und Bier aus Plastebecher nachzusinnen.

Undank ist Aias Lohn

Welche Impulse kann Christian Brand der etwas müde gelaufenen Offensive mit auf den Platz geben. Zunächst pfeift sich dann wieder der Schiri mit rätselhaft inkonsequenten Entscheidungen in den Vordergrund. Erst lässt er nach klarem Foul gegen einen Jahn-Spieler beim Spielaufbau weiterlaufen, dann pfeift er gegen Königs, der sich bei der Ballannahme mit dem Rücken zum Gegenspieler stehend behauptet (48.).

Aias Aosman bis jetzt mit gleißendem Licht und tiefen Schatten: Schneidigen Ballgewinnen folgen Stolpereinheiten und Ungenauigkeiten. Undank ist der Welten Lohn – nach der dritten misslungenen Aktion und einer etwas hilflosen Geste setzt’s erste Pfiffe gegen Regensburgs Kreativmotor. Die weichen aber bald einer allgemeinen Aufregung nach einem Duell zwischen Lorenzi und Ginczek – nach einem Ausflug zum Linienrichter zückt der Schiri Gelb für beide (50.).

„Scheiß Regensburg, scheiß Regensburg …“ Es ist ein freies Land, es besteht kein Auswärtszuschauerzwang.

Hamlet im Strafraum

Der junge Steininger startet wie Ben Johnson, um dann im 16er wie Hamlet zu grübeln – es fehlt die letzte Entschlossenheit und die Idee, wie man die zwei verbliebenen Gegenspieler foppen könnte. Da sieht man mal wieder, was Erfahrung wert ist: Durch Hofraths schnellen Einwurf kommt Aosman an der Grundlinie zur Flanke, Königs kriegt den Ball an die Birne, von wo er neben das Lattenkreuz springt (52).

Die Gastgeber bauen jetzt mehr und mehr Druck auf, das Energische ist zurück auf dem Platz. Aosman attackiert den Keeper, der schießt die Kugel weg, der Ball gelangt über Umwege zu Hesse, dessen 20-Meter-Geschoss geht knapp daneben (55.).

Was da in Borys Tachshy gefahren ist, weiß er wohl selbst nicht so genau – ohne Not grätscht der Stürmer in Lorenzis Beine. Der Korse, gestählt beim Hauptstadtclub Bastia bestimmt kein Weichei, krümmt sich vor Schmerz, der Schiri rast auf den Übeltäter zu und zückt lau Gelb, als wäre es ein Schwert (55.).

„Keiner wird es wagen … unsren VaueFBää zu schlagen …“

Trotz dieser Warnung, der Sturmlauf der Regensburger hält an. Flanke Hesse, Steiniger per Kopf auf den Keeper (58.). Dann ist einmal mehr Aosman links durch, vertändelt erst im Strafraum, legt aber noch quer auf Hesse, der Zentimeter flach links vorbeizielt (60.). Der nächste Angriff läuft, Aosmans Pass auf Königs gerät etwas zu weit, aber Pusch wedelt beim gegnerischen Einwurf mit den Händen – sofort stellen die Jungs die Anspielstationen zu. Alles oder nichts: Stuttgarter Konterversuch, Lorenzi mit Risiko, das hätte die zweite Gelbe sein können (65.).

Herr Hofrath schreitet zut Tat

Da ist jetzt richtig Zug drin. Beim nächsten Versuch haut Königs noch drüber. Dann wieselt Hesse wieder rechts in den 16er und wird gefällt – da bleibt sich der Schiri treu, Elfer Nummer zwei. Aha. Herr Hofrath schreitet zur Tat. Hat sich Aosman durch die Pfiffe verunsichern lassen? Der Neu-Regensburger schießt platziert ins linke Torwarteck, aber der Grieche ist diesmal nicht nur rechtzeitig unten, er bekommt auch die Hand hinter den Ball. Das darf nicht wahr sein, die gefühlt zehnte Chance zur Führung wieder vergeben (65.).

„Scheiß Regensburg, scheiß Regensburg …“

Nächster Versuch, Hesse holt die Ecke, Lorenzi am langen Eck bekommt den Ball nicht mehr unter Kontrolle. Trettenbach setzt nach Ballverlust der Gäste am 16er nach, zwingt den Keeper zur Parade und holt die nächste Ecke heraus. Pusch zirkelt das Ding auf den kurzen Pfosten, wo die Stuttgarter Lorenzi übersehen, und der köpft überlegt ins lange Eck, 2:1 (70.) und langer Triumphlauf mit den Kollegen.

Hesse, Grätsche, Elfer

Das imponiert jetzt doch: Der Jahn versucht keineswegs den Vorsprung über die restliche Viertelstunde zu zittern, sondern gibt weiter Gas, ohne kopflos zu wirken. Der eingewechselte Patrick Lienhard spielt sich in den Strafraum, der Pass ist aber zu ungenau. Kurz darauf macht er es besser, doch ein Mann in Schwarz klärt im letzten Moment vor Hesse.

Und das wird jetzt schon eine schöne Tradition: Wieder wird Hesse auf der 16er-Linie gecheckt, und Schiri Sather zögert keine Sekunde, Elfer Nr. 3 ist fällig. Keine Experimente, Aosman marschiert zum Punkt, lässt Odysseus an seiner Torlinie zappeln, ins falsche Eck hechten und kickt die Kugel kühl recht oben ins Eck – so geht Elfermeter, 3:1 (78.).

„In Europa kennt euch keine Sau, keine Sau …“. Das stimmt jetzt aber auch wieder nicht. Schließlich sind wir mit der Europäischen Kulturhaupt- und Partnerstadt Pilsen in engem Kontakt wegen eines Eröffnungsspiels im neuen Stadion – der tschechische Erstligist Viktoria ist dann schon mal der erste internationale Gast mit Championsleague-Erfahrung.

Das reine Vergnügen

Der Rest ist das reine Vergnügen. Regensburg beginnt zu zaubern, Aias Aosman gibt wie entfesselt den Zidane mit genialem Pass auf Königs, der arg abseitsverdächtig positioniert ist – aber wenn kein Fähnchen weht und kein Pfiff gellt, was ficht es uns an? Der Stürmer geht ab durch die Mitte und schlenzt das Kunstleder fein mit dem Außenrist ins Eck, 4:1 (89.).

Die ersten Schwaben lösen sich aus ihrer Schmollecke und laufen erbost Richtung Stuttgarter Trainerbank, die von der Vortribüne zum Greifen nahe ist – was da geschwätzet wird, ist leider nicht zu hören, und schon kommen Ordnungshüter gelaufen, die die jungen Heißsporne zurück in ihre angestammte Ecke treiben.

Kurz vor Abpfiff schenkt der strahlende Christian Brand auch noch Adli Lacheb sein Debut, Monsieur Lorenzi darf bestens beklatscht zum Duschen marschieren. Feierabend, im wahrsten Sinne des Wortes, und ein aufgekratzter Königs jubelt ins Mikro: „Jeder ist an seine Grenzen gegangen, wir sind wieder da – die andern Mannschaften können sich auf was gefasst machen.“

Da waren’s nur noch drei

Etwas besonnener, aber nicht weniger zufrieden äußerst sich der Kapitän: „Die Niederlagen vor der Winterpause sind uns allen sehr nahe gegangen“, sagt Palionis. „Wir haben gesagt, wir versuchen jetzt noch einmal alles. Ein Kapitän muss vorangehen, viel reden und im Moment funktioniert das ganz gut.“

So gut, dass der Abstand zu den Nichtabstiegsplätzen nach den Remis von Mainz und Dortmund sowie Großaspach und Rostock von neun auf drei Punkte geschmolzen ist – allerdings haben die Konkurrenten ein bis zwei Spiele weniger auf dem Konto. Am Samstag, 14 Uhr, verteidigt der Tabellenletzte der Herzen seinen steilen Aufwärtstrend bei Energie Cottbus (7./40).

PS. Wir wissen nicht, wer die bunte Schar an neuen Hoffnungsträgern an die Donau gelotst hat. Aber nach dem anfänglichen Griff ins, sagen wir etwas vornehmer, Bidet, scheinen die Verantwortlichen dieses Mal ins Schwarze getroffen zu haben. Ob Brand-Raffinesse oder Keller-Nachschulung, mit den Kollegen Hofrath, Knoll, Königs und Pusch ist offenbar ein Wurf gelungen. Warum nicht gleich so?