Regensburgs Trainer philosophiert Osnabrück schwindelig
Jahn will aus dem Rotlicht-Milieu

Einer von Regensburgs Sargnageln bei der 2:0-Hinspiel-Niederlage: Addy Waku Menga. Bilder: Baumann/Herda
Sport
Regensburg
10.04.2015
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Einer von Regensburgs Sargnageln bei der 2:0-Hinspiel-Niederlage: Addy Waku Menga. Bilder: Baumann/Herda
 
Christian Brand war auch schon ein Violetter.
 
Der Jahn-Trainer als Rumpelstilzchen: Christian Brand nach dem 3:0 gegen Wehen-Wiesbaden immer noch unzufrieden.

Christian Brand, der Junge aus Quakenbrück, der einst beim VfL das Kicken lernte, lümmelt im hoffnungsvoll mintgrünem Shirt am PK-Tisch im Jahn-VIP-Raum und grinst. Nach dem 3:0 gegen Wehen-Wiesbaden, dem zwei-Punkte-Abzug Unterhachings und dem lauen Lüftchen hat er auch alle allen Grund dazu. „Es wird Frühling“, frohlockt Brand doppeldeutig und ohne Mütze. Am Samstag, 14 Uhr, soll Osnabrück die Räuberleiter machen, damit Regensburg den Sprung weg vom Tabellenende schafft.

Die Lila-Weißen aus Niedersachsen waren nie wirklich Wunschgegener des SSV. In neun Partien gegen den VfL Osnabrück (42 Punkte/11.) brachten es die Regensburger auf fünf Niederlagen, zwei Unentschieden und zwei Siege. Und VfL-Trainer Maik Walpurgis denkt sicher noch gerne an den 2:0-Hinspielerfolg in der Osnatel Arena – Marcel Kandziora und Addy Menga machten den Dreier perfekt. Dass dessen Regensburger Pendant solche Zahlenspiele kalt lassen, ist bekannt. Denn der Gast hat sich in der Rückrunde bei einem Unentschieden, sieben Niederlagen und drei Heimsiegen nicht gerade mit Ruhm bekleckert – wie zuletzt beim schmeichelhaften 1:0 gegen inzwischen ebenfalls akut abstiegsgefährdete Hachinger.

Gereizte Stimmung in der Stadt des Westfälischen Friedens

Auf die verletzten Maik Odenthal und Milad Salem muss der VfL-Coach ebenso verzichten wie auf Kapitän Alexander Dercho und Innenverteidiger Christian Groß – Tobias Willers musste unter der Woche pausieren, könnte aber bis Samstag fit sein. Dazu kommt, dass bei den finanziell chronisch unterversorgten Niedersachsen die Stimmung gereizt ist – ausgerechnet in der Stadt, wo der 30-Jährige Krieg sein Ende fand.

Leistungsträger wie Torwart Daniel Heuer Fernandes oder der von Kaiserslautern und Fürth umworbene Top-Stürmer Stanislav Iljutcenko (11 Tore) stehen vor dem Absprung. Mit Stammspieler Massimo Ornatelli, der in der Winterpause freilich etwas untreu und auch noch vergeblich mit seinem Ex-Club Münster flirtete, leistet sich der Verein zudem einen Familienknatsch – der Italiener, der im Schnitt pro Saison acht Tore ablieferte, bekommt keinen Fuß mehr auf Osnabrücker Boden. Kommentar der Verantwortlichen: Trainer Maik Walpurgis und Sportkoordinator Lothar Gans schweigen eisern.

Brands Steppke-Erinnerungen

„Ich glaube der Lothar Gans ist noch da“, kramt Jahn-Trainer Christian Brand in seinem Gedächtnis nach alten Bekannten. „Den kenne ich natürlich, der war früher Spieler dort, als ich ein kleiner Steppke war und ist dort noch Manager.“ Als Jugendlicher hat der Quakenburger das Fußballspielen beim VfL gelernt: „Und dann war ich noch einmal 93/94 in der Oberliga bei Osnabrück.“ Das war‘s dann aber auch mit Nostalgie.

Der zuletzt so erfolgreiche Psychokrieger hat wenig Komplimente für den Club seiner Jugend übrig. Vielleicht auch, weil sich die Norddeutschen als Stolperstein für Brands Karriere erwiesen. Unter Trainer Werner Biskup sei es zunächst hervorragend gelaufen: „Ich war sein Mann im Mittelfeld. Doch das kippte dann, als er mich von einem Tag auf den anderen einfach aus der Mannschaft strich.“ Dafür macht Brand im Interview mit der dortigen Tageszeitung OZ den kommenden Gegner gleich mal so richtig heiß: „Wir müssen Osnabrück ganz klar schlagen“, tönt er, auch wenn „klar“ hier wohl weniger auf das Ergebnis gemünzt ist.

Kein Schnee und nichts zu tun

Teil 2 seines 3-Siege-Versprechens möchte Brand auch mit Unterstützung möglichst vieler Oberpfälzer Fans einlösen: „Ich erwarte 5000 bis 6000 Zuschauer – jetzt ist ja alles offen und morgen fällt kein Schnee, oder schneit‘s morgen, Till?“, versichert er sich beim Pressesprecher. Nein, das ist nicht der Fall, April hin oder her. „Das Wetter ist gut, die Leute haben nichts zu tun, außer in irgendeinem Stadtpark grillen zu gehen – aber das ist ja auch langweilig, das können sie auch danach machen.“ Deshalb: „Lieber ins Stadion kommen, das wird ein gutes Spiel, die Jungs hauen alles raus.“

Die Vorzeichen stehen also gut, auch wenn die Erinnerung an Dresden die Vorfreude etwas trübt: Auch die Sachsen waren mit der Bürde von fünf Auswärtsniederlagen in Folge angereist, auch gegen Dresden versprach man sich viel und fast 6000 Jahn-Fans unter den 8000 Zuschauern wurden bitterlich enttäuscht – stümperhafte Fehler führten schon in der ersten halben Stunde zu einem 0:3. „Aber seitdem ist die Mannschaft gefestigter“, wirft Brand ein. Stimmt, zwei gegentorlose Spiele, 1:0 gegen Erfurt und 3:0 gegen Wehen-Wiesbaden, scheinen das zu bestätigen. Bei näherer Betrachtung muss man freilich konstatieren: Die Null stand da weniger wegen der Regensburger Abwehr als vielmehr wegen des überragenden Richard Strebinger und dem Unvermögen der gegnerischen Stürmer.

Rumpelstilzchen am Spielfeldrand

Aber dass nicht alles perfekt ist, was nach glattem Eregbnis aussieht, weiß der Fußballehrer selbst am besten. Schließlich fragten sich nach gut einer Stunde viele, wer das Rumpelstilzchen am Spielfeldrand sein könnte. „Es war vielleicht auch so, dass mein Anspruch an diesem Spieltag für den Moment einen Tick zu hoch war“, dauern ihm seine Jungs nachträglich ein bisschen. „Die Mannschaft war einfach erleichtert, dass es nach 60 Minuten schon 3:0 stand, und ich hätte für mich selbst auch sagen können, ,komm, lass mal gut sein!‘“

Brand hätte sich gewünscht, dass das Team weiter Fußball spielt und mehr Ruhe in das Spiel bekommt. „DAS hat mich so gestört. Ich wollte nicht das vierte oder fünfte Tor, sondern dass sie mehr Sicherheit gewinnt“, erklärt er seine Gemütslage, die ihm viele Experten im Forum hoch anrechnen. „Was Brand da in der PK gesagt hat“, lobt etwa „Blurt“, „ist deshalb vom Feinsten, weil das selbst ein Pep Guardiola letztes Jahr noch nicht wusste.“ Auch nicht selbstverständlich aus Fanmund über den Trainer des Tabellenletzten.

Die Position des gefällten Riesen

In der wirklichen Welt muss der so Geadelte im langen Saisonfinish freilich nicht nur auf Peps Gartenstuhl, sondern auch auf einige Leistungsträger verzichten: Pechvogel Lukas Sinkiewicz, Adli Lachheb und Fabian Trettenbach wären ein Trio, das dem Jahn in der Defensive gut zu Gesichte stünde. Gerade die Wucht des kurz vor der Pause gefällten Riesen hatte dem Jahn die Sicherheit beschert, die der Trainer nach der Halbzeit vermisste. „Auf Lukas‘ Platz könnte Marvin Knoll um eine Position zurückrücken“, denkt Brand laut über Alternativen nach, „Andi Güntner, Tommy Kurz, aber auch Andreas Geipl können da spielen.“

Große Sorgen bereitet ihm dieser Rückschlag freilich nicht: „Osnabrück hat sicherlich Qualität in der Offensive“, warnt er vor Addy Waku Menga und Stanislav Iljutcenko. Aber das sei ähnlich wie Wiesbaden ein Team, bei dem‘s um nichts mehr gehe. „Wenn man die vernünftig bespielt, wenn man aggressiv ist, aufsässig, wenn man denen einfach auch zeigt, wer das Spiel gewinnen will, dann glaube ich, ist es durchaus im Bereich des Möglichen, Osnabrück zu schlagen.“ Zumal: „Wir auch noch einen Torwart haben, der hält ja zwischendurch auch mal ´nen Ball“, beschreibt er augenzwinkernd Strebingers derzeitige Topform. Dass der Mann Begehrlichkeiten wecke, sei daher nicht verwunderlich.

Bei der Laterne vor dem großen Tor

„Ich schieß‘ schon oft aufs Tor“, schaut er etwas ratlos nach der Frage, ob er ein Sonder-Schießtraining absolvieren habe lassen. „Weil darum geht‘s ja auch in diesem Spiel.“ Genauer: Es geht um das große Tor und die Rote Laterne, die der SSV zum ersten Mal seit 1. November 2014 wieder abgeben könnte. „Natürlich ist das wichtig, weil die Jungs dann ein ganz, ganz kleines Etappenziel geschafft haben“, sagt er gleich mal im Präsens factandis.

„Wir haben gegen Erfurt zu Hause kein Tor kassiert, wir haben gegen Wiesbaden keinen Gegentreffer kassiert“, geht er stochastisch an das Rotlicht-Problem ran. „Und für einen Treffer vorne sind wir immer gut, für mindestens einen Treffer.“ Großes Tor vorne, hinten der Kasten wie vernagelt, schon könnte man das verruchte Milieu verlassen. Andererseits: „Die Abgabe der Roten Laterne ist nur ein ganz, ganz kleiner Schritt und das ist erst der 32. Spieltag und mir ist eigentlich egal, wer da die Rote Laterne hat – am Ende wird abgerechnet.“ Das ist uns jetzt doch neu. Eine Abschlussrechnung?

Punkteabzug für Unterhaching

Natürlich habe man den 2-Punkteabzug für Unterhaching während der Woche als kleine Chance wahrgenommen. „Noch bringt uns das nichts“, rechnet Brand gleich weiter, „aber wenn wir morgen gewinnen und nächste Woche in Großaspach, haben wir Unterhaching eingeholt.“ Zumindest, wenn die Stimmung im Team so gut bleibe wie derzeit: „Ich denke nicht, dass die Spieler primär über einen möglichen Abstieg nachdenken, ich habe eher das Gefühl, dass sie fokussiert sind auf die Aufgaben, die da sind.“

Natürlich wisse keiner, was jeder so in seinem stillen Kämmerlein grüble: „Dann wird schon der eine oder andere zu dem Schluss kommen, hm, Dritte Liga wird vielleicht schwierig für mich.“ Das könne beflügeln, aber auch bremsen. „Aber ich habe momentan nicht das Gefühl, dass etwas bremst.“

Dialektischer Brandismus

Deshalb plädiert der Mann im minzefarbenen T-Shirt für eine gesunde Ausblendung der Wirklichkeit: „Für mich ist immer gut, wenn wir selber die Möglichkeit haben, den Ausgang zu beeinflussen – und das ist ja bei uns so.“ Denn, argumentiert der Fußball-Philosoph in Ausbildung, „wenn wir unsere Spiele gewinnen, dann müssen wir nicht auf die anderen schauen.“ An dieser Stelle wird‘s etwas dialektisch: „Wenn man irgendwie schauen muss, jetzt müssen die noch gewinnen, und die müssen noch ´nen Punkt da liegenlassen, die müssen möglichst mit zwei Toren Unterschied gewinnen – dann habe ich es nicht mehr selber in der Hand.“

Nun könnte der weniger beschlagene Multiversalist einwenden: „Muss man als Letzter mit einigen Punkten Rückstand nicht immer darauf vertrauen, dass auch die Vor- und Vorvorletzten hin und wieder Punkte lassen? Das sei einfach eine Frage der Einstellung, synthetisiert Brand: „Solange ich mir vertrauen kann und auch der Mannschaft, bin ich natürlich guter Dinge. Und das ist der Grund, warum ich denke, dass wir es schaffen.“ Verstanden? Egal, Hauptsache nur noch gewinnen und Klasse halten, schließlich warnt schon Goethe: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“