Rostock zu Gast in der Regensburger Arena
Hansa-Coach Brand will Jahn „sportlich wehtun“

Roter Rauch steigt auf: Habemus Aufsteiger, der Jahn ist wieder drittklassig. Hört sich für manche wie eine Beleidigung an, ist aber wahr.
Sport
Regensburg
30.07.2016
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Heiko Herrlich mal mit Silberblick. Bild: Herda
 
Junge Leihgabe aus Augsburg: Erik Thommy.
Regensburg: Continental-Arena |

Rostock, Rostock? Da war doch was: Beim letzten Heimspiel vor zwei Jahren, da führten die Regensburger mit 4:2 – vier Minuten vor Schluss verspielte der Jahn noch den Vorsprung. Ein erster Sargnagel für den SSV, ein Totengräber für Alex Schmidt. Nicht alles, aber doch vieles neu macht 2016: Christian Brand rettet Hansa vor dem Abstieg, Heiko Herrlich den Jahn vor dem Nichtaufstieg – und auch die Mannschaften unterscheiden sich deutlich.

Ein Talent liegt dem Jahn in den Turnvater-Genen – egal welches Team unter welchem Trainer: Wenn vorher vor einem Knipser gewarnt wird, kann man sich sicher sein, der trifft. So auch vor den beiden letzten Punktspielen gegen Rostock: Einmal warnte Schmidt, dann schon Christian Brandt vor Marco Ziemer – fünfmal hat der dann eingenetzt. Viermal im alten Jahn-Stadion bei der 4:4- Clownerie, einmal beim glücklichen 2:2 an der Ostsee.

Neues Schreckgespenst: Gardawski

Vor dem Mann konnte Heiko Herrlich zum Glück nicht warnen – er hatte diese beiden historischen Duelle schlicht nicht auf dem Schirm. Dafür muss man sich jetzt vor einem polnischen Namen in Acht nehmen: „Sie haben sehr gute Einzelspieler wie Michael Gardawski“, orakelt der Trainer, „ihr Spiel ist eher, den Gegner kommen zu lassen.“ Die würden nicht, wie es Herrlichs Taktik vorsieht, voll draufgehen, sondern sich lieber so ein bisschen einigeln, auf Fehler warten vom Gegner und dann schnell kontern. Huhuhuhu, Island, ick hör dir trapsen.

„Da müssen wir morgen einfach Geduld haben und nicht glauben, wir müssen das Spiel gleich entscheiden und ins offene Messer laufen.“ Vor allem nicht in das gezückte Taschenmesser jenes Gardawski. Deshalb: „Ein Grund mehr, dass er erst gar nicht an den Ball kommt. Wichtig ist, dass wir eine gute Konterabsicherung haben.“

Brand will keine wilde Fahrt

Jaja, mach du nur auf Understatement: „Für mich ist das kein besonderes Spiel“, sagt Christian Brand mit Unschuldsmiene. „Es würde mir sehr leicht fallen, denen sportlich wehzutun“, zeigt der geschasste Jahn-Trainer der Regionalliga-Hinrunde eine Hegelsche Dialektik für Fortgeschrittene. Und auch das kennen wir von ihm: „Mit viel Respekt, aber auch mit Selbstvertrauen“ wolle man beim Aufsteiger aus der Oberpfalz auftreten.

„Vor eigenem Publikum euphorisch in die Saison starten wollen“ würde dieses Regensburg. Das hört sich an wie ein drolliger Dorfverein, der auch mal bei den Großen spielen darf. Ja klar, mit wehenden Fahnen, nach uns die Sintflut, so kennen wir den Jahn – Stichwort Buchbach (zuletzt 1:4 im nicht ganz geglückten Revanchetest). Und deshalb warnt Rostock-Rückkehrer Brand: „Das Spiel darf keine wilde Fahrt werden. Wir müssen ruhig bleiben, geduldig spielen und auf unsere Stärke bauen.“

Wir stehen im Walde

So richtig einschätzen kann wohl keiner, wo der SSV gerade steht. Klar, ein Aufstieg setzt psychologisch Kräfte frei, stärkt den geraden Rücken, macht klick im Kopf, Arbeitstitel: Würzburg-Effekt. Dennoch: Nicht wenige der Leistungsträger sind jene Spieler, die schon den ersten Drittliga-Abstieg nicht verhindern konnten: Kolja Pusch, Marvin Knoll, Uwe Hesse, Oli Hein … Reichen die wenigen Verstärkungen?

Und wie könnte es anders sein? Die Uni-Klinik- und Meistertherapeut-Eder-Stadt Regensburg gibt sich alle Mühe, die halbe Mannschaft schon beim Start behandeln zu dürfen. Zu den ewigen Patienten Sebastian Nachreiner (Außenbandriss) und Thomas Paulus (Muskelfaserriss) gesellen sich nun auch noch Ali Odabas (Kreuzbandriss), Robin Urban (Rippenbruch) und aus der Abteilung Attacke ausgerechnet Markus Ziereis (Schambeinentzündung). André Luge, der ist zwar putzmunter, hat aber als Jahns Neu-Vater pausiert und spielt deshalb in der U23.

Die Bank ist voll

Was ein echter Profi ist, den ficht das nicht an: Ob 20 oder 16 Spieler, Hauptsache die Bank wird voll. „Marvin Knoll und Markus Palionis können beide auf der Innenverteidigerposition spielen und Sven Kopp wird auf der Bank sein“, sieht der Trainer die Abwehrpositionen gesichert. Mangels Alternativen macht er kein großes Geheimnis um die Aufstellung: „Man kann sich schon orientieren an den letzten beiden Spielen.“ Wir erinnern uns? Die Leidenschaft vom Aufstiegskrimi gegen Wolfsburg möchte Herrlich mit in die Waagschale werfen.

„Ich denke, dass wir das phasenweise gegen Bochum (2:2) gesehen haben, dann letzte Woche gegen diesen ungarischen Zweitligisten, gegen Sopron (2:0), haben wir es genauso gespielt und natürlich werden wir auch morgen versuchen, so aufzutreten.“ Kolja Pusch wieder fit, dazu Mittelfeld-Leihgabe Erik Thommy aus Augsburg und die neue Sturmhoffnung Marco Grüttner (30), zuletzt U23 des VfB Stuttgart: „Sehr gut möglich“, antwortet Heiko Herrlich wohl eher süffisant auf die Frage, ob die Neuzugänge in der Startelf stehen. Er kann sich seine Mannschaft schließlich nicht backen.

Varianten und die Aussagekraft von Testspielen

„Wir haben in der Vorbereitung verschiedene Konstellationen gespielt, mit einer echten Spitze, mit Hyseni, Grüttner oder Ziereis“, zählt der Trainer die möglichen Varianten auf. „Dann dahinter Pusch, Schöpf oder Patrik Džalto (19)“ – letzterer eine Erziehungsmaßnahme Leverkusens in der Ferne. Aber auch mit zwei festen Stürmern wie vergangene Saison sei der SSV aufgelaufen: „Mit Grüttner oder Hyseni oder Grüttner und Ziereis – Ziereis fehlt jetzt natürlich auch, das ist klar.“

Dennoch ist Herrlich nicht bange: „Wir hatten eine gute Vorbereitung mit passenden Ergebnissen – oder meistens bis auf ein Spiel. Ich denke, dass wir gut gerüstet sind.“ Freilich, das sind die anderen auch: „Wir müssen natürlich wissen, dass Rostock eine sehr gute Vorbereitung gespielt hat – acht Spiele, sieben gewonnen, ein Unentschieden. Das war zu Hause gegen den HSV, ein 0:0, wo sie auch hätten gewinnen können.“ Also, folgert der Coach: „Das wird morgen keine leichte Aufgabe.“

Nachfolger trifft Vorgänger

Bleibt noch die allzu menschliche Frage: Wie halten Sie es mit Christian Brand? „Nein, der war eigentlich kein Thema“, sinniert der Nachfolger. „Er ist nach Rostock, ließ dort eine sehr gute Rückrunde spielen, hat den Klassenerhalt gesichert“, zeigt sich Herrlich bestens informiert. „Wir hatten schon ziemlich viele Punkte in der Winterpause, deshalb sehe ich da keine Brisanz.“ Und so rein persönlich? „Ich habe ein paar Mal gegen ihn gespielt, als er bei Werder Bremen war. Meistens sind wir als Sieger vom Platz gegangen, aber nicht immer. Einmal haben wir in Rostock verloren.“

Ansonsten sei das Nordlicht ein angenehmer Zeitgenosse. „Ich habe seine Wohnung übernommen, wir sind uns hier über den Weg gelaufen, als ich neu kam, es war eine sehr nette, angenehme, menschliche Begegnung, was ja auch nicht alltäglich ist, wenn der Nachfolger den Vorgänger trifft.“ Man habe sich kurz ausgetauscht, so unter Kollegen: „Er hat mir noch ein paar Sachen über einige Spieler und die Mannschaft gesagt, mir viel Glück gewünscht, ich ihm dann genauso.“

Last not least: Werden es am heutigen Samstag nun nur 8000 oder doch immerhin 10.000, die den Weg zur Conti-Arena trotz Sommerferien-Staugefahr wagen? Leute, fast 15.000 gegen die kleinen Bayern, fast so viele gegen den FC Amberg – da sollte doch die „Wir sind wieder da“-Party gegen Rostock nicht vor leeren Stühlen ablaufen … Zeitig aufstehen, rechtzeitig ins Stadion und gut is‘!
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