Servus-Stadion-Tag: Kluft zwischen Jahn-Basis und Club-Führung
„Never change a winning Team“

Sport
Regensburg
23.05.2015
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Roter Rauch im Stadion. Auf weißen Rauch wartete die Vereinsführung vergeblich.
 
Sie warteten vergeblich auf den Sportchef.
 
Wie sieht das Gerüst um Torwart Dominik Bergdorf aus?

Das war’s dann also. Ein Nachmittag voller Zwiespalt. Ade, Stadion mit dem Charme einer Fachwerkburg. Ein Muster ohne Wert gegen beballermannte Kölner. Dennoch, ein 4:0-Sieg mit spürbarer Lust am Spiel ist nicht selbstverständlich. Passend dazu die Choreographie der Fans: hart an der Grenze zum Eklat, aber mit viel rot-weißem Herz.

Club-Boss Hans Rothammer hat sich einen würdigen Abschied aus dem Stadion gewünscht, in dem seit 1926 Männer in Knickerbockern eine boxsackschwere braune Lederkudern über Grasbüscheln jagten. 89 Jahre lang, wie passend zu einem Verein, der 1889 gegründet wurde. Der Nachmittag taugt nicht zum harmonischen Kindergeburtstag, aber auch nicht zur Revolte. Farbenfrohes Feuerwerk wechselt mit beklatschten Spruchbändern – ironischer Protest und Bekenntnis zum Verein in Einem.

Lasst das Stadion ganz!

Die Zeche für die Pyro-Show zahlt der Verein. Stadionsprecher Christian Sauerer ist nicht zu beneiden. Er versucht mit gewohnt souveräner Balance zwischen Verständnis und Interessenwahrung die Stimmung zu schaukeln. „Wir haben die 83. Minute, das bedeutet nichts anderes, als dass in sieben Minuten das Spiel aus ist – wir bitten euch, klettert nicht über die Zäune, lasst das Stadion ganz, reißt nicht den Boden raus. Wir bitten euch inständig, es kostet dem SSV nur Geld.“

„Ihr habt doch Geld!“

Die Reaktion der Fans: „Ihr habt doch Geld!“ Gelächter. Schließlich argumentiert die Clubführung bei allen pro-Keller-Bekenntnissen seit Monaten mit dessen Geschick im Umgang mit Sponsoren. Dazu passen die Transparente: „Keller & Brand, never change a winning Team – euer Realitätsverlust macht uns Angst.“ Viel Applaus dafür. Dennoch, die Stimmung bleibt ambivalent. Beißender Witz statt hitzige Aggression. Und dieses Postulat klingt denn dann auch eher nach Adorno als nach Ultras: „Die einzige kontinuierliche Klubentwicklung ist die Distanz zur Basis“ – freundlicher Applaus dafür. Sauerers Appell zeigt Wirkung. Brav bleiben die Fans nach dem Abpfiff auf ihren Plätzen, um auf der viel zu kleinen Leinwand zu klassischen Klängen Luftbilder einer Drohne zu bestaunen.

Angry young men

Wie ätzte Lenin? „Wenn deutsche Revolutionäre einen Bahnhof stürmen, lösen sie vorher eine Bahnsteigkarte.“ Als sich die Gitter öffnen, stürmt ein zorniger junger Mann von der Gegengerade Richtung Kabineneingang. Ein langer Weg. Bestaunt von Familienvätern und ihren Kindern läuft er im Slalom und stoppt an der Brust eines Security-Schranks. Rund um die beiden Senfgläser in Litfaßsäulenformat formieren sich rund 100 dieser angry young men: „Ihr macht den Verein kaputt, ihr Wixxer …“

Dann stehen sie da. Etwas ratlos. Hin und wieder hebt einer die Faust, „Keller raus“, die anderen stimmen ein, „ihr macht den Verein kaputt, ihr Wixxer …“, Fäuste im Rhythmus, Warten auf Keller oder Rothammer oder Godot, wer weiß das schon. Die Wachleute glotzen zurück. Königs, Hein und Lorenzy schlüpfen durch. Von der Tribüne neugierige Blicke. Die Konfrontation entfällt mangels Gegner. Die Menge löst sich langsam auf. Picknick im Grünen. Einpacken, abräumen.

Welches Gerüst?

Es wird auch Fußball gespielt an diesem Nachmittag – und vor dem Hintergrund einer Saison, in der dem SSV Jahn stramme 0,8 Punkte im Schnitt gelangen, gar nicht mal so schlecht. Wenn man Christian Brands Worten Glauben schenken kann, soll heute das Gerüst der künftigen Regionalliga-Mannschaft auf dem Platz stehen. Abziehen muss man sicher Andi Güntner, der sich in die USA verabschiedet, und Patrick Lienhard, der bereits bei Eintracht Trier unterschrieben hat.

An Dominik Bergdorf hatten wir uns nach Loboués Auszug aus dem Tor ohnehin schon gewöhnt. Klar, Markus Palionis hat als einziger schon unterschrieben, eine Bank. Der Vertrag von Kolya Pusch gilt weiter. Die üblichen Stützen aus der Region, Oli Hein, Wastl Nachreiner – von den Verletzten vielleicht noch Thomas Kurz, Fabian Trettenbach, Gino Windmüller und die Nachzügler Matthias Dürmeyer und Sven Kopp. Aber wie sieht’s nun mit den Kriseneinkäufen nach Alex Schmidt aus? Gregory Lorenzi? Die launischen Mittelmächte Marvin Knoll und Marcel Hofrath? Und ist Marco Königs mit seiner Ausstiegsklausel wirklich zu halten? Und Uwe Hesse? Vom angeschlagenen Aias Aosman gar nicht zu reden …

Turm verpackt wie von Christo

Die Antwort auf diese Fragen liegen ebenso im Trüben wie die gesamte Gegengerade beim Anpfiff –Turm und Turmbesetzung hüllen sich in Rot und Weiß. Die Ruhe vor dem Sturm. Es fallen die Hüllen und das Üben für den ESC heute Abend kann beginnen – zwölf Punkte für diese Performance. Andi Güntner bedankt sich mit beherztem Einsatz: Freistoß für Fortuna aus 18 Metern drei Meter vorbei (2.) Wenn man sich in dieser Saison auf etwas verlassen kann, dann auf die fleißige blonde Biene: Uwe Hesse legt für Marco Königs auf, Keeper Alexander Monath wehrt den Flugkopfball zur Ecke ab (5.). Hesse über rechts, Patrick Lienhard kommt nicht richtig dran, Oli Hein schlenzt im zweiten Anlauf vorbei (7.).

Kialka gefällig bis zum Strafraum

Zur Abwechslung mal eine Avance über Marcel Hofrath auf der linken Seite, Königs ist am kurzen Pfosten noch dran, zielt aber knapp daneben (9.). Zwischendurch wacht die Fortuna immer wieder mal auf – besonders der agile Thiemo-Jerome Kialka bringt die SSV-Abwehr ins Schwimmen. Aber wie schon zu seinen Regensburger Zeiten geht ihm halt ein wenig das Vollstreckergen ab. Nach einem harmlosen Pass fasst Bergdorf fast daneben, im zweiten Anlauf fischt er das Ding aber runter (10.). Und als Kialka wieder mal frei am 16er operieren darf, zappelt er so lange rum, bis Wastl Nachreiner ein ganz langes Bein dazwischen bekommt (14.).

„Zeigt euch, Olli!“

Oli Hein kann sich bis zur Grundlinie durchsetzen, die Hereingabe ist aber zu ungenau (15.). Als Hofrath im Sechzehner freigespielt wird und es endlich nach der überfälligen Führung riecht, muss Monath nur lange genug stehen bleiben, damit ihm Hofrath den Gefallen tut, ihn anzuschießen – und auch Königs schafft‘s im Nachgang nicht, seinen siebten Treffer zu erzielen (20.). Kurz darauf verpasst Lienhart frei vorm Tor den Abschluss (23.). Als Hesse in der eigenen Hälfte mal ein wenig unter Druck gerät, bellt Brand: „Zeigt euch, Olli!“ Da fordert einer Konzentration in jedem Moment. Palionis versucht’s aus 20 Metern – ein halber Meter liegt zwischen Ball und Latte (25.). Bei Lienhards Aktionen kann man immer wieder beobachten, woran die Beziehung letztlich gescheitert sein mag:

Er fordert den Ball, ist im Kurzpassspiel sicher und genau, aber auch wenn er seine ganzen 50 Kilo Lebendgewicht reinlegt, bleibt er an jedem Abwehrschrank hängen (30.). Nach einem Riesenbock von Hofrath wieselt derselbe Lienhard aber auch zurück und rettet die Situation (38.). Auf der anderen Seite zielt er schon wieder aus rund 20 Metern um eine Armlänge drüber (39.). Und noch einmal marschiert der Wirbelwind wie Fimpen, der Knirps, durch zehn Mann und rennt den letzten Gegenspieler schließlich um – Stürmerfoul (40.)

Anfeuerung fürs Stadion

Tja, zwischendurch fragt sich so mancher im Publikum, wen man da eigentlich anfeuern möchte? „Jahn-Stadion …“, vernimmt man eine schüchterne Stimme, die bald vielfach verstärkt erklingt – das gute alte Jahn-Stadion als Sieger der Herzen. Mittlerweile erleben wir die fünfte Hereingabe von Oli Hein, die um ein Mückenbein zu kurz gerät (41.) Das war nun wirklich das Dümmste, was man aus dieser Chance machen konnte: Zwei Kölner dribbeln sich in einer 2-2-Situation bis zum 16er durch, und legen dann auf Kialka zurück, dessen Schuss aus 20 Metern eine Handbreit daneben geht (43.).

Stochern bis zum Torjubel

Und als keiner mehr daran glaubt, stolpert der Jahn im dritten Anlauf doch noch eine Gurke ins Netz – erst versucht Hofrath Pusch anzuspielen, dann stochert Lienhard zusammen mit zwei Verteidigern nach der störrischen Kugel. Schließlich kullert sie doch Kolya Pusch vor die Füße und er schiebt zum 1:0 ein (45.) – der Winterneuzugang jubelt, als ob er in der 93. ein Finale entschieden hätte. Und wenn’s mal flutscht … Lienhard zirkelt eine Ecke auf Andi Güntner – der steigt, mit den Gedanken wohl schon im Flieger Richtung USA, am höchsten und köpft perfekt ins lange Eck – 2:0 noch vor der Pause, haben wir auch nicht alle Tage (45.).

Rote Rauchsäule über dem Agrippina-Hochhaus

Die zweite Halbzeit beginnt, wie die erste endete. Lienhard geht über links, Königs ist aber heute einfach nicht richtig in Schuss (46.). Dann quält sich Hesse über rechts durch, kommt aber erst hinter der Grundlinie mit den Zehen an das Ding (47.). Jetzt schlägt die Stunde für den großen Auftritt der Gegengerade: Rotes Rauchpulver steigt aus dem SSV-Block auf und steigt und steigt über das Agrippina-Hochhaus hinaus.

„Wir wollen bei dir sein“, singen die Fans und weil das Rot nicht mehr enden will, schreitet Stadionsprecher Christian Sauer mit sonorer Stimme ein. Am Applaus von der Nord-Tribüne ändert das so wenig wie an der Kondition der Rauchmelder. Als nach einigen Minuten Unterbrechung Schiri Marcel Göpferich (Bad Schönborn) das Spiel wieder anpfeift, knüpft der SSV da an, wo er aufgehört hatte – im Strafraum der Gäste. Angriff über links, Hofrath mit der Hereingabe, aber Pusch kommt nicht ganz heran (53.).

Hesses Doppelschlag

Und dann führt doch noch einer von Heins Flügelläufen über rechts zum Bingo – nach scharfer Hereingabe kann Uwe Hesse am langen Pfosten das Runde über die Linie drücken 3:0 (55.). Alles läuft, nur nicht bei Hofrath – der stolpert in den Strafraum und statt an Hesse weiterzugeben, legt er sich lieber hin (55.). Dafür spielt Königs, wenn er heute schon selbst nicht trifft, Hesse am 16er frei und das blonde Gift knallt die Kugel an den linken Innenpfosten, von wo sie ins Tor springt – 4:0 (56.). Man hätte die Tore ein bisschen besser verteilen sollen, das hätte mehr Punkte gebracht. Zwei davon in Unterhaching zum Beispiel …

„Sven, ruhig Sven!“

Es hätte noch schlimmer kommen können für die verkaterten Kölner: Knoll bedient mit präzisem Pass Königs, der halbrechts aus spitzem Winkel an Monath scheitert – die anschließende Ecke köpft Palionis freistehend daneben (60.). Nachdem sich Hesse bei seiner Auswechslung den verdienten Applaus abgeholt hat, springt Andi Güntner dem jungen Kopp als Tutor bei: „Sven, ruhig Sven!“ So hätten sich Done & Co. die Betreuung der Jahn-Küken wohl vorgestellt – jedenfalls laut Begründung des Wahlaufrufs für Rech.

Als Hofrath den Ball an der Seitenlinie blockt und nicht recht weiter weiß, schlägt Trainer Brand schon etwas rauere Töne an: „Marcel, was soll das sein? Stehen bleiben oder weitermachen …“ Aber schließlich ist der Mann auch kein Youngster mehr. Das wollen die Fans sehen: Königs beißt sich gegen drei durch und legt noch im Fallen quer auf Oli Hein, dessen guter Schuss klasse pariert wird (73.).

Verbrüderung unter Domstädtern

Und dann muss nach einem Freistoß auch noch der Pfosten für die Fortuna retten (76.). „Och“, scherzt die fröhliche Kölnerin auf der Vortribüne mit den U10-Bubis, „den hätte unser Torwart eh gehalten.“ – „Wie lang musst du denn nach Hause fahren“, wollen die wissen. „500 Kilometer, so 5 Stunden – wart ihr denn noch nie in Köln?“, wundert sie sich. „Unser Dom sieht fast genauso aus wie eurer.“

Weil auf dem Platz jetzt nicht mehr der ganz große Zug zu verspüren ist, beschäftigt sich das Publikum mit sich selbst. Vereinzelte „Keller raus“-Rufe ertönen. „Wer soll raus?“, will Madame Colonia wissen. „Keller, der Sportchef.“ – „Na, da ist Nomen mal wirklich Omen“, zeigt sie Kölsche Schlagfertigkeit. Und die Jungs freuen sich: „Gell, unsere Fans sind geil?“ – „Sind sie?“ – „Jaaa, die lassen wenigstens noch mal die Sau raus.“

Servus Jahnstadion

Das letzte Wort hat Moderator Sauer, der das heikle Spiel doch noch gut über die Bühne schaukelt: „Ihr seid dabei bei diesem historischen Moment, wir genießen die Drohnenaufnahmen, bitte bleibt auf eurem Platz!“ Und weil sich wirklich alle an diese Devise halten, schließt er gerührt: „Ich weiß ja nicht wie's euch geht, ich sag jetzt nur danke an die Gegentribüne, an die Nordtribüne und die Haupttribüne – ich sag ,Servus Jahnstadion‘.“ Die leise Antwort: „SSV … Servus Keller!“