So könnte es klappen mit dem Klassenerhalt: erste Etappe Erfurt
„Einfach“ nur noch Jahn-Siege

Christian Brands missglückte Premiere beim 0:1 gegen Tabellenführer Bielefeld. Aus einem 0,63-Punkteschnitt muss der Coach fortan ein 2,1 zaubern. Bilder: Herda/Baumann
Sport
Regensburg
13.03.2015
18
0
 
Christian Brands missglückte Premiere beim 0:1 gegen Tabellenführer Bielefeld. Aus einem 0,63-Punkteschnitt muss der Coach fortan ein 2,1 zaubern. Bilder: Herda/Baumann
 
Schreckgespenst Carsten Kammelot ist gesperrt: Er schoss im Hinspiel beide Tore beim 2:0 für Erfurt.
 
Wird dem Jahn diesmal nicht den Gefallen tun können, einen Elfer und eine rote Karte zu verursachen: André Laurito.

Zehn Spiele, zehn Punkte. So viel Weg ist noch zu gehen, so groß ist der Abstand zum Nichtabstiegsplatz – einen Punkt pro Spiel gut machen, bedeutet für Jahn Regensburg in etwa: sieben Siege, um auf die vermeintlich sicheren 40 Punkte zu kommen. Das ist … optimistisch. Das Restprogramm deshalb vor allem eine Herausforderung für die psychologische Abteilung. Erster von zehn Schritten am Samstag, 14 Uhr, gegen Rot-Weiß Erfurt.

Der letzte deutsche Kaiser hat nicht gerade viele Bonmots hinterlassen. Dafür fehlte dem preußischen Kriegstreiber Wilhelm II. das Format. Eines aber blieb: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ Jahn-Trainer Christian Brand spitzt diese Formulierung noch einmal zu: „Der Gegner interessiert mich nicht mehr, ich schaue nur noch auf uns – weil es nur noch darum geht, wie wir die Spiele gewinnen.“ Frei nach dem Motto: „Sind wir nicht alle ein bisschen jahnsinnig?“

Drei Punkte zum Aufstiegsplatz

Ein Trainer muss tun, was er tun muss. Wir aber dürfen dennoch einen Blick auf die Gäste werfen. Rot-Weiß Erfurt (7./46) ist mit vier Siegen in die Rückrunde gestartet, musste zuletzt aber Niederlagen gegen Kiel und Wiesbaden einstecken – trotz dieser Rückschläge beträgt der Abstand zum direkten Aufstiegsplatz nur drei Pünktchen. Im Vergleich zu Regensburgs Unternehmen „10-Punkte-Schlacht“ ein überschaubares Vorhaben, das RWE-Trainer Walter Kogler gerne gleich im Jahn-Stadion umsetzen würde.

Damit auch keiner seiner Jungs den abgeschlagenen Tabellenletzten auf die leichte Schulter nimmt, warnt der Österreicher überlaut: „Regensburg is‘ ein Team, wos bis zum Umfoll‘n kämpft.“ Sein Wort in allen Jahn-Ohren. „Sie steh‘n mit dem Rück‘n zur Wond“, weiß der Kärntener, der vor Erfurt vier Jahre Wacker Insbruck trainierte. „Giftig und präsent zu sein“, gilt dem 48-Jährigen deshalb als Grundtugend.

Schreckgespenst Kammlott gesperrt

Schlecht für die Thüringer, gut für den Jahn: Mit Carsten Kammlott fehlt Gelb-gesperrt gerade der Ritter der Tafelrunde, der gute Aussichten gehabt hätte, die Tradition der Hattrickser gegen den Jahn fortzusetzen. Der 25-Jährige aus dem Kyffhäuserkreis – Grüße an Barbarossa – hatte zwei seiner vier Saisontore gegen den Jahn geschossen. Und ist damit Torschützenkönig des Teams aus der Landeshauptstadt. Ersetzen könnten ihn der Riesen-Ösi Christian Falk (1,94 Meter) oder die Bullen-Leihgabe Federico Palacios-Martinez. Ihr Charme aus Regensburger Sicht: Bei beiden prangt bislang die rote 0 auf dem Torkonto.

Eher unwahrscheinlich ist der Einsatz des alten Bekannten André Laurito. Das ehemalige Jahn-Kopfballungeheuer von Karlsruhe ist verletzt und wird kaum Gelegenheit haben, erneut einen Elfmeter für die ehemaligen Kollegen zu verursachen – auch wenn er sich um die Oberpfälzer ernsthafte Sorgen macht. Umgekehrt spielte Aykut Özturk einige Jahre für die Mannschaft, die die „Mission 2016“ ausgerufen hat, um bis dahin Zweitliga-Fußball und eine multifunktionale Arena zu realisieren – für dieses Ziel zeichneten Fans bereits Emissionsscheine im Wert von 630.000 Euro. Respekt!

Zwischen, in und unter den Zeilen

„Welcher Spieler in welchem Verein mal irgendwie gespielt hat, interessiert mich bei der Vergabe der Startplätze jetzt nicht so“, kann sich Jahn-Trainer Christian Brand nicht für das Klischee erwärmen, dass ein Ehemaliger gegen den Ex-Verein besonders motiviert zu Werke geht. „Entscheidend ist immer, dass der Spieler Leistung anbietet“, sagt er mit fahlem Blick nach unten ins Leere und hochkonzentriert, als wolle er jedes Wort auf der Emissionswaage der Erfurter abwägen. „Aykut ist einer von 18 Spielern, die die Option haben, vielleicht am Samstag zu spielen.“ Muss man da zwischen den Zeilen lesen, dass das Leistungsangebot des gebürtigen Hessen bisher dürftig ausfällt?

Weder in noch zwischen den Zeilen lässt sich das klare „njet“ zu einer Premiere Hannes Þorsteinn Sigurðsson deuten. Der Mann aus Reykjavík lieferte beim 0:0-Testspiel gegen den erwartet schweren Gegner Bad Abbach eine ordentliche Leistung ab, steht aber genauso wenig im Kader wie die nach wie vor Verletzten Fabian Trettenbach, Lukas Sinkiewicz und Basti Nachreiner. Daniel Franziskus laboriert an Oberschenkelproblemen und Andreas Geipl knickte ohne Feindeinwirkung beim Testspiel um und ist quoque keine Option für Samstag. Einziger Lichtblick: Gelbsünder Grégory Lorenzi steht wieder in der Viererkette.

Galgenhumor rund um die rechte Abwehrseite

Galgenhumor zeigt der Trainer, wenn man ihn auf Regensburgs schlimmste Achillessehne anspricht – Oli Heins gelbroter Platzverweis reißt hier abermals eine Lücke. Der Coach lacht sinnierend und nennt als Alternativen für die rechte Außenverteidigerposition: „Herzel, Güntner, Hesse ... das sind sie so.“ Es könne schon sein, dass es einen Favoriten gebe, deutet Brand an. „Vielleicht ändern wir auch noch was an der Grundordnung – ich hab‘ da natürlich schon was im Kopf, wen man da aufstellen kann.“ Irgendwie und sowieso könnte man sich vorstellen, dass es Stani Herzel nicht sein wird.

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sei die Stimmung in der Mannschaft – den Umständen entsprechend – „ganz o.k.“. „Die Woche ist natürlich nicht so gut gelaufen“, blickt er auf die Nachholspiele von Großaspach und Mainz zurück, die beide auswärts einen Dreier einfuhren und somit den Abstand auf Regensburg weiter vergrößerten. „Für mich hat sich überhaupt nichts geändert“, pfeift der Cheftherapeut unverdrossen im finsteren Tabellenwald, „morgen ist Erfurt, wir schlagen Erfurt, fahren dann nach Kiel, haben dann noch zwei weitere Heimspiele und sind dann wieder im Rennen“. So einfach kann Klassenerhalt sein.

Erstmals zum heimlichen Favoriten erklärt

Und obgleich ihn der Gegner nicht interessiere, so gibt es aus psychologischer Sicht doch einen Aspekt, auf den er gerne verweist. „Erfurt hat in den letzten beiden Spielen 1:6 Tore und keinen Punkt geholt – von daher erwarte ich, dass wir da morgen mutig nach vorne spielen, den Gegner beschäftigen, weil er auch in der Defensive Probleme hat, und wir eigentlich für gewöhnlich in der Offensive recht gut sind, wenn wir das abrufen, was wir können.“ Ein Bandwurmsatz des gelernten Journalisten, der den Jahn erstmals in der Ägide Brand zum heimlichen Favoriten stempelt – hoffentlich können die Jungs mit diesem Druck umgehen.

Was soll der Niedersachse mit Schweizer Imigrationshintergrund aber auch anders sagen? „Aufgeben ist keine Option.“ Klar wie Wassersuppe. „Ich will jetzt keine Floskeln dreschen, aber es ist doch einfach so, wenn wir morgen Erfurt schlagen und die anderen nicht gewinnen, dann sind‘s wieder sieben Punkte und klar, dann fährt man nach Kiel und das ist alles noch weit weg, aber für uns ist nur wichtig, dass wir unseren Job machen.“ Da kommt Freude auf, wenn der Lohn eines Sieges, der erst eingefahren werden will, im besten Fall „nur“ noch sieben Punkte Rückstand ist und danach die Fahrt zum Zweiten lockt.

Antidepressiva: Blick auf Tabelle verboten

Deshalb hat Brand völlig recht, wenn er seinen Schutzbefohlenen den Blick auf die Tabelle kategorisch verbietet: „Es macht einfach auch keinen Sinn mehr auf die Tabelle zu schauen.“ Stimmt, ansonsten könnte man nur noch mit Antidepressiva auflaufen und schon hätten wir wieder die Doping-Debatte am Kochen. „Die Öffentlichkeit, das Umfeld im Verein, die Fußballwelt sagt ja, Regensburg ist abgestiegen“, beschreibt er die Außensicht. „Jetzt kann man sich als Fußballer diesem Schicksal beugen und sagen, ja, alles ist schlecht, wir sind abgestiegen – oder man entwickelt eine Trotzhaltung beziehungsweise auch aus einer inneren Stärke heraus eine Haltung, in der man sagt, da ist überhaupt noch nicht entscheiden, wir haben noch so und so viele Spiele.“

So und so viele sind genau zehn mit maximal 30 Punkten – für die 21, die zur 40 fehlen, wäre also ein Schnitt von 2,1 nötig. Kaum vorstellbar, wenn man sich die Fehler beim 1:4 in Cottbus, beim 2:3 gegen Dresden, beim 0:3 in Münster vergegenwärtigt. Und den bisher erreichten Durchschnitt von stattlichen 0,67. Brands persönliche Bilanz macht‘s nicht besser: 0,63. Angesichts der nackten Zahlen ist die Gelassenheit des Ex-Werder-Profis schon erstaunlich, man möchte sagen: Zen, oder die Kunst der Durchhalteparolen.

Religiöse Dimension

„Und dann entwickelt man vielleicht auch eine Kraft, oder nicht nur vielleicht, sondern, davon gehe ich aus, weil es geht ja für jeden Sportler darum, sich zu präsentieren und ein bisschen von sich selbst zu verkaufen, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, glaube ich, auch für morgen.“ Hat eine religiöse Dimension, am Tag nach Freitag, dem 13., ziehen wir gerne alle Register, die sich noch nicht verkantet haben. „Wir müssen die Zuschauer auf unsere Seite ziehen, wir müssen einfach den Leuten zeigen, dass wir da sind und dass wir uns noch lange nicht aufgegeben haben.“ Zehn Spiele, lautet das Mantra, davon sechs Heimspiele, „und ich hab den Fokus nur auf das Ziel Klassenerhalt gerichtet und alles andere interessiert mich nicht“.

Sicher. Ein wenig blaß um die Nase ist Christian Brand schon bei der Pressekonferenz. Das heute mützenlose Haupthaar ist zerzaust und das Lächeln kommt ihm sparsamer über die Lippen. Dennoch, der schmale Mann macht nicht den Eindruck, als glaube er selbst nicht mehr, was er da sagt: „Es hat auch niemand gesagt, dass es einfach wird. Naja, es muss nicht immer nur Spaß machen. Es ist auch eine sehr sehr spannende Aufgabe mit all den Facetten.“

Am Schluss überm Strich – mit oder ohne Lizenzentzug

Euphorie nach den ersten drei Spielen der Rückrunde, dann wieder Absturz. „Dann hat man eine Niederlagenserie und die würde ja, wenn jetzt ein normaler Saisonverlauf gewesen wäre, gar nicht so sehr ins Gewicht fallen.“ Aber beim Tabellenletzten gebe es einfach keine Luft, solche Niederlagen wegzustecken. „Aber was ist die Option? Das sind Profis und die werden alles reinhauen, und das wird man morgen auch wieder sehen.“

Und so lange sich das rechnen lasse, wolle er sich sportlich qualifizieren – am Schluss über dem Strich stehen. Der letzte Strohhalm: Lizenzentzug bei möglichst vielen Mitbewerbern. „Klar, wenn das dann auch eine Option ist, ist es wichtig, dass man nicht als Tabellenletzter abschließt – darauf arbeiten wir hin.“