Sportfreunde Lotte drehen in irrer Power-Hitzeschlacht ein 0:2
Last-Second-Pleite für Jahn Regensburg

Diskussionsstoff auf der Jahn-Bank: Heiko Herrlich konnte mit dem Einsatz seiner Jungs zufrieden sein, nicht aber mit dem Ergebnis. Bilder: Göpel
Sport
Regensburg
10.09.2016
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Flotte Lotte im Glück: Last-Second-Sieg der Westfalen.
 
Jann George mit der nur scheinbaren Vorentscheidung zum 0:2 schon eine Minute nach der Führung.
 
Wirklich ein Regelverstoß? Kolja Pusch umspielt den Keeper und netzt ein - kein Tor.
 
Lottes umstrittenes Abseitstor.
Lotte: Frimo-Arena |

Das Spiel wäre einen Zuschauerrekord Wert gewesen: So sahen nur 1500 Hardcore-Fans einen Sahara-heißen Schlagabtausch, der keinen Verlierer verdient gehabt hätte. Nach 94 erschöpfenden Minuten wuchtet Jaroslaw Lindner das 3:2 für die Sportfreunde Lotte in den Winkel. Dabei hatte Jahn Regensburg schon mit 2:0 geführt und nach der Pause Chancen für zwei Auswärtssiege.


Nur Roboter können solche Spiele kalten Mutes analysieren. Klar, dass dieser Krimi die Gemüter erhitzen muss. Wie weh tut das denn, wenn man 94 Minuten bei gefühlten Wüstentemperaturen alles reinhaut, was Mutter Fußball zu bieten hat: Leidenschaft, gesunde Härte, Esprit – und am Ende steht man nach Doppelblitz-Toren zum vierten Mal in Folge (Hertha, das Bezirksliga-Alesia, Aalen und Lotte) mit leeren Schweißhänden da!

Sobald sich der erste Frust setzt, muss man aber auch anerkennen: Selten haben wir in den letzten Jahren einen so aufopferungsvollen Fight erlebt, in dem zu jeder Zeit alles möglich war:
ein Rückstand unmittelbar vor den beiden Führungstreffern
der Ausgleich Sekunden nach der Pause
ein 4 bis 5:1 in der anschließenden Powerplayphase
eine deutliche Führung der Lotteraner durch pfeilschnelle Konter.
Wäre Fußball kein Spiel, sondern ein diplomatischer Vergleich, die beiden Trainer hätten sich sicher in der 90. Minute auf ein gerechtes Remis geeinigt. So aber ist Roulette – da springt die Kugel in letzter Sekunde aus der Null auf Blau, rien ne va plus, kein Glück für den Bayer, für Lotte ein Dreier.

Herrlichs Erfahrung: „So was wird bestraft“

„Es ist bitter, wenn man in der Nachspielzeit nach einer 2:0-Führung das Spiel noch herschenkt“, benennt Jahn-Trainer Heiko Herrlich in der PK das Offensichtliche. „Ich denke, ein Unentschieden wäre sicher gerechter gewesen.“ In der ersten Halbzeit habe sein Team ein bisschen mehr Spielvorteile gehabt, man sei zurecht mit 2:0 in Führung gegangen. „Das war schwer zu verteidigen“, nimmt er die gegnerische Abwehr in Schutz, „unsere schnellen Außen, die besonders über Erik Thommy immer wieder durchgekommen sind.“ Aber es sei klar gewesen, dass Lotte bei Standardsituationen brandgefährlich sei: „So kommen sie zum Anschluss.“

Direkt nach der Halbzeit habe man zunächst das mögliche 2:2 gut verhindert: „Wir hatten dann vier sehr gute Möglichkeiten, wo wir dann den Sack hätten zumachen und den Gegner in der Hitze vielleicht ein bisschen laufen lassen können.“ Die Chance habe man verpasst. „Meine Trainererfahrung zeigt mir immer, dass so was dann bestraft wird, was es dann am Ende auch wurde.“ Dennoch: „Glückwunsch an Lotte.“

Heyer stand im Stau

SV-Trainer Ismail Atalan sah in der ersten Hälfte ein Spiel, bei dem seine Jungs zunächst den Zugriff verpassten: „Wir mussten uns erst mal finden, weil kurz vorm Anpfiff die Aufstellung ändern mussten, Moritz Heyder stand im Stau und konnte nicht spielen.“ Das habe man dem Spiel einfach angemerkt. „Wenn zwei Tore innerhalb von 75 Sekunden fallen, dann haben wir einiges falsch gemacht.“ Aber Atalan habe es ja immer gesagt: „Wir spielen sehr offensiv, stehen sehr hoch, wie Regensburg auch: „Dann darf man es den Jungs auch mal verzeihen, wenn sie Tore kassieren.“

Vor allem, wenn auch die andere Mannschaft so mitspielt: „Das war meines Erachtens bisher der stärkste Gegner, der sich hier präsentiert hat.“ Dann sei man mit dem 1:2 wieder zurückgekommen. Nach der Pause müsse man alle 22 Spieler loben: „Es war wie beim Tennis, mal war da eine Torchance, mal da wieder.“ In der Trinkpause habe er gefragt: „Hey, Jungs geht’s noch, sollen wir etwas weniger Pressing spielen, aber alle wollten nach vorne spielen.“ Auch mit einem 2:2 wäre der Trainer zufrieden gewesen: „Ich wünsche Regensburg alles, alles Gute, danke!“

Herrlichs Taktik: Mit den Waffen des Gegners

Heiko Herrlich hat Regensburg optimal auf die selbstbewussten Westfalen eingestellt: Die kommen gar nicht dazu, Ismail Atalans Drohung wahrzumachen, den Jahn von Beginn an unter Druck zu setzen. Was der Jahn-Coach von den flotten Lottern erwartet hat, setzen nun die Rot-Weißen um: Sie laufen die Blauen bereits am eigenen 16 er an. Erste aussichtsreiche Kombination über Erik Thommy, der von der Mittellinie durchstartet, das heimische Mittelfeld stehen lässt und für Nandzik ablegt – der Winkel ist zu spitz für den blonden Linksverteidiger (9.). Und noch einmal Thommy, der nicht zu stoppen ist, Lais bekommt den Sahnepass, zieht sofort ab, Benedikt Fernandez auf dem Posten (10.).

Alex Nandzik spielt ein ums andere Mal seine Spurtqualitäten aus, lässt seinen Gegenspieler über die Frage rätseln, wo der kleine Blonde den Ball versteckt hat, und flankt vors Tor – Keeper Fernandez hebt den sich gefährlich aufs Tor senkende Ball über die Latte (14.). Über Pentkes Qualitäten als Chancenkiller muss man nicht reden – nur an seinen Abstößen kann er noch feilen: Die langen spielt er oft ins Aus, ein kurzer führt fast zum Eigentor: der Keeper peilt Knoll an, der am 16er von zwei Blauen flankiert unkontrolliert zurückspielen muss – Pentke richtet mit Grätsche seinen Faux-pas gerade (15.).

Pentkes Boxer-Qualitäten

Für gefährliche Standards ist Lotte ja bekannt: Die Ecke kann die Jahn-Abwehr zwar zunächst klären, der Nachschuss aber schlägt nur Zentimeter neben dem linken Pfosten in der Werbebande ein (21.). Nächste Gelegenheit für die Gastgeber, die langsam ihren Stau-Kameraden vergessen machen: Deutsch-Portugiese Kevin Pires-Rodrigues freut sich über den Assist 25 Meter vor dem Tor, Pentke pariert das Ding (26.). Eric Müllers Schiri-Linie ist nicht immer stringent: Erst pfeift der Bremer jeden Pups, nicht aber, wenn Pusch von hinten in die Haxen gegrätscht wird. Jetzt dann doch Gelb gegen Alexander Langlitz, der erst Pusch nach Abpfiff umschubst, dann Thommy in die Hacken drischt (35.).

Marc Lais verursacht 30 Meter vor dem Regensburger Kasten den Freistoß für den deutsch-polnischen Ballkünstler André Dej – die Kugel flitzt rechts unten in die Ecke, Pentke lässt sich davon nicht entmutigen und klärt zur Ecke (39.). Die Entschärfung von Standards gehört nicht zu den ganz großen Stärken der Oberpfälzerer: Wieder steht ein Lotterspieler blank am Fünfer, und Pentke reagiert wie ein Boxer unter Mike Tysons Fausthagel (41.).

Rasante zwei Minuten und ein Haareraufen

Es folgen die rasantesten zwei Minuten der Regensburger Offensive: Marco Grüttner verdient sich als Mittelstürmer ein Sonderlob für die Balleroberung im Mittelfeld und das Auge für Nandzik, der die linke Linie bis zur Grundlinie flitzt – seine halbgare Hereingabe nimmt sich aber Matthias Rahn so zu Herzen, dass er anstatt ins Aus in den eigenen Winkel klärt, 0:1 (41.). Nur eine Minute später kontert Erik Thommy alles aus, was zwei Beine hat und legt dann auch noch im 16er genial für Jann George auf, der überlegt einschiebt, 0:2 (42.).

Sic transit gloria Jahni: Wenn du denkst, jetzt geht nichts mehr für die Schach gestellten Blauen, dann entwickelt die SSV-Abwehr eine besondere Form des Altruismus: Wer steht denn da daneben und rauft sich die Haare, nachdem der völlig freie Kevin Freiberger eine Maßflanke von rechts zum 1:2 ins Netz köpft (44.)? Nachher weiß man es immer besser: Bei Flanken an den Fünfer springt man mal besser mit hoch.

Lottes letztes Sturmaufgebot

Mit Jaroslaw Lindner statt des rot-gefährdeten Langlitz hat Lotte jetzt fünf nominelle Stürmer auf dem Platz. Noch eine typisch Regensburger Schwäche: Da hat man nach dem Flügellauf des frisch eingewechselten Lindner den Ball schon geklärt, dann kommt die zweite Kugel nach innen – schwacher Abschluss von Pires-Rodrigues aus 20 Metern (46.). Im direkten Gegenzug schickt Andi Geipl Benedikt Saller auf der rechten Außenbahn, der steckt für Grüttner durch, welcher vom 16er abzieht – der Vergleich schenkt sich nichts, auch das ist optimierbar (47.).

Da Lotte jetzt fast keine Abwehr mehr auf dem Feld hat, kann der Jahn nach Belieben sein Powerplay aufziehen – in den ersten zehn Minuten nach dem Wechsel muss der SSV dieses Spiel entscheiden. Die Defizite sieht auch SV-Trainer Atalan und bringt Staumann Moritz Heyer für Luka Tankulic (53.). Dennoch geht erst mal die großzügige Chancenverschwendung der Regensburger munter weiter: Kolja Pusch geht durchs Mittelfeld wie der Löffel durch den Joghurt, genau getimter Lupfer auf Thommy, der etwas in Rücklage drüberschnalzt (55.).

Ausgleich bremst Jahns Drangphase

Das erinnert an die erste Halbzeit mit verkehrten Vorzeichen: In der besten Phase der Oberpfälzer gelingt Lotte der glückliche Ausgleich: Erst ist Pentke im 1:1 gewohnt reflexsicher, doch die Kugel fällt dem Pires-Rodrigues vor die Füße, der nur noch die Zunge rausstrecken und einnetzen muss, 2:2 (56.). Großes Fußballkino jetzt im betulichen Westfalen: beide Mannschaften spielen weiter Vollgas auf Sieg.

Nach Eckenstafette muss Grüttner das Ding einfach nur noch reinmachen, aber Fernandez bringt wieder seine Hände dazwischen (62.). Die Hausherren werden langsam ihrem Ruf als Rabauken der Liga (knapp vor Regensburg) gerecht: Pechvogel Rahn sieht zurecht Gelb, weil er mal wieder zu spät dran ist (62.). Von wegen der Jahn würde hier auf Konter spielen: Es sind die Sportfreunde, die ein ums andere Mal die Lücke in der Mittelfeldkette suchen und ständig den Ball steil schicken – Knoll klärt vor Rosinger (64.).

Knifflige Torwart-Experten-Frage

Und jetzt eine Szene für die Torwartregel-Experten: Nach den Regelauslegungen der FIFA darf ein Torwart nicht mehr attackiert werden darf, wenn er den Ball „festhält“ – was ist aber in diesem Fall passiert: Rodriguez kommt weit aus dem Kasten, wirft sich Richtung Ball und berührt die Kugel mit der Hand, Pusch spitzelt sie weg, umläuft den Keeper und netzt zum 3:2 ein.

Nach Fifa-Definition „hält“ ein Torwart den Ball, wenn er ihn mit beiden Händen festhält, ihn mit einer Hand gegen eine Oberfläche – zum Beispiel am Boden oder gegen den eigenen Körper – hält, den Ball in der ausgestreckten offenen Hand hält, ihn auf den Boden prellt oder in die Luft wirft. Sieht für uns nicht so aus, wohl aber für Schiri Müller, der den Treffer nicht gibt (70.).

Ohne Pusch & Co. die Linie verloren

Erik Thommy bleibt weiter Taktgeber in der Offensive, mit seinem Antritt schafft er Raum für die Mitspieler – der für George eingewechselte Patrik Džalto ist aber in solchen Situationen noch zu zögerlich, wühlt mit seinen Schuhen im Boden und schießt einen Gegenspieler an – George wäre hier vielleicht effektiver gewesen (66.). Laufduell auf der linken Seite zwischen Knoll und Freiberger, Knoll drängelt an der Grenze zum Foul mit dem Arm, Freiberger fällt etwas zu theatralisch, was den Schiri zum Weiterwinken veranlasst – nachvollziehbarer Unmut im Heimpublikum (77.).

Jetzt muss Pusch vom Feld – klar, der Mittelfeldmotor hat trotz Muskelfaserriss beim Spiel gegen Aalen schon wieder mächtig geackert, aber ganz wohl fühlt man sich in den letzten Minuten ohne diesen Schlüsselspieler nicht. Uwe Hesse soll mit frischer Kraft zumindest den Punkt mit retten helfen (79.). Das Spiel steht Spitz auf Knopf, aus einer Jahn-Ecke resultiert ein Lotte-Konter, ein Trio löst sich und steuert auf das Regensburger Gehäuse zu, Andi Geipl als letzter Mann kann sich nur schwer entscheiden, auf wen er sich konzentrieren soll, also muss es Pentke mit Spitzenreflex lösen (81.).

Nasenspitzen im Abseits

Und dann doch die Führung für die Lotteraner? Der souveräne Sven Kopp grätscht rechts außen Lindner von den Beinen. Freistoßflanke auf Freiberger, der am höchsten steigt und wuchtig ins Dreieck köpft – wir hatten es befürchtet. Doch dann in den Jubel hinein die Ernüchterung: Das Schiedsrichtergespann hat wohl eine Nasenspitze im Abseits gesehen und verweigert auch hier die Führung – ausgleichende Gerechtigkeit (86.)?

Den Karton hat sich André Dej verdient: Offenbar sauer, dass der Schiri zuvor ein Tackling weiter laufenlässt, stoppt er den Konteransatz mit der Handbremse (87.). Geipls direkter Versuch deutlich daneben (89.). Für die Nachspielzeit darf jetzt auch Markus Ziereis zeigen, dass er der Mann für die ganz besonderen Momente ist – allerdings muss dafür mit Thommy die nächste ganz starke Korsettstange aus dem Regensburger Gefüge weichen.

Eiskalte Klinge der Guillotine

Als dann in dieser furiosen Hitzeschlacht endlich alles nach einem unterm Strich gerechten Remis aussieht, schaut die Regensburger Abwehr fassungslos Jaroslaw Linder dabei zu, wie er sich im Stil eines Augenthaler mit Anlauf und Ansage rechts außen in den Strafraum tankt und aus spitzem Winkel die Kugel in den linken Winkel jagt – 2:3 (93.), das ist keine kalte Dusche, die bei diesen Temperaturen vielleicht noch gut getan hätte, das ist die eiskalte Klinge der Guillotine am Nacken.

Noch einmal darf der Jahn den Weg nach vorne suchen, aber woher soll die Mannschaft in der 94. Minute noch die Kraft nehmen, um einen Angriff konzentriert abzuschließen – noch dazu ohne das Spitzentrio Pusch, Thommy und George? Spiel gedreht, Punkte verschenkt, ganz bitterer Tag für die Regensburger, Sahnetag für das heimische Publikum und bravouröse Werbung für den Drittligafußball.

Von Platz 7 (10 Punkte) aus empfängt Jahn Regensburg nun am kommenden Samstag, 17. September, um 14 Uhr den Tabellendritten Fortuna Köln (12). Ein Sieg und Regensburg kann sich wieder am Relegationsplatz festkrallen – denn ein Platz in der Spitzengruppe ist die beste Versicherung gegen den Abstieg.
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