SSV Jahn entzaubert Ex-Bundesligist mit 3:0 und vier Mal Aluminium
Paderborns „falsche Elf“ gegen Regensburg“

So marschiert man ins Turnier: Kopf hoch bei Regensburg, Head down bei Paderborn. Bild; Herda
Sport
Regensburg
24.09.2016
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Marco Grüttners Kopfball zum 1:0. Bild; Herda
 
Standing Ovations für Doppelknipser Jann George. Bild; Herda
 
Kolja Pusch hadert mit den Fußballgöttern. Bild; Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Rund 200 der 4582 Zuschauer verfallen nach einer halben Stunde „Hurensohn-Gesängen“ in resignatives Schweigen. Ihr SC Paderborn wird von einem SSV Jahn vorgeführt, der passend zum goldenen Herbstwetter wieder sein anderes Gesicht zeigt. Das 3:0 zur Pause deshalb fast schmeichelhaft für völlig indisponierte Gäste. In der zweiten Hälfte verwaltet Regensburg problemlos das Ergebnis.

Das ist mal eine Ansage: Der sonst so feingeistige Momo-Liebhaber Heiko Herrlich, verlangt nach der beschämenden Null-Bock-Vorstellung in Zwickau von seinen Leuten, an den Gegenspielern zu kleben wie „Scheißhausfliegen“ – Mannometer, der Begriff führt sogleich zu einer Sperrung auf Facebook – ja, da sind die Amis eigen. Gut, man kann schon mal ein paar Jahre lang ungestört rechte Propaganda raushauen, aber der Lokus in Klarschrift ist zu viel für die sensiblen Lauscher von Schummelmilliardär Mark Zuckerberg und Konsorten.

Auf vier Positionen verändert nimmt sich der SSV Jahn Herrlichs Moralpredigt zu Herzen – unter anderem mit den Leuten aus der zweiten Reihe, die er nach dem Doppel-Pokal-Aus erstmal aussortiert hat: Elfmeter-Pechvogel Marcel Hofrath etwa bekommt die Chance zum Comeback auch deshalb, weil Dauerläufer Alex Nandzik angeschlagen ist und dessen Akku zuletzt arg auf Reserve zu laufen schien. Der Einsatz von Robin Urban für den verletzten Marvin Knoll war bereits beschlossene Sache. Außerdem kehren Marc Lais und Marco Grüttner für die am Dienstag enttäuschenden Benedikt Saller und Haris Hyseni zurück in die Startelf.

Müller: „Das war dann so nicht zu erwarten“


René Müller gratuliert anschließend artig zum „völlig verdienten Sieg. Wir waren zu keiner Phase des Spiel, gerade in der ersten Halbzeit, überhaupt in der Lage den Zweikampf zu suchen und geschweige denn zu finden, weil wir immer einen Schritt zu spät gewesen sind.“ Der Jahn habe auch geistig immer einen Schritt schneller gespielt – ganz schöne Gedankenakrobatik, die der SC-Keeper dem Jahn da zutraut. Dazu seien ein Haufen eigener Fehler gekommen. „Von daher war es eine Frage der Zeit, wann der Jahn das Tor macht – und das war dann, muss ich ganz ehrlich sagen, so nicht zu erwarten.“

Mit 3:0 in die Pause, danach habe man versucht, sich ein Stück weit zu sammeln, um eine vernünftige zweite Halbzeit zu spielen und das Personal etwas zu korrigieren. „Das konnte aber am Ergebnis nichts mehr ändern, eine völlig verdiente Niederlage, die wir hier einstecken mussten gegen einen guten Gegner, und meine Mannschaft, die vieles, vieles vermissen ließ, was sie in den vergangenen Spielen gut gemacht hat.“ 66 Stunden vom Abpfiff gegen Chemnitz (4:2) bis zum Anpfiff bei Jahn Regensburg: „Insofern muss man vielleicht festhalten, dass ich mich für die falsche Elf entschieden habe heute.“

Druck auf die Stammspieler

Eine so deutliche Reaktion hatte Jahn-Trainer Heiko Herrlich nun auch wieder nicht erwartet, denn: „Paderborn gehört sicher zu den Favoriten.“ Aber seine Mannschaft hätte ja schon gegen Wolfsburg und die ersten vier Saison-Spiele gezeigt, was in ihr stecke. „Für mich das entscheidende Kriterium: Bei aller Taktikdiskussion ist Fußball immer noch ein Kampfspiel, und diese Tugenden haben wir am Dienstag zumindest in der zweiten Halbzeit völlig vermissen lassen.“ Das eine schließe jedoch das andere nicht aus. „Wir haben außen den drei Toren noch vier sehr gute Chancen gehabt, und die einzigen Möglichkeiten des Gegners waren selbst produziert durch Fehlpässe.“

Herrlich wünsche sich, dass die Bereitschaft, alles rauszuhauen, und jeden Zweikampf anzunehmen, jetzt regelmäßig stattfinde und nicht nur punktuell. „Ich denke, dass ist die Basis, dass man die Liga hält. Wenn’s ein bisschen weniger ist, hat man in Zwickau gesehen, was passiert.“ Er freue sich über das 3:0. „Am allermeisten freut es mich für die Spieler, die reingekommen sind, wie Marcel Hofrath oder Robin Urban, die immer im zweiten Glied waren, dass wir jetzt Alternativen haben, die Druck auf die Mannschaft ausüben.“

Literarische Qualitäten

Wie sieht die erste Reaktion aus? Der Wille ist erkennbar, klar, dass nicht gleich brasilianische Kombinationen zu sehen sind. Dann schafft Erik Thommy zum ersten Mal etwas Raum im Mittelfeld, aber Marc Lais verheddert sich bei der Ballannahme – und gleich hat Paderborn Platz über rechts, Christian Bickel flankt, der slowenische Nationalstürmer Zlatko Dedič verbiegt sich vergeblich in der Luft, um noch an den Ball zu kommen (5.). „Regensburg Hurensöhne huhuhu“ – ein Wortschatz, der beeindruckt und mit dem sich der SC-Anhang fürs literarische Quartett empfiehlt.

Die Söhne Regensburgs geben die Antwort auf dem Platz, Kolja Pusch spielt seinen Freistoß an der Linie für Erik Thommy, dessen Hereingabe bleibt hängen (9.). Dann haben die Jahn-Fans schon den Torschrei auf der Zunge, aber der Augsburger Rohdiamant ist abseits (11.). Jetzt kommt die Phase, vor der André Müller sagt: „Ab Minute 10 ging es dann schon fast im Drei-Minutentakt, dass gefährliche Szenen auf unser Tor hereinprasselten.“ Dreifachchance für den Jahn: Erst schafft es der glänzend dribbelnde Thommy nicht, SC-Keeper Lukas Kruse zu überlupfen, dann säbelt George drüber. Schließlich scheitert Thommys noch mit einem Fallrückzieher und George am Pfosten (18.).

Thommy wirbelt auf beiden Seiten

Erneut ein prima Solo von Thommy, der auf beiden Seiten wirbelt, die Flanke aber ist unerreichbar. Wie Herrlich richtig analysiert: Der Jahn kann sich heute nur selbst in Schwierigkeiten bringen, wie durch Marc Lais Stockfehler, die er immer mal wieder einstreut (20.). Aber Paderborn hilft mit, dass sich das nicht rächt: Ballverluste in der eigenen Hälfte, und ein Freistoß in Pentkes Arme. Und dann passiert es doch: Thommy spielt rechts Ex-Bundesliga-Verteidiger Bickel schwindelig, der Sahnepass kommt genau auf Marco Grüttner Kopf, und der Ball zappelt zum überfälligen 1:0 im Netz (23.).

Beide Scheunentore jetzt offen: Erst aus dem Nichts der Konter, Pentke bleibt Sieger im 1:1 und im Gegenzug peilt Pusch nach feiner Drehung erneut den rechten Pfosten an (25.). Und noch eine Großchance. Pusch legt für Grüttner auf, der zielt knapp links vorbei (30.). Der Jahn ist einfach aggressiver, und das zahlt sich aus: Mit zwei Ballkontakten überbrückt der SSV das Mittelfeld, Pusch legt auf George zurück, George behält vorm Keeper endlich mal die Nerven, 2:0 (34.).

Kopps Rettungsgrätsche

Einziger Wermutstropfen: Marc Lais und Andi Geipl produzieren immer mal wieder Fehlpässe in der eigenen Hälfte und halten so das Spiel unnötig offen (35.) – dazu gesellen sich die haarsträubende Ausschüsse Pentkes, die zu den wenigen Chancen der Blauen führen: Sven Kopp hindert den einschussbereiten Dedič mit riskanter Grätsche am Anschlusstreffer (37.). Jetzt auch noch ein Wembely-Tor, das keines ist: Nach Thommys Ecke köpft Grüttner an die Unterkante der Latte, die Kugel springt, ja wohin? Auf die Linie, dahinter, davor, ohne Torlinientechnik nicht zu klären, es bleibt beim 2:0 (43.).

Paderborn spielt inzwischen wie der Jahn in Zwickau: Ballverlust von Ben Zolinski am Strafraum, George lässt sich nicht zweimal bitten und versenkt die Kugel links unten, 3:0 (45.) mit dem Halbzeitpfiff. Bei so einem Halbzeitstand lässt sich jedes Pausenprogramm aushalten. Heute ist der Landkreis Schwandorf zu Gast im Jahn-Stadion, und Landrat Thomas Ebeling (CSU) bekennt sich als Jahn-Fan der ersten Stunde – er sei schon als Bub zu den Spielen gefahren: „Der Jahn hat viele Fans im Landkreis Schwandorf, das ist unser Profi-Verein in der Dritten Liga.“

Müller versucht zu korrigieren

Der Schierlinger Pascal Itter und Marcus Piossek sollen dem Spiel der Gäste jetzt neue Impulse verleihen. Der Jahn zeigt phasenweise wieder das andere, man will nicht sagen, hässliche, aber doch auch nicht jolieske Gesicht: Feindbeobachtung aus der Distanz, ein Paderborner rechts im Strafraum frei, der kann den nächsten Sportclubberer anspielen, der schafft noch den Fallrückzieher, aber nicht den frühen Anschluss (46.). Vor Heiko Herrlich spielen sich ein paar kleine Judo-Szenen ab, Christian Bickel holt sich von Schiri Marco Fritz (Korb) Gelb ab (54.).

Jetzt möchte auch mal Kolja Pusch glänzen und versucht’s mit einem Effet-Dreh, gar nicht mal soweit vorbei (56.). Was ist nur mit Andi Geipl los? Etwas unkonzentriert wirkt der Aufstiegsheld, sein Aussetzer im Mittelfeld bringt die Gäste vors Tor, Pentke muss die Scharte auswetzen (58.). Der Jahn lässt Paderborn jetzt zu viel spielen – auch wenn selbst die Standards bislang kein Problem für Pentke darstellen. Warum spielt George nicht einfach Linie zum freigelaufenen Thommy? Stattdessen umständlich das 1:1 gewonnen und dann der Ballverlust (60.). Dafür umso besser sein Durchsetzungsvermögen beim nächsten Konter: Jann setzt sich gegen zwei durch und zielt knapp drüber (63.).

Puschs krachender Schlusspunkt

Der nächste schöne Seitenwechsel auf Thommy, und der schlenzt die Kugel fast aus 16 Metern rein, scheitert aber an einem Bein (65.). Benedikt Saller darf nun für Lais ran (70.). Und auch Paderborn schickt nochmal den frischen Robin Krauße ins Rennen. Man muss die Blauen sich nicht unbedingt warmschießen lassen wie in den letzten fünf Minuten (75.). Doppeltorschütze George wird mit Standing Ovations verabschiedet, Uwe Hesse mit dem nächsten Einsatz belohnt und Pusch gefällt mit schöner Weitergabe zu Geipl, der im 16er verstolpert (78.).

Schließlich bekommt auch noch Thomas Paulus zehn Praxis-Minuten (80.). Es ist ja nicht so, dass die Gäste gar keine Chancen hätten. Aber wenn man im Strafraum völlig frei einen Freistoß annehmen kann, sollte man die Kugel nicht wie ein lästiges Hindernis Richtung Pentke stolpern (82.). Im Gegenzug bringt Hesse von rechts die Flanke nicht genau genug auf Grüttner. Und Kolja Pusch will zaubern und entzaubert sich selbst – mit Kniefall im Strafraum (84.). Aber dafür setzt er den für dieses Spiel passenden Schlusspunkt: einen Freistoß bildhübsch an den Pfosten (90.).

Marco Grüttner sieht sich nach dem Spiel in seiner Ansicht bestätigt: „Wir waren die ganze Zeit eine Mannschaft, wir wollten zeigen, dass die Kritik nicht angebracht war.“ Das möchte man dem SSV Jahn auch bei den beiden nächsten schweren Spielen wünschen: Am kommenden Samstag, 14 Uhr, beim VfL Osnabrück (2./17 Punkte) und die Woche drauf, selbe Zeit, zu Hause gegen Zweitliga-Absteiger MSV Duisburg (4./15 bei einem Spiel weniger).
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