SSV Jahns Abwehr im Regensburger Brutkasten zu schläfrig
VfR Aalen effektiver in der Hitzeschlacht

Der Kollege fällt leicht, klärt Kolja Pusch über die Eigenheiten von Matthias Morys auf. Oli Hein kann später ein Lied davon singen. Bild: Herda
Sport
Regensburg
27.08.2016
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Da zeigt der Kollege sauer an, wohin er sich den Ball von Matthias Morys gewünscht hätte. Bild: Herda
 
Heiko Herrlich doziert, wie man sich die Kraft besser einteilt. Bild: Herda
 
Vor Aalens Abwehr eingeknickt: Chancen hätte der SSV genug gehabt, allein, der Ball wollte nicht rein. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Jetzt ist das also auch abgehakt: Die erste Saisonniederlage, auch noch in der eigenen Wagenburg, sprich Conti-Arena. Dass der SSV Jahn gegen den VfR Aalen vor 4537 Zuschauer mit 0:2 verlor, da sind sich die beiden Trainer einig, war unnötig. Beide Mannschaften hechelten bei Brutkasten-Temperaturen auf Augenhöhe – Regensburg hatte bei zwei Pfostenschüssen Pech, war aber bei zwei vermeidbaren Gegentreffern zu schläfrig.


Angebrannte Woche für den SSV: Erst scheidet Jahn Regensburg mit Lobeshymnen im Pokalfight gegen Hertha BSC erst im Elfmeterschießen aus. Dann blamieren sich die Reservisten des Drittligisten beim Siebtligisten Aiglsbach bis auf die Knochen – und vergeben ebenfalls im Elfmeterschießen die Chance auf ein baldiges DFB-Pokal-Revival.

Und zu schlechter Letzt setzt es gegen eine doch recht fahle Truppe aus Aalen die erste Niederlage für den Aufsteiger – und, als sei die Personalsituation nicht angespannt genug, dabei verletzt sich erst Mittelfeldmotor Kolja Pusch und dann sieht auch noch Oli Hein glatt Rot. Ausgerechnet die Schlüsselpositionen beim neuen Tabellen-Dritten müssen nun mit jenen Reservisten besetzt werden, für die der Trainer ein Sondertraining angekündigt hat.

Vollmann sieht keinen Unterschied

„Es war für beide Mannschaften eine richtige Hitzeschlacht“, konstatiert VfR-Trainer Peter Vollmann, „ich habe auch keinen Unterschied in den Spielweisen beider Mannschaften ausmachen können.“ Regensburg habe ein sehr gutes Spiel gemacht und trotzdem verloren. „Und wir haben es geschafft über 90 Minuten zum richtigen Zeitpunkt die Tore zu machen und über 90 Minuten sehr gut verteidigt – wozu immer auch Glück gehört, wenn ich an die Pfosten denke, das kann so eine Situation sein, wo dann immer auch der Ausgleich fallen kann.“

Das 1:0 habe seiner Mannschaft Mut gemacht, dass „hier was möglich ist“. Man habe dann versucht, die ersten 15 Minuten nach der Halbzeit gut zu überstehen. „Das haben wir geschafft.“ Immer mit dem Gedanken: „Irgendwann bekommen wir nochmal die Möglichkeit, wenn wir weiterhin gut stehen, so eine Situation zu nutzen, und das hat der Vasiliadis dann auch gemacht mit einem satten Schuss aus 20 Metern.“

Herrlich: „Wenn man verliert, ist es nie unverdient“

„Glückwunsch an meinen Kollegen“, sagt Jahn-Trainer Heiko Herrlich, „ich gehe mit seiner Einschätzung d’accord. Wenn man verliert, ist es nie unverdient, denn letztlich wird ein Spiel nach Toren entschieden.“ Dennoch habe auch er kein schlechtes Spiel seiner Mannschaft gesehen: „Wir haben es geschafft, oft ins gegnerische Drittel zu kommen, bloß da haben wir halt heute nicht das Glück gehabt mit zwei Pfostenschüssen oder es im Abschluss nicht so gut geschafft, den Ball aufs Tor zu bringen, wie’s in den vergangenen Spielen vor Hertha der Fall war.“

Das lockere Dribbling beim 0:1: „Ein klarer Abwehrfehler, da muss er vorher gestellt werden.“ Das Laufenlassen des Konters beim 0:2: „Wir waren erst in Ballbesitz und hätten nach vorne spielen können – trotz Unterzahl hätten wir versuchen müssen, den Spieler zu attackieren, bevor er zum Abschluss kommt.“ Zum Schluss habe man noch versucht, alles nach vorne zu werfen. „Und da kriegst du dann eben in Unterzahl auch noch ein Kontertor.“ Es sei besonders schwer, bei der Hitze einem Rückstand hinterherzulaufen.

Oli Hein: fix und fertig

Der Platzverweis: „Ich hab’s nicht gesehen, ich hab den Oli gefragt“ – aus dessen Sicht sei er selbst gefoult worden, dann habe er sich kurz über den ausgebliebenen Pfiff geärgert. „Das ist eigentlich überhaupt nicht Olis Art, er tritt leicht nach – ich habe den Schiedsrichter gebeten aufgrund unserer Personalsituation Milde walten zu lassen.“ Oli Hein sei völlig fertig: „Ihm tut’s total Leid, er hat gerade noch geheult, es bringt jetzt auch nichts, ihn nachträglich an die Wand zu stellen – es ist ja auch am Mittwoch keiner an die Wand gestellt worden.“

Das sei ärgerlich, vielleicht habe auch die Hitze dazu beigetragen, dass er die Nerven verloren habe. Aber auch das werde man versuchen zu kompensieren. „Jetzt muss halt ein Anderer rechter Außenverteidiger spielen.“ Allerdings auch noch ohne den verletzten Kolja Pusch: „Ich denke, dass es eine Muskelverletzung sein wird – er macht nur einen Schritt, und es hat ihm reingestochen.“ Eine Ferndiagnose nur. Man muss abwarten.

Schicksalsduell Hein-Morys

Verkehrte Tabelle, wie Peter Vollmann vor dem Spiel bemerkte, verkehrte Welt: Zu Beginn drängen die Rotweißen mit einer personellen Änderungen – Youngster Patrik Džalto spielt von Anfang an statt des gesperrten Andi Geipl – den Blauen aus Aalen den Ball geradezu auf. Erst ein Freistoß aus 18 Metern in Philipp Pentkes Arme und weil ihm das zu wenig Herausforderung scheint, schenkt er den Ball gleich wieder ab. Arbeitstitel: der unvollendete Abwurf.

Als der SSV endlich mal Zunder im rasenbrandgefährdeten Strafraum der Gäste gibt, läuft man gleich wieder in einen Konter über Matthias Morys, der für Oli Hein immer wieder mal eine Schippe zu schnell ist – ein schicksalsschweres Duell, wie man später sehen wird. Der Deutschpole trickst Hein aus, hat unendlich viel Platz, ist schon im Strafraum, und übersieht den freien Mann am Fünfer, der wie eine Statue erstarrt und anzeigt, wo der Ball zwingend hingemusst hätte (5.).

Exkurs zu Fan-Gesängen

Aalens Fans zeigen sich bei ihren Schlachtgesängen sophistcated wie eine Horde Orks: „Schoiß Regenschburg.“ Liebe Schwaben, mal unter uns Römerstädter: Wir sind bislang gerne in euer hübsches Städtchen gefahren, finden euren sympathischen Dialekt allerliebst, einer Fan-Freundschaft stünde nichts im Weg – fällt euch nichts Besseres ein, als Fäkalgesänge? Wir empfehlen einen Kreativ-Workshop beim Fanclub Jahn Underground.

Nach einer Runde Sommerfußball versucht sich Erik Thommy zweimal durchzumogeln, und der souveräne Markus Schwabl hält – wehret den Anfängen – eine aufgeregte Ansprache an seine müden Schwaben (18.). Trinkpause. Aus dem Zufall geboren: Ein langer Flatterball kommt auf Oli Hein, dessen Volleykanone, halb Flanke, halb Ausrutscher segelt knapp am langen Pfosten vorbei (20.).

Morys‘ Zickezacke

Dafür lässt sich die Jahn-Abwehr im direkten Gegenzug von Morys, Aalens Agilsten, vorführen: Zickezacke am Strafraum, die Sportsfreunde Sven Kopp, Marc Lais und Marvin Knoll schauen staunend zu, schließlich schiebt die Aalener 10 zum 0:1 ein (21.) – Anschauungsunterricht für Unentschlossene. Und wieder nur wenige Minuten später könnte es der Jahn geradebiegen: Scharfe Flanke nach innen, Marco Grüttner lässt durch, Erik Thommy stürmt heran und zirkelt das Leder unbedrängt aus sechs Metern knapp am rechten Pfosten vorbei – Trinkpause (25.).

Einzelaktionen bestimmen das Spiel: Jann George spritzt Richtung Ball, Schwabl in letzter Sekunde davor. Morys bekommt einen Pressball, spielt direkt und verfehlt den freien Mann vorm Tor. Scharfe Hereingabe von Thommy, der Keeper lässt abprallen, die einschussbereiten Stürmer verpassen. Lais setzt die Kugel bei der Flanke auf die Latte (35.) – es fehlen die klaren Aktionen vor dem Tor. Was ist da mit Kolja Pusch passiert? Er bleibt liegen, dann der Griff hinten an den Oberschenkel. Das sieht nicht gut aus.

Thommy im Schlenzpech

Jetzt muss sich Benedikt Saller erstmals Bewähren, laut Heiko Herrlich noch längst nicht drittligatauglich. Aber was hilft’s, wenn Greipl mit Gelbrot pausiert? Senior Pentke flüstert einstweilen dem etwas frustrierten Džalto Aufmunterungen ins Ohr – schon bringt der eine Flanke gefährlich ins Zentrum, einer verfehlt, Nandzik aus dem Rückraum fast wie gegen die Hertha, doch genau auf den Rücken eines Mitspielers (41.). Wieder ist Morys zu schnell für Hein und auf und davon – Kopp stellt ihn, Hein bereinigt von hinten. Denk- und Spielpause.

Gerrit Wegkamp zeigt an, wie die zweite Hälfte aus Sicht der Gäste laufen soll: Mit einem Konter allein vors Tor, aber auch ins Abseits (46.). Auf der anderen Seite hebt Thommy den Freistoß aus 20 Metern halblinks über den Kasten (47.). Džalto ist in einigen Situationen noch zu unentschlossen – in einer aussichtsreichen Position 20 Meter vorm Kasten lässt er sich abkochen. Dafür fällt er dann vergeblich im Strafraum und misst Brustkasten mit dem Gegenspieler.

Comeback im Sturm

Unglaublich, das muss doch der Ausgleich sein: Thommy ist durch, schlenzt den Ball sauber an Keeper Daniel Bernhardt vorbei – an den Pfosten (52.). Die Hitze liegt drückend über der Arena – auch wenn der Jahn-Fan aus Stuttgart in der Direktschaltung meint, das dürfe Profis nichts anhaben: „Ich sitze auch mit Anzug bei 40 Grad im Büro …“ – vielleicht dazu mal Fachliteratur für Schreibtischtäter: „Die Leistung ist bei Dehydrierung um 20 Prozent gemindert“ (Dr. Claudio Rosso, Betreuer der deutschen Olympioniken in Rio). Der Jahn also jetzt gegen zwei Gegner, Regenwaldschwüle und Aalens Konter.

Der beste Schütze der Regionalliga-Saison kehr zurück: Markus Ziereis (62.). Zeit für neue Impulse, da Jann George nicht seinen besten Tag erwischt hat: Wenn er flankt, dann ins Leere, wenn er schießt, dann ins Nirwana – diesmal von der rechten Strafraumkante (65.). Der SSV mit zu vielen Fehlern im Aufbauspiel: Sven Kopp spielt Lais an – Fehlpass. Marvin Knoll schaltet sich riskant in der gegnerischen Hälfte mit ein, Einwurf Aalen (66.). Lästig: Schwäbisches Fallobst, die Aalener nutzen jede Gelegenheit zum Sonnenbad wie Mika Ojala (68.), der zwei Minuten später einen Sprint mit Abschluss aus 20 Metern hinlegt – Pentke ist zur Stelle (70.).

Vasiliadis‘ Solo in S-Dur

Wenn’s nicht mag: Marc Lais mit der Direktabnahme vom Fünfer, wieder Pfosten (72.). Oli Hein, sag, dass das nicht wahr ist: Da tritt er rechts schnittig an, sein Kumpel Morys rempelt ihn klar um, Schiri Felix-Benjamin Schwermer (Magdeburg) winkt ab, Morys dreht eine Pirouette wie nach einem Sprung vom Zehnerbrett und Hein sieht glatt Rot. Der Jahn hat ja genug Leute, warum nicht mal selbst ausmisten (75.)? Herrlich wirft jetzt Uwe Hesse für Kopp ins Getümmel – entweder oder, dazwischen gibt’s nichts mehr. „Hürrr rögürrrd dör VauÖfffÖrr“, erkennen jetzt 150 blasse Hühnerbrüste im Aalener Eck.

Was man bei Benedikt Sallers ersten Drittliga-Einsatz sehen kann: Der junge Mann mit Bundesliga-Erfahrung aber langer Auszeit ist noch zu langsam und nicht wirklich im Spiel. Lais erkämpft sich die Kugel, reicht weiter an den Ex-Mainzer, Saller in Äquidistanz zu Gegner und Ball, aber chancenlos (78.). Natürlich hat Aalen jetzt viel Platz, Sebastian Vasiliadis denkt bei seinem Solo in S-Dur lange darüber nach, was er machen soll, weil seine beiden Kollegen dämlich im Abseits abhängen – der Deutschgrieche mit rotem Haarschopf zieht mit Ansage ab, Pentke vielleicht einen Schritt zu weit vorm Kasten, das Ding kommt aber auch goldrichtig in den Winkel 0:2, diese Kässpatzen sind gegessen (84.).

Aufsteiger-Duell bei den Sportfreunden Lotte

Der Schiedsrichter mit dem Fahrgestell eines Gigaliners verliert dann mal seine locker sitzende Rote Karte, hält das Spiel kurz an und klaubt sein Machtinsignum wieder auf. Das passt zum Spiel. Auch das: Erik Thommy schafft’s in der Nachspielzeit noch einmal bis kurz vor den Kasten, sicher, kein optimaler Winkel, aber sein letzter Abschluss geht doch arg unplatziert drüber (92.).

Feierabend, Hitzefrei und eine kreative Denk- und Spielpause bis zum Samstag, 10. September, 14 Uhr – dann müssen die Nachrücker unter den Reservisten Farbe bekennen: Ohne Oli Hein und Kolja Pusch fährt der Jahn-Tross ins Westfälische zu den Sportfreunden nach Lotte (6./8 Punkte), wo der Bremen-Bezwinger auch noch einen 1:0-Auswärtssieg gegen die Geheimfavoriten aus Chemnitz feiert. Auch dieser Weg wird kein leichter sein.
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