Überlegene Osnabrücker verzweifeln am Regensburger Keeper
Strebinger hält Jahn im Rennen

Dreh- und Angelpunkt des Regensburger Spiels: Torwart Richard Strebinger. Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
11.04.2015
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Dreh- und Angelpunkt des Regensburger Spiels: Torwart Richard Strebinger. Bilder: Herda/Göpel
 
Hat Christian Brand den Ehrgeiz des VfL-Trainers angestachelt? Maik Walpurgis treibt seine Violetten unermüdlich an.
 
Verzweifelte VfL-Stürmer: Staninslav Iljutcenko scheiterte entweder an Richard Strebinger oder an der Latte.

Ein Punkt ist einfach zu wenig. Und dennoch ist das Wenige heute eigentlich schon viel zu viel: Bei einem gefühlten Chancenverhältnis von 10:2 für hoch motivierte Niedersachsen ist der SSV mit dem 1:1 gut bedient. Eine Bundesliga-reife Leistung von Keeper Richard Strebinger bringt den VfL Osnabrück zur Verzweiflung und erhält den Regensburgern eine Resthoffnung.

Manchmal ist es einfach schöner, dem Trainer zu lauschen. Wenn Christian Brand die Zuhörer mit charmantem Geplauder in seinen Bann zieht, wirkt alles so leicht. Dann ist es vom 7-Punkte-Rückstand bis zum Klassenerhalt nur noch ein Katzensprung. Zu gern vergisst man dabei, dass auch die anderen Mannschaften noch mitspielen – auch sie haben einen Sportchef, der im günstigsten Fall zu Saisonbeginn eine schlagkräftige Truppe zusammenstellte, im suboptimalem Fall zur Winterpause intelligent nachrüstete – wie Großaspach oder auch Rostock, zwei Mannschaften, die dabei sind, sich vom Abstiegskampf zu verabschieden.

Rhetorisch zerlegt, spielerisch entzaubert

Heute läuft bei milden Frühjahrstemperaturen eine Mannschaft auf, die Brand im Vorfeld rhetorisch schon ziemlich zerlegt hat: „Die haben in der Defensive auch einige Probleme und nicht von ungefähr kommt natürlich auch diese Niederlagenserie zustande beim VfL“, machte er bei der Pressekonferenz auf die vermeintlichen Schwächen aufmerksam. Auf dem Platz der Wahrheit aber präsentiert sich in Regensburg eine Osnabrücker Elf, die hellwach agiert, nicht pomadig wie Wehen-Wiesbaden. Ein Team, das zielstrebig in die Spitze spielt und brutalstmöglich die Defizite der SSV-Defensive aufzeigt.

Dabei ist das doch mit Ausnahme von Lukas Sinkiewicz dieselbe Mannschaft, die vor einer Woche die besser platzierten Hessen mit 3:0 düpierte – wobei freilich auch da Glück und ein starker Torwart Garant für die Null waren. Die Viererkette um die Innenverteidiger Markus Palionis und Grégory Lorenzi kommt meist deshalb ins Schwimmen, weil die Außenverteidiger Oli Hein und Marcel Hofrath die schnellen Flügelspieler nicht in den Griff bekommen – Palionis oder Laurenzi müssen den Schritt heraus wagen und entblößen die Mitte.

Es fehlt Sinkiewicz Wucht

Im Spiel nach vorne fehlt heute tatsächlich die selbstsichere Wucht von Sinkiewicz, der mit seinem Gladiatorenkörper zur Not das halbe Mittelfeld wegsperrt. Stattdessen mühen sich Oli Hein, Marvin Knoll oder Kolja Pusch meist vergeblich, den Ball vielversprechend auf den schnellen Uwe Hesse, den feinen Aias Aosman oder den bulligen Marco Königs zu liefern. Mit etwas Glück schaffen sie es mit vielen Kurzpässen mit zur Mittellinie, dann ist meist Schicht im Schacht. Zu groß ist der Druck der Gäste.

Nach einer guten halben Stunde hätte sich niemand über ein 0:4 beschweren dürfen – selten hat bisher ein Gast, geschweige denn ein Tabellenelfter, die Regensburger so in Verlegenheit gebracht. Ähnlich war allenfalls der Auftritt gegen Dresden, nur dass die Sachsen die Gastgeschenke der Oberpfälzer dankend annahmen. Wenn man sich an diesem Tag dennoch nicht nur schämen musste, Regensburger zu sein – was man selbstverständlich ohnehin nicht muss –, dann wegen des Teufelskerls zwischen den Pfosten: Richard Strebinger hält den Jahn im Spiel und zumindest psychologisch die Hoffnung auf eine wunderbare Rettung weiter aufrecht.
Bei einem Tempogegenstoß laufen die Violetten mit 4 gegen 3 Mann an, Marcel Kandziora kann links ungehindert flanken, Strebinger ist einen Schritt schneller als Menga (8.)
Die Regensburger lassen Osnabrück in den Strafraum kombinieren, Staninslav Iljutcenko nimmt den Ball kurz vorm Fünfer an, Palionis deckt ihn zwar mit seinen breiten Schultern gut zu, doch der zweitbeste Schütze der Gäste versucht’s aus dem Stand mit einem Fallrückzieher und touchiert dabei die Latte (15.)
Marcos Alvarez wirbelt im Mittelfeld, spielt Pisot rechts frei, Flanke in die Mitte, Strebinger ganz lang gerade noch vor Ilujtcenko zur Stelle (18.)
Nicolas Feldhahn zieht völlig unvermittelt aus 30 Metern ab, Strebinger sieht den Ball, der sich im kuriosen Bogen senkt, gegen die Sonne sehr spät und muss seine 1,94 Meter voll ausreizen, um die Kugel an die Latte zu heben (20.)
Nach der Ecke bringt der junge Österreicher Alvarez zur Verzweiflung, der zweimal von der rechten 5er-Ecke abzieht, aber Strebinger reagiert mit Reflexen wie Neo in Matrix (21.)
Auf einer gedachten Streckbank auf zwei Meter gedehnt rettet er auch vor Menga und hält den Ball dann im Nachfassen fest (22.)

Das sind so die Momente, bei denen ein wenig Hoffnung aufkommt: Man kennt das ja, wer solche Chancen nicht nutzt … Doch wo bleiben die Regensburger Aktionen, wenigstens mal ein paar Nadelstiche, um die entfesselten Gäste ein wenig mehr in deren Hälfte zu beschäftigen? Die Habenseite der Halbzeitbilanz ist schnell erzählt:
Hesse geht mal über rechts, die Flanke für den Sitzriesen Aosman am langen Pfosten kommt deutlich zu hoch (25.)
Hofrath versucht’s mit Warnschuss von halblinks aus 30 Metern – ein guter Meter fehlt da zum rechten Pfosten von Frank Lehmann (28.)
Endlich mal ein Spurt Richtung Gästetor, taktisches Foul, Gelb für Sofien Chahed. Königs auf 20 Metern halblinks mit abgefälschtem Schüsschen neben die rechte Torwartecke (36.)
Hesse mit Antritt über links spielt Knoll frei, der schwach in die Mitte schießt, anstatt rechts den freien Pusch zu suchen (39.)

Zwischen diesen Torannäherungen dürfen sich Ilujtcenko, Kandziora und Menga weiter warm schießen – für ein vollständiges Torschussprotokoll reicht selbst das Netz nicht aus. Heilfroh, mit einem 0:0 in die Kabinen zu dürfen, kann man nur auf eine wunderbare Wandlung nach der Pause hoffen.

Dann ist es doch passiert

Die zweite Hälfte beginnt, wie die erste aufhörte: Erst darf Alvarez völlig ungestört Richtung 16er laufen und abziehen, weil man ja weiß, dass so ein Flachschuss kein Thema ist für Richard Strebinger ist, der die Kugel zur Ecke um den rechten Pfosten dreht. Dann übersieht die gesamte Jahn-Abwehr beim folgenden Eckstoß, dass Kandziora völlig frei am Fünfer lauert, wo er ungestört daneben köpft (46.). Nach einem Fehlpass von Hofrath geht's wieder schnell über rechts, Hein ist gerade noch mit dem Kopf zur Stelle (48.).

Dann ist es doch passiert: Knoll verliert den Ball im Mittelfeld, spurtet zurück und versucht den Fehler ihm Strafraum wieder auszubügeln, rutscht von hinten in den Ball, der Abwehrversuch gerät zur Vorlage für einen Violetten, der jetzt frei vor Strebinger die Qual der Wahl hat – der Respekt vorm besten Regensburger nötigt ihm einen Querpass zu Menga ab, der schockierend frei vorm leeren Tor das Ding über die Linie drückt, während Rot-Weiß dem Treiben entsetzt zuschaut (52.) – war’s das? Widerstand gebrochen, warten auf den Gnadenschuss?

Kommt von irgendwo ein Königs her

Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Königs her: Der unermüdliche, wenngleich heute wie alle seine Kollegen meist glücklose Hesse schickt den Ex-Wiesbadener rechts in den 16er und als man ihn schon zu weit abgedrängt wähnt, zirkelt der die Kugel zu seinem vierten Saisontreffer ins linke untere Eck – aus dem Nichts das schmeichelhafte 1:1 (56.). Allein für Königs frenetischen Jubel hat sich der Besuch gelohnt.

Das setzt Kräfte frei, besonders bei der bärtigen Nummer 33: Er schnappt sich die Kugel im Strafraum und hebt sie an drei Mann vorbei in einer Ellipsenbahn, die der Schwerkraft trotzt, an den linken Pfosten (58.) – Mann oh Mann, jetzt gucken die Niedersachsen aber ganz schön doof aus der Wäsche. Das ist jetzt ein ganz anderes Spiel, der Jahn ist zurück in der Arena. Und selbst die Schenkelklopfersprüche aus der übersichtlichen Gästeecke sind verstummt – keine „Absteiger“-Schmähungen mehr zu hören. Man soll niemanden zu früh für tot erklären.

Schlussdrama

Freilich, die eigentliche Euphorie währt nicht allzu lange. Noch ein paar Mal versuchen die Regensburger jetzt das Spiel zu drehen – mit leidenschaftlicher Unterstützung der rund 4300 Zuschauer. Die gesamte Jugendabteilung des SSV quiekt sich genau so die Seele aus dem Leib, wie die Ultras unterm Turm gröhlen und die Nordtribüne raunt. Hesse traut sich endlich mal selbst in den 16er und zielt knapp links vorbei (61.). Dann glänzt Königs als Passgeber für den Semmelblonden, dessen scharfe Hereingabe Knoll knapp verpasst (63.).

Für das Schlussdrama schicken Christian Brand und VfL-Trainer Maik Walpurgis noch die richtigen Charakterdarsteller aufs Feld: Während bei Regensburg für den heute eher unauffälligen Vorbereiter des 0:1, Knoll, Patrick Lienhard für zündende Ideen sorgen und Gino Windmüller seinen Schädel für ein Golden Goal einsetzen soll, wird besonders die Einwechslung des so rotbärtigen wie kahlen Isländer-Hünen Hannes Sigurdsson bejubelt. Auf violetter Seite sorgt die Wiederkehr des alten Bekannten Francky Sembolo für Torschützen Menga für Ahs und Ohs.

VfL spielt auf Zeit

Für unseren Geschmack kommt dieser Szenenwechsel etwas zu spät. Denn auch wenn der Isländer zu keinem richtigen Abschluss mehr kommt, sorgt allein seine Präsenz für Alarmstimmung im gegnerischen Strafraum – der Wikinger zieht nicht nur die Blicke auf sich, sondern auch Bewacher und machen den Weg frei für den quirligen Lienhard, der mit ein paar schönen Aktionen über links noch für Gefahr sorgt. Allein, es fehlt die letzte Genauigkeit zum krönenden Abschluss.

Und auch in dieser Phase besitzen die Osnabrücker die besseren Chancen: Allein Sembolo visiert zweimal die Latte an (80./86.). So dramatisch die Schlussphase verläuft – mit einem sehenswerten Spurt von Schiri Marcel Göpferich (Bad Schönborn), der VfL-Keeper Lehmann bereits wegen Zeitspiels verwarnt hatte, und jetzt Gelb zückt. Wer hätte nach einer halben Stunde damit gerechnet, dass die Violetten hier überhaupt auf Zeit spielen müssten?

„Kleinvieh macht auch Mist“

„Nein, nein“, kommentiert SSV-Trainer Christian Brand nach dem Abpfiff den gewonnen und die zwei verlorenen Punkte, „Wunder verkaufen wir nicht, noch ist alles möglich, es sind 18 Punkte zu vergeben, und Kleinvieh macht auch Mist.“ Der Mann des Tages weiß natürlich, dass es ohne seine Reflexe noch wesentlich schlimmer hätte kommen können: „Vielleicht muss man an so einem Tag mit einem Punkt zufrieden sein“, hat Richard Strebinger völlig Recht.

Der Blick auf die Tabelle hinterlässt gemischte Gefühle: Großaspach nach einem 1:0 in Wehen-Wiesbaden dürfte auf der sicheren Seite stehen. Wenigstens hat sich der Abstand zum ersten Nichtabstiegsplatz um einen Punkt verringert, da Mainz (17./32) in Kiel mit 0:1 den Kürzeren zog. Ein endgültiges Mosaik ergibt sich erst nach dem morgigen Spieltag, wenn Dortmund (19./26) und die gerupften Unterhachinger (18./29) ihr Kellerderby absolviert haben.

Am kommenden Samstag muss der Jahn dann aber auf alle Fälle sein Auswärtstrauma bei Großaspach (16./37) in den Griff bekommen, um sich die Woche darauf gegen Mainz auf ein vorgezogenes Endspiel freuen zu dürfen.