Überragende Offensive von Wolfsburgs U23 bereitet Kopfzerbrechen
Jahn Regensburgs Masterplan für die Relegation

Jahn-Trainer Heiko Herrlich völlig fokussiert auf den ersten schweren Gang zum VfL Wolfsburg II. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
23.05.2016
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Valérien Ismaël klatscht seinem Meister der Regionalliga-Nord Applaus. (Foto: dpa)
 
Der SSV Jahn auf dem Weg zur Meisterehrung am vergangenen Samstag.
 
Die gefeierten Jung-Wölfe. (Foto: dpa)
Wolfsburg: AOK Stadion |

Norbert Hartl hat irgendwie kein gutes Gefühl. Der Bezirksrat und Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion fährt mit Präsident Hans Rothammer und Jahn-Abwehrlegende und Aufsichtsrat Walter Schwabenbauer nach Wolfsburg. „Die haben eine derart starke Offensive“, seufzt Hartl. „Und unsere Schwachstelle ist immer noch die Verteidigung.“ Nervosität vor dem Hinspiel am Mittwoch, 19 Uhr.

Déjà-vus en masse: Da sind einmal die vielen Relegationsspiele, die der Jahn gegen deutlich favorisierte Gegner wuppte – legendär natürlich das Match in Karlsruhe nach dem mageren 1:1 im Hinspiel. Als erst Oli Hein die Führung einfädelte und kurz vor Schluss André Laurito das entscheidende 2:2 köpfte. Aber auch starke Auftritte gegen den FSV Frankfurt und den SV Sandhausen bleiben in Erinnerung. Eigentlich ging‘s nur dann gründlich in die Hose, wenn der Fahrstuhl bereits nach unten fuhr: So beim k.o. gegen Kultwaldverein Miltach, als Alfred Steinkirchners Kracher nicht gegeben wurde …

Dann ist da Ex-Bayern-Spieler und Ex-Club-Coach Valérien Ismaël – in Nürnberg kläglich gescheitert, führt der Straßburger den VfL Wolfsburg II bereits zum zweiten Mal zur Meisterschaft. Ein Vorteil, bereits einmal den bitteren Moment erlebt zu haben, vom Regionalliga-Gipfel ins Relegationstal der Tränen gestürzt zu sein? Vor zwei Jahren scheiterte er mit dem niedersächsischen Talenthaufen knapp mit 0:0/0:1 an dem nach Sandhauen und Heidenheim nächsten schwäbischen Durchstarter Sonnenhof-Großaspach. Parallel kann sich der Wölfeflüsterer angucken, ob René Weiler seine Sache gegen Frankfurt besser macht.

Transferwert: 2:0 für die Jungwölfe

Für Jahn-Trainer Heiko Herrlich hat das Jungrudel aus der VW-Stadt die Nasenspitze leicht vorne: „Als Favorit würde ich eher Wolfsburg sehen, schon wegen der Statistik“, verweist der Meistermacher auf eine Serie mit zehn Siegen in Folge – davon die letzten vier Spiele zu Null. „Und wenn ich den Transferwert vergleiche, dann sind die wesentlich höher bewertet.“ Da hatte bestimmt noch Felix Magath die Finger mit drin.

Die Aufgabe „Jahn Regensburg“ nehmen die VW-Nachwuchsmanager nicht auf die leichte Schulter – halten sie aber durchaus für lösbar. Falls die Spione auch die missglückte Generalprobe gegen Nürnberg II beobachteten, dürften sie eher Mühe haben, die Euphorie zu dämpfen. „So wie wir die letzten Wochen angegangen sind, bin ich überzeugt, dass wir diese Spiele gewinnen können“, konstatiert Pablo Thiam, sportlicher Leiter des VfL II. Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit hätten sich ausgezahlt, freut sich der Ex-Bayern-Kollege von Trainer Ismaël. „Wir haben uns nicht ablenken lassen, sondern konsequent gearbeitet.“

Schon am Montag nach Wolfsburg

Letzterer hat immerhin ein paar rhetorische Blumen für die Oberpfälzer gepflückt, nachdem er mit seinem Assistenten Rüdiger Ziehl den 2:1-Sieg bei der SpVgg Greuther Fürth II verfolgt hatte: „Der Jahn hat eine gute Mischung von spielerisch starken und robusten Spielern“, lobt der Sohn eines Vaters aus Guadeloupe und einer Elsässerin. „Sie haben nach dem Rückstand enorm viel Druck gemacht und haben verdient gewonnen.“ Motivationsarbeit oder ehrlich gemeintes Kompliment? Jedenfalls gibt er seinem siegreichen Haufen mit auf den Weg: „Wenn wir gegen sie bestehen wollen, müssen wir zwei Top-Leistungen abrufen.“

Um Top-Leistungen in Wolfsburg abzurufen, hatten die Regensburger Verantwortlichen bereits vor Wochen ein „Was wäre wenn?“-Szenario durchgespielt. „Wir haben festgelegt, was am meisten Sinn machen würde“, erklärt Herrlich, „da haben wir gemeinsam entschieden, dass man schon schauen sollte, einen Tag vorher anzufahren, weil die lange Busfahrt ja einfach auch in den Knochen steckt.“ Aus einem Tag wurden zwei, damit „du den Dienstag nochmal hast, um dich optimal vorzubereiten“. Und so geht‘s bereits Montagmittag gen Norden, abends den Club, Stachel in der Wunde Ismaëls, gegen Frankfurt gucken.

An alles gedacht: Ran an die Pasta

Am Dienstagvormittag die Fahrt aus den Knochen schütteln, am Nachmittag eine richtige Einheit, abends Motivation aus dem Würzburg-Rückspiel in Duisburg ziehen – und am Mittwoch ran an die Pasta: Vier Stunden vor dem Spiel noch mal den Kohlenhydratspeicher auffüllen, damit keinem kurz vorm Spiel ein Hungergefühl überkommt – das wäre fatal, wenn der eine oder andere mit vollem Magen auflaufen würde.“ No-Cab ist Herrlichs Plan also nicht – man sieht, es ist an alles gedacht, jetzt nur noch den Fußball richtig dressieren.

Im Mannschaftsbus finden 21 Spieler Platz: Zwei Torhüter, alle, die am Wochenende und in Fürth gespielt haben, inklusive Oli Hein, Markus Palionis und Andi Geipl. „Alle fit.“ Nur Marcel Hofrath muss passen. „Laut Dok ein kleiner Faserriss“, da müsse man abwarten, ob er fürs Rückspiel noch wird. Um die Spieler auf den neuen Gegner vorzubereiten, gegen den bisher nur Haris Hyseni zweimal mit Braunschweig gewonnen habe, hat Herrlich diesmal ein etwas längeres Video mit typischen Spielszenen zusammengeschnitten: „Dieses Mal ist es ein bisschen mehr, die Spieler kennen die Liga nicht so gut“, erklärt der Stratege. So könnten sie auch schon mal das Stadion sehen, nicht dass sie im AOK-Stadion erstmal Bauklötze staunen.

Die Qualitäten des Gegners

Lange habe Oldenburg die Tabelle der Regionalliga-Nord angeführt, vom 8. bis zum 28. Spieltag. Die Wolfsburger hätten erst auf der Zielgerade den Dreh bekommen: „Eine beeindruckende Serie, zehn Siege in Folge. Das muss man erst mal schaffen.“ Eine Mannschaft also, die vor Selbstbewusstsein strotzt, vor Ego kaum mehr laufen kann. Gerade die Offensivspieler, wie der der Deutsch-Libanese Hilal El-Helwe und der Austro-Bosnier Dino Medjedovic – mit 22 Toren hat er die Torjägerkrone der Liga auf, hätten Top-Qualität.

„Da müssen wir richtig gut verteidigen als Mannschaft“, wird der Trainer nicht müde zu betonen. „Wie immer gilt dann, dass nicht die Viererkette oder die Verteidiger das verteidigen müssen, sondern dass wir versuchen werden, das schon im Keim zu ersticken, dass die Bälle gar nicht erst dorthin kommen.“ Aber Adlerauge Herrlich hat auch entdeckt, „dass nach Ballverlust die Rückwärtsbewegung nicht so enthusiastisch ist wie bei der Vorwärtsbewegung. Und da gilt‘s natürlich nach Balleroberung so schnell wie möglich diese Räume zu finden.“

Auch hinten kein Scheunentor

Von wegen U23-Hurra-Stil: Mit nur 24 Gegentreffern stehen die Wölfe wesentlich besser da als der erst zur Winterpause von Herrlich disziplinierte SSV Jahn – 36 mal musste Philipp Pentke hinter sich greifen. Besonders VfL-Kapitän Julian Klamt, der schon auf der Wunschliste des VfL Bochum stand, verleiht den Niedersachsen Stabilität.

Der 26-jährige Innenverteidiger ist die graue Eminenz der Gastgeber. Seit acht Jahren hält er den jungen wilden Haufen des Bundesligisten zusammen und hat noch deutlich höhere Ziele. „Wir sind Meister und haben ein Jahr dafür hart gearbeitet“, erinnert er an den bitteren Moment nach dem 0:1 gegen Großaspach. „Das ist der verdiente Lohn und natürlich überragend, aber wir sind noch nicht am Ende.“

Das Konzept: Wie eine Herrenmannschaft auftreten

„Sie sind unheimlich spielstark“, weiß Herrlich, „wir müssen versuchen, das im Keim zu unterbinden.“ Wenn man selbst auch ein bisschen Fußball spielen wolle, und das möchte man auf alle Fälle, werde es knifflig, über 90 Minuten keine Torchance zuzulassen. „Das wird schwer, ist aber natürlich das Ziel.“ Das Rezept: „Da wollen wir sie natürlich bearbeiten.“ Denn das sei ja klar: „Wenn du ihnen die Räume gibst, wenn du sie spielen lässt, dann werden sie natürlich ihre Torchancen erspielen.“

Im memoriam Nürnberg, für die Eintracht-Pechvogel Marco Russ den Job per Eigentor erledigte, fordert der Trainer das so wichtige Auswärtstor: „Das kann immer wichtig sein“, denkt der Mannheimer vielleicht an Atlético Madrid oder doch eher an den Club. „Wir wollen uns nicht nur hinten reinstellen, das ist auch gar nicht unsere Philosophie.“ Aber dennoch müsse man zunächst versuchen, die Offensive, die immerhin 85 Tore in der Liga fabriziert habe, zu verteidigen. „Da kann man natürlich nicht vogelwild hinten rausspielen oder hochstehen permanent.“

Vorteil Hexenkessel im Rückspiel?

Ob das Rückspiel im Hexenkessel Conti-Arena einen Vorteil darstelle – vielleicht kennen die neongrünen Bubis die Wirkung von 15.000 entfesselten Fans noch nicht? „Ganz so ist es nicht“, wiegelt Herrlich ab. „Die haben auch ihre Auswärtsspiele bestritten, in Oldenburg, wo das Stadion voll war, die Spieler kennen diese Situation schon – vielleicht nicht ganz so wie bei uns.“

Kein Nachteil also für Wolfsburg II, aber ein kleiner Vorteil „für unsere Jungs, wenn die Zuschauer sie unterstützen“. Apropos unterstützen: „Es gibt noch Businesstickets, ein paar Plätze im Gästebereich und einzelne Resttickets“, appelliert Pressesprecher Martin Koch an Spätentschlossene. Und immerhin 425 Regensburger hätten sich schon der Aktion „Alle in ROT nach Wolfsburg“ angeschlossen – bei nur 5 Euro für den Stehplatz im Gästeblock ein Schnäppchen, da ist auch noch das passende T-Shirt aus dem Jahn-Shop drin, findet Koch.
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