Verkrampfte Jahn-Spieler versagen im Nervenkrieg gegen Mainz
Ängstlich Richtung Regionalliga

Auch die Gebete des Paters halfen den Regensburgern nicht. Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
25.04.2015
17
0
 
Auch die Gebete des Paters halfen den Regensburgern nicht. Bilder: Herda/Göpel
 
Nachdenklich bis ratlos: Christian Brand, nachdem er sich weitgehend folgenlos am Spielfeldrand ausgetobt hat.
 
Nur selten ist die Mainzer U23 körperlich den Regensburgern gewachsen. aber den Vorteil kann der Jahn kaum in Spielanteile ummünzen.

Ja, es gibt so Spiele, die stehen bis zur 75. Minute 0:0 – auch bis zum Abpfiff in der 93. Das hat Jahn-Coach Christian Brand schon ganz richtig prophezeit. Aber mit allem anderen lag er daneben: Dem SSV gelang kein Sieg gegen den Tabellen-17. Mainz, der Abstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz beträgt immer noch 7 Punkte und die Mitkonkurrenten um den Untergang müssen folglich nicht zittern.

Vom versprochenen Vollgas-Fußball keine Spur. Einzig das Häufchen der Mainzer Schlachtenbummler, die vor den Fässern der Brauerei Bischofshof mächtig verloren wirken, kann sich über den gewahrten Abstand freuen – der Rest der 3515 Zuschauer lässt das verkrampfte Spiel der Regensburger fast stoisch über sich ergehen. Jeder auch nur angedeutete Tempovorstoß wird beklatscht und bejubelt – mehr als ein halbes Dutzend Mal müssen die Jahn-Fans ihre Stimmbänder aber nicht strapazieren.

Dass kaum Proteste und nur sehr vereinzelt Pfiffe zu hören sind, zeigt Dreierlei:

Das Mitleid überwiegt: Man sieht ja, dass die Mannschaft ihr Bestes gibt, aber entweder sie scheitert an den eigenen Nerven oder an Unzulänglichkeiten wie mangelnde Spielpraxis und Fitnessdefizite.
Bei einem Rückstand von sieben Punkten bei mittlerweile noch vier Spielen halten sich die Erwartungen in Grenzen – viele haben sich mit dem bitteren, weil hausgemachten Abstieg bereits abgefunden.
Anders als vor der Winterpause, als sich die Wut gegen Management und Vorstand entlud, befinden sich viele Fans nun in einem Dilemma – soll man weiter die Planer des Desasters in die Wüste wünschen oder ihnen vielmehr die Suppe, die sie dem Verein eingebrockt haben, auch wieder auslöffeln lassen? Außer einem Spruchband auf der Turmseite bleibt die Anti-Keller-Front deshalb stumm.

Brand als Rumpelstilzchen

Umso lauter und gestenreicher agiert Christian Brand an der Seitenlinie: Er fordert ein, was er den Spielern mit auf den Weg zu geben glaubte, schüttelt den Kopf, grinst höhnisch, reibt sich ratlos die Nase. Von seiner Ankündigung, „dass wir Mainz alles abverlangen, dass wir den Leuten, die kommen, ein gutes Spiel zeigen, dass wir als Truppe am Platz stehen, wo einer den anderen unterstützt bis zum letzten Pfiff des Schiris“, ist wenig zu erkennen.

Und das liegt nicht an der erwarteten Aufstellung mit der unveränderten Viererkette – Oli Hein, Markus Palionis, Grégory Lorenzi und Marcel Hofrath – vor Keeper Richard Strebinger. Nicht an Thomas Kurz auf der 6 und nicht an Kolja Pusch, der für Marvin Knoll in die Startelf rückt, und erst recht nicht am Scharnier Aias Aosman. Auch nicht am Offensivtrio Aykut Öztürk, Uwe Hesse und Marco Königs. Dass sich das Spiel zäh zieht wie Kautschuk liegt daran, dass die Angst die Beine lähmt.

Beispiel Aykut Öztürk: Nach einigen unglücklichen Szenen zu Beginn versteckt sich der Deutschtürke – und die Pfiffe zu seinem Volleyversuch im Strafraum stärken sein Selbstvertrauen nicht gerade.
Beispiel Thomas Kurz: Nach dessen Ballverlust im Mittelfeld kann Hein den durchgebrochenen Stürmer noch etwas stören, so dass Strebinger den Ball abgreifen kann. Ab dem Zeitpunkt schwingt bei jedem Pass die Angst vorm fatalen Fehler mit.
Beispiel Richard Strebinger: Trotz wiederholter brillanter Reaktionen auf der Linie, lässt sich der junge Österreicher von der allgemeinen Nervosität anstecken und riskiert bei zwei Ausflügen Kopf und Kragen.
Dabei präsentiert sich an diesem bewölkten Samstagnachmittag mit der U23 des FSV Mainz 05 eine Truppe, die zwar einige technisch versierte und pfeilschnelle Talente in ihren Reihen hat, die man aber körperlich leicht ausbremsen kann – eine Szene wie aus einem Comic: Der spät eingewechselte Wikinger Hannes Sigurdsson stemmt seine Beine in den Boden und sein Gegenspieler fällt wie vom Blitz getroffen. Aber selbst dieser Gegner, der vor allem darauf bedacht ist, dass Brands „Regensburg kommt ran, kommt ran, kommt ran“ Makulatur bleibt, erspielt sich mehr klare Chancen als die Gastgeber: Nach zehn Minuten wuselt sich an der Grundlinie ein Mainzer durch, die Hereingabe köpft Lukas Höler aufs kurze Eck, Strebinger reagiert prächtig.

Kein Vergleich zum Kampfmodus gegen Wehen

Es dauert weitere zehn Minuten, ehe es zur ersten ernsthaften Torannäherung der Rot-Weißen kommt. Oli Hein marschiert rechts in den 16er, sein Querpass findet keinen Abnehmer. Die Abwehr klärt unsauber, Hesse versucht‘s von halbrechts direkt und verzieht (20.). Bezeichnend: Es muss der junge Devante Parker, dessen Nasenbluten wiederholt behandelt wird, unbedacht auf den Platz laufen, damit sich Schiedsrichter Patrick Alt (Heusweiler) mit einer Gelben Karte in Szene setzen kann – was für ein Unterschied zum Kampfmodus gegen Wehen, als man nach zehn Minuten bereits befürchten musste, das Spiel nicht mit elf Mann zu Ende zu spielen (22.).

Ein offensichtliches Brand-Rezept, das die Jungs umzusetzen versuchen, sind Distanzschüsse: Hesse nimmt einen Abpraller aus 16 Metern direkt und zielt drüber (24.). Einer der ganz seltenen, gelungenen Spielzüge über Aosman auf Hesse führt wenigstens zu einer Ecke – Öztürk köpft in die zweite Etage (29.). Gerade Marcel Hofrath merkt man Blei in den Beinen an – ein verzögerter Konter, dann endlich weiter auf Aosman, der Hesse bedient – Pusch zwingt FSV-Keeper Robin Zentner mit einem Distanzschuss zur Parade. Die Ecke erläuft Kurz am kurzen Pfosten – der Ball quert den Fünfer und geht am langen Pfosten vorbei (33.).

Immer wieder aus der Distanz

Annähernd gefährlich wirken Regensburger Aktionen nur, wenn das Trio Aosman, Hesse und Königs harmoniert: Aias auf Marco, der legt quer auf Pusch – wieder versucht er’s etwas überhastet mit der Direktabnahme, der abgefälschte Ball landet in Zentners Armen (40.). Auf der anderen Seite zieht der schnelle Parker an, bedient Klement, dessen Linksschuss das Ziel nicht weit verfehlt (44.). so leicht kann man die Jahn-Defensive aushebeln: Philipp Klement geht Richtung Fünfer, Strebinger reißt die Arme hoch, der Ball knallt an die Latte (45.).

Schlussspurt in Hälfte eins: Pusch will’s aus der Ferne erzwingen, aber Zentner ist im kurzen Eck und faustet die Kugel zur Ecke: Königs steigt am höchsten und köpft aus 7 Metern drüber (46.).

Pfiffe beim Pusch-Wechsel

Die zweite Hälfte beginnt mit einem ordentlichen Spielzug über Königs und Aosman, der für Hofrath auflegt – auch er beherzigt die Vorschrift, gleich ohne Not abzuziehen und zielt drüber. Sicher, man muss den Ball nicht ins Tor tragen, aber man darf sich auch mal eine aussichtsreiche Position erspielen. Nächste Gelegenheit für Strebinger, sich auszuzeichnen: Klement drechselt einen Freistoß aus knapp 30 Metern über die Mauer, Strebinger hebt den Ball über die Latte – nach Rizzis Last-Minute Kunststück in Großaspach hält man da ja erst mal den Atem an (48.).

Und das ist die erste richtige Jahn-Chance: Aosman schickt Öztürk perfekt in die Gasse – und wieder nimmt der den Ball aus der Luft und zirkelt ihn ans Außennetz (50.). Da war mehr drin für die 22, die jetzt auf einer Höhe mit Königs als zweite Spitze agiert. So richtig populär wird der heute trotzdem nicht mehr – erst sieht er nach einer ungeschickten Aktion Gelb und dann setzt das Publikum zum ersten Pfeifkonzert an, als Pusch für Marvin Knoll weichen muss. Die Fans hätten wohl lieber auf Öztürk verzichtet als auf die Schüsse des Wuppertalers.

Auf Ronnys Wunsch: Auflösung der Viererkette

Wenn nichts geht, vielleicht mal ein Standard – Knoll ist da ja Spezialist. Der Ball kommt von halbrechts auf den langen Pfosten – Zentner rettet vor Lorenzi und Palionis (62.). Jetzt soll’s das schmächtige Wiesel Patrick Lienhard richten, der Sportsfreund Öztürk ablöst (65.). Als dann auch noch Hannes Sigurdsson in die Schlacht zieht, und der lange Kurz nach vorne rückt, erfüllt sich ein Appell von jahnground.de-Fan Ronny, der schon in Großaspach die Auflösung der Viererkette gefordert hatte: Oli Hein gibt jetzt immer häufiger den Rechtsaußen (71.).

Das schafft natürlich Platz für die Mainzelmännchen: Strebinger verhindert mit klasse Reflex bei Richard Weils Kopfball den vorzeitigen Knock-out (76.). Wenn hier noch einer auf der richtigen Seite trifft, kann das heute nur Aosman sein, dem die Ungeduld mit den Mitspielern anzumerken ist – Knoll und Hein verhaspeln sich im Spielaufbau. Deshalb zieht er mal wieder selbst davon und setzt die Kugel aus 20 Metern einen guten Meter daneben (80.).

Abwehrbollwerk Sigurdsson

Der Vorteil der großen bärtigen Kerle: Sigurdsson erklärt fortan bei jedem gegnerischen Standard, wo sich die Regensburger inklusive Strebinger positionieren sollen – Freistoß aus 40 Metern, Königs als erster mit dem Kopf zur Stelle, anschließend drischt Sigurdsson den Ball flach in die Mitte, aber immerhin weit genug weg (82.).

Das gehört schon in die Kategorie Verzweiflungstaten: Lienhard, der auf seiner linken Seite redlich versucht, das Spiel anzukurbeln, legt auf Kurz ab – das Schüsschen rollt mit Weile in Zentners Hände (83.). Doch so sehr sich der Jahn auch müht, die richtig dicke Chance will sich nicht einstellen. Die sporadischen Konter der Mainzer sind da noch gefährlicher: Strebinger verhindert ein weiteres Mal die ganz große Pleite vor Klement (86.).

Aosman verpasst das Happy-End

Die Minuten verrinnen, das Spiel ist schlecht, die Spannung aber steigt. Gebannt fiebern die Fans bei jedem Versuch mit, nochmal vors Tor zu kommen: Knolls scharfe Flanke von links bleibt unerreicht, Hesses Flanke geht ins Aus (88.). Und dann ist doch einmal die Lücke da: Hesse kurbelt – in memoriam Erfurt, als er für Aosman das 1:0 in der 90. auflegte – über rechts an, die Flanke köpft Kurz zu Aosman, der stoppt die Kugel mit der Brust und als er sich das Ding am Elfer im Bruchteil einer Sekunde zurechtlegen will, blockt im letzten Moment ein Mainzer die sicher geglaubte Führung.

Es gibt noch ein paar hektische Aktionen, ein langer Einwurf von Hein, eine Ecke, die Sigurdsson nicht verwerten kann, eine raffinierte Vorlage Aosmans für Palionis – aber der bringt das Ding nicht mehr aufs Tor (93.). „Dass ich vor Freude keine Purzelbäume schlage, ist, glaube ich, verständlich“, muss der Kapitän als erster seine Enttäuschung in Worte fassen. Die meisten Spieler liegen da noch im Gras, ausgepumpt und mit völlig leerem Kopf.

Galgenhumor und Kellers Schlusswort

Christian Brand versucht’s mit Galgenhumor. Ob er noch ernsthaft glaube, dass es ihm gelinge, die Mannschaft wieder aufzurichten und in vier Spielen sieben Punkte gutzumachen? „Aber sicher“, lächelt er ironisch, „ich bin Christian Brand, ich schaffe das.“

Nicht zum Lachen zu Mute ist dagegen Christian Keller: „Wir wussten, dass wir gewinnen müssen“, sagt der Sportchef. Das habe man auf dem Platz heute nicht immer sehen können. „Im Endeffekt hätten wir es trotzdem gewinnen müssen, haben wir aber nicht. Ein Punkt ist zu wenig.“

Da hebt dann auch der späte Siegtreffer Rostocks gegen Dortmund II. die Stimmung kaum noch. Auch wenn gute Chancen bestehen, dass Christian Brand bei der PK vor dem Spiel in Halle am kommenden Samstag, 14 Uhr, erklären wird, dass auf den Tabellen-19. schon mal ein Punkt gut gemacht wurde.