VfL Wolfsburg II will Regensburg von Liga 3 wegbeißen
Jetzt ist der Jahn wieder Jäger

Oli, play it again: Der noch bartlose junge Oli Hein nach seinem spektakulären Führungstreffer in Karlsruhe bei der Relegation zur Zweiten Liga. Im Hinspiel war's noch der Pfosten ... (Foto: dpa)
Sport
Regensburg
27.05.2016
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Valérien Ismaël zeigt Nerven: Anders kann man seine Sticheleien kaum deuten. (Foto: Sascha Janne)
 
Oli Hein im Jahre 2016 im Piratenlook: Kapert die 3. Liga! (Foto: Sascha Janne)
Regensburg: Continental-Arena |

Wer hat die stärkeren Nerven – die Jahn-Herren oder die Wolfsbubis? Bisher hat sich das Jahn-Team in Krisenphasen ja nicht gerade kalt wie Packeis präsentiert. Andererseits, als es darauf ankam, in Burghausen und bei der SpVgg Greuther-Fürth, war Rot-Weiß da. Am Sonntag, 13.30 Uhr, entscheidet sich: ein weiteres quälendes Jahr gegen Buchdorf & Co. oder volles Haus gegen den MSV Duisburg.


Die schlechte Nachricht für Regensburg vorweg: Die DFB-Spielordnung gibt keine 0:2-Wertung des Spiels vom Mittwoch her, weil der VfL Wolfsburg II Paul Seguin eingesetzt hat – der 21-Jährige hatte zwar im letzten Spiel der ersten Mannschaft gegen den VfB Stuttgart 73 Minuten absolviert und somit entgegen § 11, Absatz 2 keine vier Spiele Bundesliga-Abstinenz. Weil der Mittelfeldspieler aber kein Stammspieler der Ersten ist, muss er nach Absatz 3 lediglich zehn Tage verstreichen lassen – eine Maßarbeit: Das Bundesliga-Finish war am 14. Mai, das Relegationsspiel am 25. Mai. Durchschnaufen, Wolfsburg!

Man möchte nicht wissen, wie Valérien Ismaël getobt hätte, hätte er sein Team auf diese Weise in eine denkbar schlechte Ausgangslage manövriert. Schon das dementierte Gerücht, Jahn-Verantwortliche hätten zwei Tage vor dem Match einen Spieler kontaktiert, um ihn abzuwerben, hatte den temperamentvollen Elsässer auf die Palme gebracht.

„Rennt um euer Leben“

Hilft also alles nichts, der SSV Jahn muss den Aufstieg spielerisch lösen. Wir gehen davon aus, dass die Aufstiegsprämie gar nicht mehr nötig ist – jeder Spieler sollte in dieser Situation auch ohne Zusatzkohle brennen. Schließlich bedeutet Liga 3 für jeden Regensburger einen großen Karriereschritt oder zumindest die Rückkehr zum verlorenen Level. Und für Fans, Stadt und Sponsoren locken die Aussicht auf klangvolle Traditionsvereine, viel, viel TV-Präsenz und damit verbunden: wirtschaftlichen Erfolg.

Ist doch jedem Verantwortlichen im Verein auch klar: Auf Dauer werden zu Spielen gegen U23-Mannschaften und Dorfvereine im Schnitt keine 7000 Zuschauer pilgern. Und dann dürfte es irgendwann eng werden fürs Drittliga-Budget in der Regionalliga. Deshalb kann das Motto für Sonntag nur heißen: „Rennt um euer Leben“, wie Heiko Herrlich den psychischen Ausnahmezustand einmal beschrieb, der Profis ermöglicht, über sich hinauszuwachsen.

Pläschke: „Hinter mir ist ein Riesenloch“

Oder war‘s das doch schon? Dieser eine Moment, als Jannis Pläschke nach innen zog, wie er es selbst beschreibt: „Ich sehe, dass ich einen Mann im Rücken habe, der spekuliert, dass ich die Linie runtergehe, ziehe nach innen und hinter mir ist ein Riesenloch, das sehe ich, da laufe ich rein und, ja, heute hat‘s mal geklappt.“ Der Jungwolf sei schon lange dabei gewesen, diesen Trick zu trainieren – und er sei froh, dass es gerade heute, gerade gegen Alexander Nandzik geklappt habe – 1:0 (13. Minute). Ausgerechnet Nandzik, der, diese Szene und ein riskanter Querpass vorm Strafraum ausgenommen, ein bärenstarkes Spiel absolvierte.

„Jetzt brauchen wir eine überragende Leistung in Regensburg, ööhh“, fordert Trainer Valérien Ismaël, „das wird natürlisch eine heiße Tanz abör wir sind bereit.“ Seine Mannschaft habe nichts zu verlieren – naja, außer den Aufstieg, den die U23 sicher weniger braucht als eine Stadt wie Regensburg und eine Region wie die Oberpfalz, die zumindest einen Vertreter im Profifußball verdient hat. „Wir haben bewiesen“, findet Ismaël, „dass wir sehr gut mithalten können und wir sind immer gut für ein Auswärtstor.“

Das Auswärtstor in der fiktiven Verlängerung

Genau dieses verpasste Auswärtstor ist das einzige, das Jahn-Coach Heiko Herrlich so richtig wurmt. „Ich bin sicher, dass, wenn das Spiel noch zehn Minuten länger gegangen wäre, wir noch ein Tor gemacht hätten“, bemüht der Trainer den Wennjunktiv. „Aber so ist es halt.“ Immerhin habe die Schlussoffensive gezeigt, „dass wir körperlich in einer besseren Verfassung waren oder sind“ – ein gutes Gefühl für eine mögliche Verlängerung. Gegen den „stärksten Gegner“ seitdem Herrlich beim Jahn sei, habe seine Mannschaft eine sehr gute Leistung aufgerufen.

Vom undankbaren Ergebnis – schießen die Wölfe das eine Tor, das sie unbedingt erzwingen wollen, muss der SSV gegen eine starke Abwehr, die seit fünf Spielen kein Gegentor mehr zuließ, schon drei machen – lässt sich Rot-Weiß offenbar nicht entmutigen. „Es war schon direkt nach dem Spiel so, dass die Mannschaft relativ positiv war – Tenor: alles ist noch möglich.“ Taktisch muss Herrlich seine Jungs auf einen schwierigen Balanceakt einschwören: ein schnelles Tor suchen, aber hinten nichts anbrennen lassen – ein 0:1-Konter-Tiefschlag ist nur schwer zu verkraften.

Höher verteidigen, eher attackieren

„Klar ist natürlich“, schildert der Trainer die Lage, „wir waren die komplette Rückserie fast Gejagter, jetzt ist es ein anderes Vorzeichen, jetzt sind wir wieder Jäger.“ Es gelte, ein 0:1 aufzuholen, nach Möglichkeit kein Tor zu bekommen: „Wir sind immer fähig im eigenen Stadion zwei Tore zu machen.“ Und selbst wenn die Wölfe ihre Drohung wahr machen: „Wenn wir ein Tor bekommen, können wir auch 3 hier machen – trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu früh offen sind und zumindest nicht gleich schnell ein Gegentor bekommen.“

Eine dreiviertel Stunde sei er deshalb mit dem Team bestimmte Spielsituationen durchgegangen, habe ihnen gezeigt, was gut war, was nicht so gut war – darunter eine große Zahl positiver Szenen, gerade von der Verteidigung, die viele Angriffe im Ansatz sehr gut erstickt habe. Und Herrlich habe die Spieler noch einmal bestärkt, vorne höher zu verteidigen und eher zu attackieren, so dass die starken gegnerischen Offensivspieler gar nicht erst ins Spiel kämen.

Offizielle Bewerbung um Hernandez ...

Und die Sticheleien von Herrn Ismaël? Geschenkt. „Wenn er darüber nachdenkt, weiß er eigentlich, dass das völlig haltlos ist.“ Schließlich lebe die gesamte Beraterszene davon, Spieler zu vermitteln – da bleibe es nicht aus, dass sie sich mit Spielern und Managern über Eventualitäten austauschten. „Es mag gut sein, dass vor Wochen mal ein Berater gesagt hat, ,du pass‘ auf, beim Jahn könnte die oder die Situation entstehen, wäre das interessant für dich?‘. So läuft ja das Spielchen.“ Und dann stille Post: „Der hat das einem Mitspieler erzählt, der hat das verdreht und dem Valérien Ismaël so gesteckt und nachher ist daraus dann zwei Tage vorm Spiel geworden.“

Der SSV habe keinen Spieler von Wolfsburg in Planung und auch keinen angesprochen. „Trotzdem muss man jetzt sagen nach dem Spiel“, lockt er süffisant, „der eine oder andere Spieler ist sicherlich interessant.“ Wenn er da nur an Onel Hernandez denke: „Ein pfeilschneller Spieler, brandgefährlich, der spielt da nicht mal von Beginn an – also, da geb‘ ich jetzt eine offizielle Bewerbung ab.“ Dennoch, großes Ehrenwort, vor Sonntag unternimmt der Jahn-Coach da gar nichts. Und schließlich „gilt‘s auch dann abzuwägen, wie wären die Gehaltsvorstellungen, das ist alles nicht mein Thema“.

Plätze im Gästeblock oder Public Viewing auf der Dult

So siegessicher sind die Wölfe mittlerweile, dass sie einige Hundert Karten im Gästebereich nicht abrufen. In neutralen Klamotten dürfen deshalb auch Regensburger da rein – die letzte Chance auf das Live-Erlebnis „Freudentaumel oder Frustbewältigung“.

Ansonsten bleiben das Public Viewing auf der Dult oder die Übertragung des Spiels durch den Bayerischen Rundfunk, TVA und Turmfunk.
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