Volksfest im fußballverrückten Dorf
Buchbach testet Regensburgs Schmerzgrenze

Von wegen edler Amateurfußball: Aus dem ehrwürdigen Buchbacher Jahnstadion wurde die SMR-Arena - gesponsert von der SMR Schrott-Metall-Recycling GmbH für 2500 Zuschauer. Trolly und Playmobil lassen grüßen. (Foto: dpa)
Sport
Regensburg
01.04.2016
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Schon immer fußballverrückt: Buchbachs ehemaliger Bürgermeister Hans Rambold (von links) mit Bayerns Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge, Sepp Monatzeder, Ex-Bayern Coach Felix Magath, MdL Hans Herold und Lutz Trümper, OB von Magdeburg bei einem Charity-Fußballspiel am Rande der "Konferenz der Zivilgeselschaft". (Foto: dpa)
 
Dorfidylle: Bilderbuchort Buchbach im Landkreis Mühldorf. (Foto: Donaulustig-Copyrighted free use, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37221955)
Buchbach: SMR-Arena |

Ein Heimspiel als Volksfest: Der TSV Buchbach (11./35 Punkte) zelebriert seine Heimspiele mit Spanferkel, Blasmusik und dörflicher Härte – seit Jahren lehrt der selbsternannte Underdog seinen Gästen das Fürchten mit Einsatz bis an die Schmerzgrenze. Am Sonntag, 15 Uhr, möchten sich die Hausherren beim Spiel des Jahres für die 1:3-Schlappe bei Jahn Regensburg im Hinspiel revanchieren.



Respekt. Die Marke, die die Buchbacher innerhalb weniger Jahre schafften, hätte Jung von Matt nicht besser hinbekommen: Kultklub, fußballverrücktes Dorf, ein David, der es in den 90er Jahren mit dem bundesweiten Rekord von 75 Spielen in Folge ungeschlagen bis in die Spitze des deutschen Amateurfußballs schaffte.

Diese Aufmerksamkeit haben sich die Oberbayern aus dem Landkreis Mühldorf am Inn verdient: SPORT1 überträgt das Spiel des Jahres gegen Spitzenreiter Jahn Regensburg live im Free-TV. Ab 14.30 Uhr fängt der Münchener Sender Szenen aus Buchbach ein – und überträgt anschließend die Auslosung der Relegationspaarungen zur Dritten Liga: Dann erfährt der künftige Meister der Regionalliga Bayern, mit welchen Gegnern es zu tun bekommen kann. Mit dem VfB Oldenburg oder dem VfL Wolfsburg II aus dem Norden? Mit dem FSV Zwickau oder dem Berliner AK 07 aus dem Nordosten? Mit Borussia Mönchengladbach II oder den Sportfreunden Lotte aus dem Westen? Mit Waldhof-Mannheim oder Eintracht Trier aus dem Südwesten?

Herrliches Mantra: „Nur das nächste Spiel“

Einem Mann geht das völlig am Allerwertesten vorbei. Natürlich … Heiko Herrlich beschäftigt sich immer nur mit dem nächsten Spiel: „Das hat mich bisher nicht tangiert“, wiederholt er gerne sein Mantra. „Ich habe den Fokus auf Sonntag, alles andere ist Zukunftsmusik.“ Der Mannheimer möchte die Spieler so vorbereiten, „dass wir das Spiel gegen Buchbach positiv für uns gestalten können“. Schließlich sei das Meisterschaftsrennen eine „ganz knappe Geschichte vor allem in der Spitze“. Deshalb habe ihn die Auslosung bisher wirklich noch nicht interessiert. „Aber jetzt weiß ich zumindest, dass es ist“, sagt er lachend.

Über mangelnden Fokus auf das nächste Spiel braucht sich Herrlich jedenfalls nicht zu beklagen: „Die Regionalliga ist für uns die Königsklasse der Amateure“, schwärmt Stefan Thumm, Fußballchef von SPORT1, „aus Buchbach zu senden, ist ein besonderes Erlebnis“. Der Aufwand, der hier betrieben werde, sei enorm: „Diese Atmosphäre hat schon viele große Klubs beeindruckt. Ich bin gespannt, wie Jahn Regensburg damit umgehen wird.“ Und auch Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes jubelt: „Ein klassischer Amateurklub aus einer Gemeinde mit 3000 fußballbegeisterten Einwohnern fordert einen ambitionierten Traditionsverein, der die Chance hat, wieder in die 3. Liga aufzusteigen.“ Da sei Spannung mit DFB-Pokal-Charakter garantiert.

Entzauberter Mythos

„Größten Respekt“ zollt auch Heiko Herrlich dem TSV Buchbach: „Ich verfolge das auch schon einige Jahre aus meiner Münchener Zeit – was da geleistet wird, was für ein Kult da um den Verein herum aufgebaut wurde, mit welchen Möglichkeiten sie da wirklich relativ viel rausholen – sie haben in den letzten Jahren immer im vorderen Drittel mitgespielt.“ Es sei aber auch kein Geheimnis, dass die Spiele von der Heimmannschaft immer sehr aggressiv geführt würden – „bis an die Grenze des Erlaubten, manchmal einen Tick drüber“. Eine Herausforderung für die Jahn-Spieler, da dagegen zu halten.

„Trotzdem muss ich eines ganz klar sagen“, entzaubert der Ex-Champion den Mythos etwas, „es ist kein Spiel ,David gegen Goliath‘. Wenn man die Spieler durchgeht vom Kader – die halbe Mannschaft hat schon einmal bei Wacker Burghausen gespielt.“ Viele Spieler kämen aus Jugendleistungszentren, hätten eine sehr gute Ausbildung durchlaufen. „Die Mannschaft hat immer wieder gezeigt, welche Qualität in ihr steckt“, nennt Herrlich Beispiele. „Sie hat in der Vorrunde im Herbst gegen Bayern München zu Hause gewonnen mit 3:2 – und da standen Leute wie Julian Green, der bei der WM teilgenommen hat, Sinan Kurt, wo die halbe Bundesliga hinterher war, oder Gianluca Gaudino auf dem Platz.“

Edel-Feierabendfußballer

Einem ausgezeichneten Management mit Trainer Anton Bobenstetter gelänge es immer wieder, eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen – immerhin auch für eine halbe Million Euro, von wegen Feierabendfußballer. Topakteur ist Mittelfeldchef Aleksandro Petrovic, vor sechs Jahren von Dynamo Dresden an den Erlbach gewechselt. Aber selbst er sei kein Profi. „Wir haben vier Studenten, der Rest geht einem Beruf nach“, sagt Abteilungsleiter Günther Grübl.

Auch wenn das von Buchbacher Seite so verkauft würde: „Wir sind der Underdog – das ist nicht so“, rückt Herrlich die Dimensionen zurecht. So habe auch Maxi Drum, ein Spieler, den er in Unterhaching trainierte, Drittliga- wenn nicht Zweitliga-Niveau. „Der hält die Abwehr super zusammen.“ Eine harte Nuss, keine Frage, dennoch sei der Jahn in der Favoritenrolle: „Wir nehmen die auch gerne an, wollen da bestehen, müssen mit der Härte klar kommen, müssen dagegenhalten und werden wie immer versuchen, die Null zu halten und unser Spiel da dem Gegner aufzudrücken.“ Ziel seien natürlich drei Punkte.

10 plus Torwart und 3 auf der Bank

Weniger zuversichtlich stimmt die Personalsituation beim Spitzenreiter. Wenn es ganz dumm läuft, rechnet Heiko Herrlich vor, bekommt er gerade mal die 13 voll. „Ich denke, so ein Mist, aber ich kann‘s leider nicht ändern.“ Sollte der Gau wirklich eintreten und auch noch Kolja Pusch und Marcel Hofrath (beide Magen-Darm-Verstimmung: „Da geht was um!“) ausfallen, „dann haben wir trotzdem noch 13 Feldspieler: Das reicht. Wir brauchen 10 für die Anfangsformation, 10 plus Torwart und 3 auf der Bank. Wenn die alle funktionieren, sind wir stark genug.“

Außer den Langzeitverletzten Thomas Paulus, Sven Kopp und Sebastian Nachreiner fehlen Michael Faber, Marc Lais, Daniel Schöpf, Marvin Knoll, Robin Urban und Martin Tiefenbrunner. Bei Oli Hein habe sich die Befürchtung, es könne sich um eine Absplitterung handeln, nicht bestätigt. „Es ist zum Glück nur ein Bluterguss“ – dazu käme aber die grassierende Magen-Darm-Geschichte, so dass er definitiv nicht spielen könne. Aber auch die Spieler, die am Mittwoch beim Pokalspiel gegen den Bayernligisten SC Eltersdorf (3:1) ran durften, hätten ihre Sache ordentlich gemacht: „Mit denen ist absolut zu rechen, auf sie ist Verlass, sie haben die Hürde Eltersdorf genommen.“

Jugend in Lauerstellung

Und die sei nicht zu unterschätzen: „Ich weiß, wie schwer so Pokalspiele sind. Ich bin selber als Weltpokalsieger gegen Eintracht Trier ausgeschieden oder als Championsleague-Sieger gegen Wattenscheid 09.“ Bei aller Liebe zur Nachwuchsförderung, könne der Trainer aktuell noch nicht auf den Talentschuppen zurückgreifen: Herrlich hat zwar mit Anes Seferovic (U23) und zwei U19-Spielern drei Jahn-Azubis beobachtet, aber: „Die Jungs haben das gestern sehr gut gemacht, aber das macht jetzt keinen Sinn, die da sofort mit dazu zu nehmen.“ Für die Zukunft gelte jedoch: „Wir werden sie immer wieder punktuell mit dazu nehmen, da ist Qualität.“

Große Qualität weiß der Coach auch bei Thomas Kurz gut verborgen – der mangelnden Spielpraxis geschuldet: „Jeder weiß ja, was er schon geleistet hat, er war beim Zweitligaaufstieg beteiligt, hat große Spiele schon gemacht.“ Da könnten viele in der Mannschaft noch viel von ihm lernen. „Ich bin auf jeden Fall sicher, dass wenn wir ihn brauchen, dass er sofort da ist.“ Für einen in der U23 sei er jedenfalls zu wertvoll: „Wenn einem Innenverteidiger was passiert oder um ihn auf der 6 einzuwechseln“, sei Kurz der ideale Stand-by-Mann.

Luft nach oben bei Torjäger Hyseni

Keinerlei Verletzungsorgen plagen derweilen Haris Hyseni – doch trotz hoher Messlatte (6 Tore in 5 Pflichtspielen) erwartet der Trainer gerade von ihm mehr Einsatz: „Die Trainingsarbeit hat sich sicherlich verbessert, die Konzentration hat sich verbessert, aber es ist dennoch deutlich Luft nach oben.“

Schließlich hätten es auch sicherlich zwei, drei Tore mehr sein können oder müssen, meint Herrlich. „Ich bin da nicht für eine Zufriedenheit, ich fordere da mehr.“ Haris müsse weiter an sich arbeiten. „Was ich am meisten hass‘ ist, wenn jemand selbstzufrieden ist.“ Er müsse sein Potenzial erkennen und noch mehr ausschöpfen. „Daran werden wir arbeiten.“
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