Vorstandschef Hans Rothammer verspricht bestmögliches Krisenmanagement
Realistische Jahn-Perspektiven

Das sportpolitische Duo beim Richtfest: Vorstandschef Hans Rothammer (links) und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Bilder: Jahn
Sport
Regensburg
26.12.2014
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Fassungslos: Jahn-Coach Christian Brand sieht die Felle davonschwimmen. Sein Team verspielt in Unterhaching eine 2:0-Führung und damit die Chance zum ersten Sieg unter seiner Regie.
 
Ein Königs für den Keller: Kann der neue Stürmer die Bilanz des glücklosen Sportchefs aufbessern?
 
Leerer Blick Richtung Regionalliga: Jahn-Frust nach der Niederlage in Unterhaching.

Das muss man an Weihnachten auch mal sagen: Vorstandsvorsitzender Hans Rothammer und Sportchef Christian Keller haben für die verkorkste Saison eine Menge rhetorischer Prügel einstecken müssen. Und auch wenn Fußball die wichtigste Nebensache der Welt ist: Das Motto „Sport ist Mord“ sollte man dann doch nicht zu wörtlich nehmen. Im Interview geht der Jahn-Boss auf die Fans zu.

Herr Rothammer, wir beide sind gesetztere Herren und können unsere Wut bei einem Fußballspiel im Zaum halten – auch wenn es sehr frustrierend ist, Spieltag für Spieltag die selbe Misere mit anzusehen. Haben Sie Verständnis dafür, wenn die jungen Wilden, die den Jahn auf jedes Auswärtsspiel begleiten, auch mal die Fassung verlieren – wie soll der Verein damit umgehen?

Rothammer: Erst einmal freue ich mich, dass es so viele Emotionen für den Verein gibt, weil das bedeutet, dass unsere Fans mit Herzblut dabei sind. Ich habe auch Verständnis dafür, dass diese angesichts der Situation in Aggression umschlagen. Aber ich kann und darf als Jahn-Präsident kein Verständnis dafür haben, wenn Sachen beschädigt oder gar Menschen verletzt werden. Regensburg ist eine weltoffene, tolerante Stadt, in der Gewalt keinen Platz hat.

Nach dem Spiel gegen Unterhaching bekamen Sie und Trainer Christian Brand bei der Weihnachtsfeier im Best Western Hotel Besuch von den aufgebrachten Fans – kam ein Gespräch zustande?

Rothammer: Ich finde schon, immerhin fast zwei Stunden. Sie kamen so gegen zehn Uhr und blieben bis kurz vor Mitternacht. Es war zum Teil sehr heftig, aber zum Schluss sind alle friedlich gegangen. Ich habe zu erklären versucht, dass sie uns als Fans wichtig sind, aber dass wir auch noch andere Interessengruppen wie die Mitglieder der Kapitalgesellschaft oder die Sponsoren berücksichtigen müssen.

Ich verstehe, dass Sie Gewalt, auch wenn sie singulär auftritt, nicht verharmlosen. Waren aber Ihres Erachtens im Vergleich zum Alltag in Dresden, Rostock oder Hannover die Szenen in Unterhaching wirklich so dramatisch, dass Christian Brand nach dem Spiel von „Kriminellen“ reden hätte müssen?

Rothammer: Er hat klar gestellt, dass er diese Aussage nur an diejenigen adressiert hat, die Sachbeschädigung und Körperverletzung begangen haben. Und glauben Sie mir, ich war selbst ja auch dabei und saß Rainer Koch, dem Präsidenten des Bayerischen Fußballverbandes, schräg gegenüber. Da sinkt man vor Scham auf seinem Platz zusammen, wenn ein verletzter Ordner des Gastgebers gestützt in die Kabinen geführt werden muss. Ich denke, man sollte einem Trainer zugestehen, dass auch ihm da mal der Gaul durchgeht. Er hat klargestellt, dass er natürlich nicht alle Fans kriminalisiert.

Sich von Gewalt zu distanzieren, ist das eine. Auf der anderen Seite ist Gewalt in vielen Stadien präsent. Sollte so ein Ereignis nicht vielmehr Anlass sein, Fans, die über die Strenge schlagen, wieder einzufangen?

Rothammer: In meiner Funktion muss ich darauf differenziert reagieren. Als Vorstandsvorsitzender verantworte ich auch das Benehmen unserer Fans bei unseren Gastgebern und muss ohne Wenn und Aber dafür geradestehen, dass sich alle zivilisiert verhalten. Wir haben für den Einsatz von Pyrotechnik eine Strafe von 2000 Euro bezahlt. Jetzt warten wir auf den Abschluss der Untersuchung und das Urteil. Wir müssen dieses öffentliche Auftreten auch gegenüber unseren Sponsoren vertreten. Da gibt es einige, die hier sehr sensibel reagieren und nicht mit Gewalt in Verbindung gebracht werden möchten. Und dann sehe ich mich sowohl als Jahn-Vertreter als auch als Mensch in der Verantwortung für alle Fans; für die Mehrheit, die ohne Gefahr ein Fußballspiel ansehen möchte; und auch für die Minderheit, die so stark mitleidet, dass sie auch mal die Fassung verliert. Ich denke, wir müssen Letzteren deutlich machen, dass sie mit so einem Verhalten sich, anderen und dem Verein schaden. Aber wir müssen ihnen auch Brücken bauen, weil wir sie als leidenschaftliche, aber gewaltfreie Fans behalten möchten.

Wie wollen Sie das erreichen?

Rothammer: Ich würde mich sehr freuen, wenn es innerhalb der Fangruppe einen Selbstreinigungsprozess geben würde, wenn die Vernünftigen soziale Kontrolle ausüben und Grenzen setzen würden. Und wir haben mit dem Fan-Beauftragten Johannes Fuchs und dem Fan-Vertreter Stefan Reiprich, der sogar im Aufsichtsrat sitzt, zwei gute Leute, die in der Lage sind, Brücken zu bauen.

Die Stimmung der Fans ist aber auch deswegen am Boden, weil sie das Gefühl haben, die Verantwortlichen wüssten nicht, was sie tun. Wenn wir heute vor der Saison 2014/15 stünden, und Sie hätten von Anfang an Einfluss auf die Planung, was würden Sie anders machen?

Rothammer: Sowohl Christian Keller als auch die Gremien haben wiederholt eingestanden, dass zu Beginn der Saison Fehler gemacht wurden. Mit einer einzigen Ausnahme hat der Sportchef die Spieler allerdings nicht alleine verpflichtet – auch zu der Zeit, als die Trainerverpflichtung noch nicht öffentlich war, war Alexander Schmidt miteingebunden.

In einem Punkt gibt es wahrscheinlich keine zwei Meinungen: In dieser Saison ist alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Der neun Punkte Rückstand zeigt: Es wurde an der Realität vorbei geplant.

Rothammer: Die Zahlen sprechen für sich, da gibt es nichts zu beschönigen. Mir geht es darum, jetzt das Beste aus einer enorm schwierigen Situation zu machen. Wem hilft es denn jetzt, auf Christian Keller einzudreschen und bei jedem Spiel „Keller raus“ zu grölen? Der Mannschaft? Dem Verein? Ich denke, dass jeder sehen kann, dass wir uns bemühen, die Fehler zu korrigieren. Ich muss Ihnen nicht wiederholen, was seit der Krisensitzung alles getan wurde – eine neue Verteidigung, ein neuer Trainer, ein neuer Stürmer.

Die Fans bezweifeln, dass diese Führung in der Lage ist, die begangenen Fehler zu korrigieren ...

Rothammer: Noch einmal, die Fans sind uns wichtig und wir gehen auf sie zu. Aber wir müssen auch andere Interessengruppen berücksichtigen – auch unter der Bedingung, das wir nicht unendliche Mittel zur Verfügung haben. Wir arbeiten daran, die Fehlerquellen der Vergangenheit zu vermeiden. Die Mitglieder der KG und die Sponsoren achten sehr darauf, dass eine ruhige und besonnene Atmosphäre herrscht und keine hektischen Entscheidungen getroffen werden. Die sagen uns: „Bleibt‘s ruhig, wenn wir absteigen ist das nicht schön, aber wir werden euch die Stange halten.“

Nur ein kleiner Trost, wenn man sieht wie schwer sich die kleinen Bayern, die keine Finanzsorgen haben, mit dem Wiederaufstieg tun ...

Rothammer: Weil ich das genauso sehe, haben wir alles Menschenmögliche in Bewegung gesetzt, um den Abstieg zu verhindern – auf Spieler- und auf Trainerebene. Mehr können wir derzeit nicht tun. Und ich habe deshalb die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben. Natürlich kann man sagen, „der neue Trainer hat gleich mal fünf Spiele verloren“. Aber er hat eben auch ein schweres Erbe übernommen und er macht nicht nur auf mich, sondern auch auf die Spieler einen guten Eindruck. Die haben Respekt vor seinem Sachverstand und seinen Umgangsformen. Er hat ein Konzept, und auch wenn es bisher nicht aufging – wenn wir Dortmund schlagen, ist wieder was drin …

… und was macht Sie optimistisch, dass dies gelingt – in Dortmund bezog der Jahn mit 0:5 schwere Prügel?

Rothammer: Ich denke, die Winterpause wird uns gut tun. Viele verletzte Spieler können sich erholen. Wir hatten zuletzt ja nur noch 14 Spieler und waren die ganze Saison nicht gerade vom Glück begünstigt. Wenn unsere neue Abwehr mit Sinkiewicz, Palionis – für mich ein absoluter Schlüsselspieler – und Lorenzi steht, hält die gegen Dortmund dicht. Mit Palionis hätten wir uns auch in Haching keine drei eingefangen – das war ein Blackout der rechten Abwehrseite. Meine Prognose: Gegen Dortmund gewinnen, in Rostock nicht verlieren und gegen den VFB nachlegen, dann sind wir wieder dabei.

Ihr Wort in Fußballgotts Ohr. Wahrscheinlicher scheint mit bereits bei optimistischer Betrachtung, dass Christian Brand die Mannschaft im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit stabilisiert, sie dann wie ursprünglich erwartet mit einem mittleren Schnitt von 1,5 punktet und allenfalls sehr langsam aufholt – es wird auf alle Fälle sehr, sehr eng mit dem Klassenerhalt ...

Rothammer: Auch mit diesem Szenario müssen wir rechnen. Ich würde die Fans deshalb bitten zu registrieren, dass wir in beide Richtungen seriös denken. Ich sitze hier am zweiten Weihnachtsfeiertag und plane für beide Varianten. Und ohne konkrete Zahlen nennen zu können, verspreche ich, dass wir im Fall des Klasenerhalts eine finanziell deutlich stärkere Rolle spielen werden. Und für den Fall des Abstiegs mit fast dem gleichen Budget wie heuer eine relle Chance zum Wiederaufstieg besitzen.

Mit der gleichen Mannschaft?

Rothammer: Wir werden um unsere zuverlässigen Stützen aus der Region eine Mannschaft aufbauen. Wir haben also für beide Szenarien realistische Chancen, neue Perspektiven zu eröffnen. Je mehr Unruhe aber verbreitet wird, desto schwieriger ist es, die Sponsoren bei der Stange zu halten. Wir haben leider 25 Jahre Entwicklung im Profifußball verschlafen – während sich Augsburg, Fürth und Ingolstadt zu Profiklubs entwickelten, sind wir stehen geblieben. Aber wir haben im nächsten Jahr ein DFB-Jugendleistungszentrum, wir werden die Plätze am Kaulbachweg sanieren und mit vernünftigen Strukturen ein verlässliches Sponsorenkonzept vorlegen.

Was hat sich beim Sponsoring denn verändert?

Rothammer: Was ich vorgefunden habe, war, dass die Leute rausgingen, und gesagt haben, der Quadratmeter Bandenwerbung kostet so und so viel. Es wurde nicht gesagt, dass da eine Leistung des Vereins dahintersteckt. Wir versuchen den Unternehmen einen reellen Mehrwert anzubieten, wie etwa die nicht unbeträchtlichen Fernsehminuten, in denen ihr Produkt präsent ist. Was künftig eine Rolle spielen wird, ist der B2B-Bereich in der VIP-Lounge, wo ganz neue Netzwerke präsent sein werden. Früher hat man für den Jahn gebettelt. Sponsoring heißt für uns heute „Leistung und Gegenleistung“.

Apropos Leistung: Durchs Forum geistert das Gerücht, Horst Eberl habe drei Leihspieler aus Augsburg an Land gezogen, an denen Sie aber kein Interesse gehabt hätten – was ist da dran?

Rothammer: Leider gar nichts. Wir haben selbst ausgezeichnete Kontakte zu Augsburg, weil uns Markus Weinzierl nachwievor sehr verbunden ist. Und sobald der FCA einen Spieler abzugeben hätte, würden wir das erfahren.