Wundertüte Greuther-Fürth zu Gast in Regensburgs Lazarett-Arena
Jahn-Reserve gegen kleines Kleeblatt

Dass die Konstanz bei vielen jungen Spielern noch fehle, damit müsse man leben, findet Jahn-Coach Christian Brand. Solange er im Training sehe, „dass die Spieler sich voll reinhauen, um weiterzukommen“. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
22.10.2015
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Dass die Konstanz bei vielen jungen Spielern noch fehle, damit müsse man leben, findet Jahn-Coach Christian Brand. Solange er im Training sehe, „dass die Spieler sich voll reinhauen, um weiterzukommen“. Bilder: Herda
 
SpVgg-Trainer Thomas Kleine kickte noch vergangenes Jahr für die Zweitliga-Mannschaft der Franken - auch nicht immer sehr erfolgreich.

Was kommt jetzt da wieder ins Jahn-Stadion? Bitte keine Außenseiter, der Jahn kann’s nicht gegen die Kleinen. Mit der SpVgg Greuther-Fürth II reist (15./15 Punkte) ein Mischwesen an, das trotz Kellernähe den FC Bayern II überraschend bezwang. Die Frage ist: Wie viel Profi steckt am Freitag, 19 Uhr, im kleinen Kleeblatt?

„Es geht um das große Ganze“, meckert der Jahn-Trainer pikiert vor sich hin, weil er in Anbetracht der Tabellensituation – Spitzenreiter mit 6 Punkten Vorsprung auf Wacker Burghausen, 7 auf Nürnberg II und 8 auf den FC Bayern II – die kritischen Töne auf der Pressekonferenz nicht versteht. Immerhin von außen wird der Jahn mit viel Respekt beschrieben: Regensburg sei auch nach dem 3:2-Überraschungscoup der SpVgg gegen die kleinen Bayern „natürlich ganz klar in der Favoritenrolle“, sagt Greuther-Fürths Trainer Thomas Kleine.

Erfolgsrezept Einheit

Doch auch dem ehemaligen Kleeblatt-Profi ist die Mini-Krise der Oberpfälzer nicht entgangen: „Wir fahren nach Regensburg, um dort etwas zu holen“, sagt er mit Blick auf zuletzt nur einen SSV-Sieg aus den letzten fünf Partien. „Wir haben in den letzten beiden Duellen sehr gute Leistungen gezeigt und wollen daran weiter anknüpfen“. Der Wermelskirchener hat aus den Erfolgsrezepten der zuletzt gegen Regensburg zumindest teilweise erfolgreichen Außenseiter ein Rezept abgeleitet: „Wir werden uns als Einheit präsentieren und uns nicht vor dem Gegner verstecken“.

Beim Jahn geht es vor allem darum, wegen der Ausfälle von Kolja Pusch (Band angerissen, Prognose Ausfall zwei Wochen) und Marc Lais (eine Woche) wieder eine neue Einheit zu formieren. „Sie müssen mir jetzt keine Tempotaschentücher bringen“, möchte Brand den Hinweis auf die konstant suboptimale Besetzungsliste nicht als Larmoyanz missdeutet wissen. „Ich glaube, wir als Jahn Regensburg sind einfach sehr gut beraten, wenn wir glücklich über jeden Sieg sind, weil das keine Selbstverständlichkeit ist – Sie müssen sich nur mal angucken, mit welcher Mannschaft wir in den letzten Wochen gespielt haben.“

„Mir fehlen Alternativen“

In Memmingen etwa habe der Trainer bei den Einwechslungen schon tief in die Kiste der Perspektivspieler greifen müssen: „Kevin Hofmann, dann Sven Kopp als Stürmer und Martin Tiefenbrunner – mir fehlen einfach Alternativen.“ Der Jahn habe keinen so überragenden Kader und nicht so viele Spieler in der Breite, dass man sagen könne: „Kein Problem, wen wir aufstellen, wir gewinnen die Spiele.“

Jann George etwa habe gerade zu Beginn sehr gute Spiele gemacht und fehle seit Wochen.
Thomas Paulus habe sich nach seiner ersehnten Rückkehr als Defensivstütze gleich wieder verletzt
Ali Odabas, der demnächst eine Schulteroperation habe, die nicht mehr aufzuschieben sei, konnte in den letzten Wochen nicht mehr eingesetzt werden, weil er mit der lädierten Schulter nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen sei.
Von Stammverteidiger Sebastian Nachreiner und Mittelfeldhoffnung Andi Geipl ganz zu schweigen

Die Variablen der Jahn-Elf

Dennoch: Christian Brand bereitet nicht die Ausrede für die nächste Enttäuschung vor. Die verbliebenen Spieler seien variabel genug, um mit der Situation fertig zu werden. „Wir können Oli Hein ins Mittelfeld nehmen, Martin Tiefenbrunner auf die rechte Seite stellen.“ Es gebe kaum einen Spieler, der nur auf einer einzigen Position gespielt habe. „Wenn ich an Oli Hein denke, der hat schon in der Dreierkette gespielt, auf der 6, hinten rechts.“ Thomas Kurz könne auf der 6 oder als Innenverteidiger spielen, Hofrath hinten und vorne links, Marvin Knoll auf der 6 und auf der 8. „Alles kein Problem, von daher haben wir genügend Alternativen.“

Der Gegner sei wie so viele Nachwuchsmannschaften der Erst- und Zweitligisten schwer auszurechnen. „Sie sind nicht sehr beständig, weil sie in den unterschiedlichsten Formationen antreten.“ Mit Daniel Steininger kommt ein alter junger Bekannter mit in die Arena: „Was ich live von ihm gegen Bayern München gesehen habe, war sehr, sehr gut.“ Er sei ein sehr junger, sehr talentierter, sehr gefährlicher Mann, über den sehr viele Konter liefen. „Greuther-Fürth steht sehr kompakt, ihr Spiel ist auf Konter ausgelegt und sie versuchen über Steini, wie er bei uns heißt, nach vorne zu kommen – das gelingt ihnen doch relativ oft.“ Aber kein Grund zur Sorge: „Wir sind Tabellenführer und ich denke, dass wir die Möglichkeit haben, sie zu schlagen.“

„Ich weiß nicht, was der Auftrag ist“

Und dann ist sie doch wieder da, diese miefig-muffige Stimmung, nur weil man nicht alle Spiele gewonnen hätte: „Nach einem Spiel wie gegen Memmingen ist jeder enttäuscht, aber die Jungs wissen das inzwischen zu relativieren.“ Er sei aber überrascht, dass, wenn man auswärts nur einen Punkt hole – in Anführungszeichen –, dass da gleich eine negative Tendenz reinkomme: „Das finde ich nicht wirklich angebracht, weil der Saisonverlauf ist ja sehr positiv.“ Es sei nicht damit zu rechnen gewesen, dass man nach dem 15. Spieltag mit sechs Punkten vorne liegen würde.

„Ich weiß nicht, was der Auftrag ist“, zickt er beim wiederholten Hinweis, dass sich die ersten zehn Spiele mit neun Siegen halt etwas besser machten als fünf mit nur einem. „Ob man jetzt gar nicht mehr verlieren darf?“ Doch, Christian Brand, darf man – nach einem leidenschaftlichen Fight und drei Lattentreffern würden viele sagen – Pech, aber gut gespielt. Aber es ist halt beim Fußball wie bei der Konzertkritik: Man kann die lustlosen, schrägen Töne der ersten Geigen nicht schönschreiben, nur weil sie zu Beginn der Konzertsaison so schön den Ton getroffen haben.

Weder Euphorie noch Depression

Es ist auch ein wenig eine Glaubensfrage – und mit wem man sich umgibt. Der Jahn-Trainer vernimmt bisher eben nur positive Signale aus dem Umfeld. „Ich kenne ja die Menschen in Regensburg nicht“, relativiert Brand, „wenn ich mit Leuten hier im Stadion spreche, haben die viel Freude, die sind glücklich, sehen guten Fußball.“ Zu ihm sei noch nie jemand gekommen und habe gesagt: „Ihr müsst alle Spiele gewinnen.“ Von daher sei das mit der Erwartungshaltung relativ: „Ich glaube, das schaukelt sich während eines Saisonverlaufs so ein bisschen hoch.“

Man gewinne, gewinne, gewinne – und das sei ja auch unser Job: „Sie schreiben dann auch viele gute Sachen über die Mannschaft, als Trainer nimmt man das dann zur Kenntnis, denkt, ja schön, ja alles in Ordnung.“ Aber tief drinnen, im Innenleben der Mannschaft gebe es eine Entwicklung, da gebe es ganz, ganz, ganz viel Arbeit und das sei vor sieben Wochen nicht anders gewesen, als man viele, viele Spiele gewonnen habe. „Das bewahrt mich vor totaler Euphorie oder einer schweren Depression.“ Wir können den Trainer beruhigen: Auch unsere Euphorie bei den Kantersiegen in Augsburg (1:0) und 1860 (1:0) hielt sich in Grenzen. Man sah auch da die mögliche Luft nach oben.

Fehlende Konstanz

Darum Schwamm drüber, die Wiederholungen – „wir müssen immer wieder neue Lösungen finden“ – helfen genauso wenig weiter wie eine Weltuntergangsstimmung, weil der Jahn seinen Vorsprung nicht auf Bayern-Niveau ausbauen konnte. Viel interessanter ist da der Erklärungsansatz, den der kluge Trainer in Bezug auf die fehlende Konstanz ins Feld führt: „Ich glaube, da viele Spieler noch relativ jung sind, beispielsweise der Marcel Hofrath, wenn der zuhause spielt, ist das ein total anderer Spieler, als wenn er auswärts auftritt.“

Die extrem große Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsego erkläre sich aus der Historie des Spielers: „Wo war der vor einem Jahr, was für eine Entwicklung hat der durchlaufen – die Entwicklung ist positiv, aber, und das ist halt auch das Zauberwort im Fußball, es fehlt einfach die Konstanz bei vielen Spielern.“

Der absolute Pus(c)h der Zuschauer

Vielleicht mache der absolute Push der Zuschauer den Unterschied, wenn’s mal nicht so gut läuft. Und es gebe natürlich auch noch viele andere Dinge, die Menschen beschäftigten und daran hinderten, Höchstleistungen abzurufen. „Jetzt kann man sagen, klar, das ist ja ihr Beruf und das müssen sie eben jedes Mal schaffen – aber die schaffen es halt noch nicht immer in der Konstanz, die wir uns wünschen.“

Damit müsse man leben und das könne er ganz gut, solange er im Training sehe, „dass die Spieler sich voll reinhauen, um weiterzukommen“. Ein Problem gebe es erst dann, wenn er merke, ein Spieler arbeite nicht hart genug. „Dann würde ich ganz andere Sachen sagen, aber das ist nicht der Fall, weil die Spieler täglich an sich arbeiten und versuchen weiterzukommen.“