33. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Test kann Babys vor Taubheit schützen

Professor Peter Kummer, Leiter des Bereichs Phoniatrie und Pädaudiologie an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Uniklinik Regensburg. Bild: gib
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Regensburg
28.09.2016
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Der sechs Monate alte Lukas reagiert auf die Stimme seiner Mutter. Was für andere Mamas selbstverständlich ist, freut Claudia H. (Namen geändert) jedes Mal aufs Neue: Sie erkrankte in der Schwangerschaft an einem Virus, das unter anderem zu Hörstörungen oder -verlust beim Kind führen kann.

"Das war ein Schock", sagte Claudia H. bei einem Pressegespräch an der Uniklinik Regensburg. Sie hatte zuvor noch nie von dem Cytomegalievirus (CMV), mit dem sie sich am Anfang ihrer Schwangerschaft angesteckt hatte, gehört. Nun eröffnete ihre Frauenärztin ihr, dass die Infektion schwere Folgen für das Kind haben könnte. "Die folgende Nacht war der Horror", berichtete Ehemann Christian - auch weil die werdenden Eltern lasen, dass es noch weit schwerwiegendere Folgeerscheinungen geben kann.

Bereits am nächsten Tag begann Claudia H. mit einer speziellen Antikörpertherapie. Dennoch steckte sich Lukas im Bauch seiner Mutter mit CMV an. Den obligatorischen Hörtest nach der Geburt bestand er zwar noch, doch acht Wochen später wurde festgestellt, dass er links leicht schwerhörig ist. Wieder entschieden sich die Eltern schnell für eine medikamentöse Behandlung - um einer Ertaubung entgegenzuwirken. Und tatsächlich: Nach weiteren drei Monaten zeigten beide Ohren keine Auffälligkeit mehr.

Sie sei im Nachhinein sehr froh, dass ihre Frauenärztin sie getestet habe, sagt die privat versicherte Claudia H. Diese Untersuchung gehöre nicht zum Standard der gesetzlichen Krankenkassen. Auch dass Lukas gleich nach der Geburt mit einem Urin-Test auf CMV hin untersucht wurde, war wichtig. "Sonst hätten die Ärzte ins Blaue hinein therapiert, als die Schwerhörigkeit auftrat."

Forderung: Jedes Baby testen


Jedes 200. Neugeborene dürfte von einer CMV-Ansteckung bedroht sein, erklärte Professor Peter Kummer, Leiter des Bereichs Phoniatrie und Pädaudiologie an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Uniklinik Regensburg. "Dennoch kennt kaum einer das Virus." CMV-Infektionen würden mit 20 bis 25 Prozent die häufigste nicht-genetische Ursache für frühkindliche Schwerhörigkeit bilden. Kummer begrüßt, dass es seit 2009 einen Hörtest für alle Neugeborenen gibt. Nun wünscht er sich einen neuen "Meilenstein" - nämlich, dass jedes Neugeborene per Urin-Screening auf CMV getestet wird. Außerdem müsse die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Gynäkologie verstärkt werden, um zu klären, inwiefern ein Standard-CMV-Test bei Schwangeren sinnvoll ist - und um die Patientinnen besser aufzuklären. Dafür könnten Flyer in den Frauenarztpraxen verteilt werden, meinte Kummer.

Hygiene wichtig


Denn: "Durch simple Hygienemaßnahmen in der Schwangerschaft sind bis zu drei Viertel der Infektionen vermeidbar." Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehöre es, Kleinkinder, die häufig Überträger sind, nicht auf den Mund zu küssen, nicht mit ihnen von einem Löffel zu essen und sich nach dem Windelwechseln mit Seife die Hände zu waschen. Selbst bemerken würde die Frau eine CMV-Infektion kaum, sagte Kummer. Es würden gar keine oder lediglich erkältungsähnliche Beschwerden auftreten.

CMV-bedingte Schwerhörigkeit bei Babys war eines der Themen, die Hunderte Experten aus ganz Deutschland bei der 33. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) besprachen. Die viertägige Tagung fand erstmals in Regensburg statt.
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