Bayerische Theatertage heizen Regensburg ein
Glanz, Verfall und Auferstehung

Simon Oberdorfer errichtete 1898 das Velodrom auf seinem Anwesen hinter dem Regensburger Arnulfsplatz. Repro: Wolke
Vermischtes
Regensburg
17.05.2016
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Wenn während der Bayerischen Theatertage stilisierte Nashörner und Kängurus ins Regensburger Velodrom einziehen, so kehrt die Bühne der Stadt Regensburg sozusagen zurück zu ihren Ursprüngen.

Für das Fassungsvermögen des Raumes gilt dies schon lange: Das Velodrom am Arnulfsplatz ist seit etlichen Jahren die größte Spielstätte des Theaters Regensburg. Ähnlich verhielt es sich nach der Eröffnung des Gebäudes im Jahre 1898. Mit Raum für 2000 Besucher und einem Programm, das neben Varieté und Skandalstücken auch fremdländische Tiere nach Regensburg brachte, vereinte das Velodrom in seinen jungen Jahren Großstadtcharakter und exotisches Flair.

Dass das Gebäude nach wie vor als Ort der Kultur existiert, ist mehreren Beteiligten zu verdanken. Zunächst natürlich Simon Oberdorfer. Der geschäftstüchtige Fahrradfan aus einer jüdischen Familie ließ das Velodrom Ende des 19. Jahrhunderts auf seinem Anwesen hinter dem Arnulfsplatz errichten. Für dessen Erhalt eingesetzt hat sich viel später dann der Regensburger "Velodrom-Verein". Die Ende der 1980er Jahre gegründete Bürgerinitiative verhinderte damals den Abriss ihres Schützlings.

Ausstellung zur Rettung


Zwischen den träumerischen Stunden des radsportbegeisterten Simon Oberdorfer und der Nacht, als Stadtrat Klaus Caspers heimlich ins Velodrom eindrang und die denkmalwürdige Stahlkonstruktion des Gebäudes an den Tag brachte, liegt gut ein Jahrhundert. Was in dieser Zeit geschah, dokumentiert momentan eine Schau im Velodrom.

"Ausstellung zur Rettung des Velodroms" lautet der Titel dieser Dokumentation in Text und Bild, deren Hauptexponat das Gebäude selbst ist. Dessen Errichter Simon Oberdorfer erdachte sich das Velodrom einst als Radsporthalle. Dass er von diesen Plänen abwich und Regensburg stattdessen "das größte und schönste Vergnügungsetablissement am Platze" bescherte, rührte weniger vom Kultur- als vielmehr vom Geschäftssinn Oberdorfers her.

Ihm ging es ganz pragmatisch um die Einnahmen. Das bunte Programm des Hauses war da eine willkommene Folgeerscheinung: Lustbarkeiten, politische Kundgebungen, Festessen - im Velodrom war jeder willkommen, sofern er die Miete zahlte. Zeitweilige Pläne, das Gebäude in ein Parkhaus umzubauen, verwirklichte Oberdorfer nicht.

Stattdessen machte der Besitzer das Velodrom 1929 zum Kino. Die Glanzzeiten des Kulturtempels waren damit vorbei. Für Oberdorfer selbst sollten schon bald die dunkelsten Stunden anbrechen.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er Opfer der Judenhetze. Dass dem mittlerweile längst auch zum Autofreund gewordenen Fahrzeugliebhaber untersagt wurde, sich hinters Steuer zu setzen, war nur der Beginn der Schikanen.

Von den Nazis ermordet


Die Flucht gelang Oberdorfer und seiner Frau Hedwig nicht mehr. Der unglückselige Passagierdampfer St. Louis, auf dem sich die beiden einschifften, brachte das Paar zurück nach Europa. In den Niederlanden wurde Simon Oberdorfer schließlich von den Nazis festgenommen und kurz darauf ermordet.

Das Velodrom selbst kam in der Nachkriegszeit zum zwielichtigen Kino und schließlich zur Lagerhalle des Regensburger Theaters herunter. Dass das Haus letztendlich wieder aus der Asche erstieg, ist auch der schillernden Figur Simon Oberdorfers zu verdanken. Als das Gebäude in den 1980er Jahren abgerissen werden sollte, erinnerte man sich nämlich seines Errichters.

Einmalige Architektur


Von da an fügte sich eines zum anderen. Ein Buch rief Simon Oberdorfer ins allgemeine Gedächtnis zurück. Ein beherzter Stadtrat begab sich auf nächtliche Spurensuche im Velodrom. Das Amt für Denkmalpflege stufte die einmalige Architektur des Gebäudes als schützenswert ein. Das Theater Regensburg war auf der Suche nach einer Ausweichstätte für die damals renovierte Bühne am Bismarckplatz.

Heute ist das Velodrom die größte Spielstätte des Theaters Regensburg. Das Haus ist somit in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Auch wenn Nashörner und Kängurus dort mittlerweile eher die Ausnahme sind.

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Die "Ausstellung zur Rettung des Velodroms" ist bis zum 15. Juli im oberen Foyer des Gebäudes zu sehen. Geöffnet ist jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn im Velodrom.
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