Blick hinter die Kulissen der Regensburger Forensik
Therapie für schwere Jungs

Die Forensik in Regensburg: Hier werden Straftäter behandelt, die von Gerichten nicht ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie geschickt werden. Schwer bewacht werden die 200 Patienten trotzdem – zumindest anfangs.
Vermischtes
Regensburg
27.04.2016
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Sicherheitsbeauftragter Georg Jung vor einem der Forensik-Häuser mitten auf dem Gelände des Bezirksklinikums in der Universitätsstraße. Bilder: ca (4)
 
Ärztlicher Direktor Dr. Wolfgang Mache und seine Stellvertreterin Dr. Kirsten Lange, zugleich Leiterin der forensischen Ambulanz.

Die Forensik schafft es immer dann in die Schlagzeilen, wenn etwas schief läuft. April 2015. Zwei Sexualstraftäter nutzen den begleiteten Freigang in die Regensburger "Arcaden" zur Flucht. Einen Monat später fängt die Polizei sie wieder ein. Einer hatte bei seiner Mutter in Roding jeden Tag Schweinebraten mit Knödel gegessen.

Kliniksprecherin Lissy Höller legte tagelang den Hörer nicht mehr aus der Hand, um Anrufer zu beruhigen. "Unsere Patienten haben im Jahr 100 000 Lockerungserprobungen", relativiert Dr. Wolfgang Mache, Ärztlicher Direktor. "Pro Jahr kehren 10 bis 15 nicht pünktlich zurück." Und von diesen komme die Hälfte freiwillig wieder.

In der Forensik des Bezirksklinikums Regensburg sitzen alle Oberpfälzer Straftäter, die Taten unter dem Eindruck einer psychischen oder einer Suchterkrankung begangen haben. 200 stationär, 300 ambulant. Pädophile und Totschläger, Junkies, die Autos knackten und Handtaschen raubten. Betreut werden sie von über 200 speziell qualifizierten Mitarbeitern. Mache ist nach 30 Berufsjahren überzeugt: "Es lohnt sich, sich therapeutisch anzustrengen. Ein Teil kann entschärft werden."

Sein Trumpf ist die Rückfallquote. "Die ist gut, und das können wir belegen." Sie liegt bei Suchtkranken unter 30 Prozent; von den psychisch Kranken werden 10 Prozent wieder straffällig. "Das ist erheblich niedriger als bei Justizvollzugsanstalten." Haftentlassene stolpern oft schon im ersten Halbjahr. Keine Wohnung, kein Job, keine Freunde. Anders bei den Straftätern aus der Psychiatrie. "Wir entlassen niemanden ins Nichts", sagt Dr. Kirsten Lange, stellvertretende Leiterin. "Früher war der Maßregelvollzug wie ein Gefängnis. Heute geht der Schwerpunkt klar in Richtung ambulante Nachsorge." In Freiheit leben die Ex-Patienten oft in therapeutischen Wohngruppen. Es gibt Hausbesuche, Blutkontrollen, Tests des Medikamentenspiegels.

Neueste Sicherheitstechnik


40 Millionen Euro investiert der Freistaat aktuell in eine neue, bayernweit einmalige Jugendforensik (24 Betten) und eine neunte Station für die Erwachsenenforensik. Die 6-Bett-Zimmer im alten Kartäuser-Kloster gehören dann endgültig der Vergangenheit an. Die zentrale Pforte ist schon in Betrieb. "Früher haben wir bei JVAs abgekupfert, inzwischen kupfern die bei uns ab", sagt Sicherheitsbeauftragter Jung. Ein Management-Alarmsystem, intelligente Zäune, 160 Kameras, Gitter vor jedem Fenster.

Auf riesigen Flatscreens beobachten zwei Mitarbeiter, wer Einlass begehrt. An der Fahrzeugschleuse fährt ein Polizeibus ein. "Neuzugang", murmelt der Mitarbeiter. Erst wenn das Garagentor zugerattert ist, lassen die Polizisten einen 25-Jährigen aussteigen. Handschellen, Fußfesseln. Höchste Kategorie. Die Erstaufnahme gilt als gefährlichste Situation, erklärt der Sicherheitschef. Der Patient ist unbekannt und untherapiert.

Ihn erwartet kein Hokuspokus. Sondern "ganz klassische psychiatrische Therapie", sagt Mache. "Einen Pädophilen ändern sie nicht mit einem Medikament, sie müssen ihm Selbstkontrolle beibringen." Jeder Patient hat einen Psychotherapeuten, besucht Einzel- und Gruppensitzungen. Wichtig ist Milieugestaltung. "Banal: Diese Leute können nicht leben." Sie könnten mit Glück nicht umgehen, mit Frust nicht, sie wissen nichts mit Freizeit anzufangen. In der Forensik wird der Alltag geprobt. In der Werkstatt schmieden Patienten Feuerkörbe. In der Sporthalle knallen tätowierte Zwei-Meter-Riesen Basketbälle auf den Hallenboden.

Einerseits Alcatraz - andererseits "Arcaden"? Dreh- und Angelpunkt der Therapie sind eben Lockerungen, so schlecht sie "draußen" auch ankommen. "Wir geben schrittweise die Freiheit zurück." Es gilt ein Vier-Stufen-Plan. Stufe 1: Die Täter werden gesichert wie im Gefängnis. Stufe 2: Verlegung auf eine weiterführende Station, Ausgang in Begleitung. Stufe 3: unbegleiteter Freigang. Stufe 4: die Entlassstation. "Da kommen manche nur noch zum Schlafen."

Entlassung durch Richter


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Täglich werden auf allen acht Stationen je 15 Pinkel-Kontrollen durchgeführt. Ein Rückfall bedeutet nicht gleich den Rausschmiss. "Der ist Symptom der Erkrankung." Ein Lockerungsmissbrauch dagegen - Ausbüxen beim Freigang - kann zu Abbruch und Haftantritt führen.

Das letzte Wort vor der Entlassung in die Freiheit sprechen Richter. Die Strafvollstreckungskammer Regensburg folgt in der Regel den Empfehlungen der Forensik. Nicht immer, räumt Mache ein. "Dabei überwiegen die Fälle, in denen wir einen nach wie vor für gefährlich halten, aber das Gericht will, dass wir ihn aus Gründen der Verhältnismäßigkeit entlassen." Folge der Mollath-Affäre? Das will niemand kommentieren.

Mache würde dennoch niemandem raten, den "63er" auf die leichte Schulter zu nehmen: "Der Paragraf ist unbefristet. Manche sitzen länger in der Forensik als in Haft." Dazu gehören auch die flüchtigen Sexualtäter von 2015: Bei einem der Männer lag die Tat 20 Jahre zurück.

RückfallquoteZwei Drittel der Straftäter in der Regensburger Forensik sind von Gerichten auf Basis von Paragraf 64 hierher geschickt worden: aufgrund einer Suchterkrankung als Ursache der Tat. Ihre Therapie dauert in der Regel zwischen anderthalb und zwei Jahren. Im ersten Jahr nach der Entlassung - dem entscheidenden - blieben laut Klinikleitung 40 Prozent abstinent, 30 Prozent bekamen nach einem Rückfall "die Kurve", 30 Prozent konsumierten wieder. Die Straffälligkeit lag noch unter 30 Prozent. Man arbeitet auch viel mit Substitution und verspricht sich davon viel, gerade im Hinblick auf Kriminalität.

Ein Drittel der Straftäter hat die Tat aufgrund einer psychischen Erkrankung (Schizophrenie, Psychose) begangen. Die Gerichtsentscheidung beruht damit auf § 63 des Strafgesetzbuchs. Diese Patienten verbringen im Durchschnitt fünf bis sechs Jahre in der Forensik. Ihre Rückfallquote liegt bei zehn Prozent. "Sehr viel geringer als bei Justizvollzugsanstalten." Für die Katamnesestudie sei nach 1, 3 und 5 Jahren gefragt worden, parallel wurde das Bundeszentralregister geprüft. Acht Patienten sind mehr als 7 Jahre in der Regensburger Forensik. Sie haben Tötungs- und schwere Sexualdelikte begangen.
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