Das Management der Leerstände

Vermischtes
Regensburg
24.10.2014
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Aufhalten lässt sich der Verfall in einigen Orten in der Peripherie wohl nicht, glaubt Professor Dr. Steffen Sebastian, Geschäftsführer des Irebs-Institut für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg, aber managen.

Der Provinz in Deutschland droht der Verfall. Immer mehr Menschen zieht es in die boomenden Wirtschaftsmetropolen wie Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München oder auch Regensburg. Die Bevölkerung der Stadt wird bis 2030 um acht Prozent wachsen. In der Folge wird Wohnraum knapp und teuer. Horrend teuer. In München kosten Mietwohnungen in der Größenordnung um die 100 Quadratmeter in 1A-Lagen gerne 3000 Euro - kalt.

Schrumpfung begleiten

In der Peripherie, fernab der wirtschaftlichen Zentren, zerbröckeln Fassaden, überaltert die Bevölkerung, schrumpfen die Städte. Nicht nur in Ostdeutschland. Der Leerstand frisst sich in viele Regionen der Republik.

Auch in Bayern. Laut Prognosen der Landesregierung werden Regionen in Oberfranken und der Oberpfalz in den kommenden 15 Jahren fast 20 Prozent ihrer Einwohner verlieren.

In Selb etwa kommen auf eine Geburt drei Sterbefälle. Der Landkreis Tirschenreuth wird bis 2030 15 Prozent seiner Einwohner verlieren. In Neustadt an der Waldnaab werden es zehn Prozent sein, in Cham sieben.

Aufhalten lässt sich dieser Prozess in vielen Regionen nicht, meint Professor Dr. Steffen Sebastian, Geschäftsführer des IREBS Institut für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg. "Es ist aussichtslos, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen." Vielmehr plädiert er dafür, die Schrumpfung "konkret mit Hilfe eines strukturierten Prozesses" zu begleiten. Im Klartext bedeutet das: Die Aufgabe von Teilen der Stadt. "Einige Städte und Gemeinden werden Viertel aufgeben müssen, um den Kern erhalten zu können", so der Immobilienwirtschaftler. Die frei werdenden Mittel müssten dann in den Erhalt und Ausbau der Infrastruktur in den Kernen gesteckt werden. In Infrastruktur nicht für alle gesellschaftlichen Schichten. Sebastian rät zur Spezialisierung.

Ausbau Kinderbetreuung

Einige Städte in Ostdeutschland hätten dies bereits erfolgreich umgesetzt. Etwa Weimar. Hier ist eine Art Rentnerparadies entstanden. Die Goethe-Stadt setzt auf ihr kulturelles Gewicht. Hiervon bringt sie derart viel auf die Waage, dass sie das höchste Bevölkerungswachstum aller thüringischen Kommunen verzeichnen konnte. Neben einer ausgeglichenen Geburtenrate liegt das vor allem am Zuzug von Personen über 60 Jahren. Im Jahr 2000 lebten etwa 62 000 Menschen in Weimar, heute sind es 66 000.

Andere Möglichkeiten der Spezialisierung sieht Sebastian beispielsweise im gezielten Ausbau der Kinderbetreuung. Die finanziellen Spielräume entstehen, weil Investitionen in anderen Bereichen zurückgeschraubt werden. Skateparks oder Basketball-Courts sind für Rentner nur bedingt interessant. Freilich gilt es auch hier mit Maß zu planen, denn es droht Vergreisung. Vor allem junge Menschen, Studenten, Fachkräfte folgen dem Ruf der Boomtowns.

In der Verwaltung des Mangels sollten die Städte und Gemeinden in der Provinz ihr Heil nicht suchen. Mit dem Leerstand umgehen müssen sie dennoch. Der Rückbau ist ein Mittel, um zu verhindern, dass Geisterviertel entstehen und die Stadt weiter an Attraktivität verliert. "Abrissprämien sind eine Möglichkeit, die verbliebenen Bewohner dazu zu bewegen, in die Stadtkerne zu ziehen und diese damit zu beleben." So könnten Städte und Gemeinden dafür sorgen, dass die Lebensqualität nicht flächendeckend falle.

Unterstützung beim Versuch, die Folgen des Drängens in die Großstädte etwas abzufedern, bekommen die Provinz-Bürgermeister aus München, der am stärksten wachsenden Metropole Deutschlands. Finanz- und Heimatminister Markus Söder fährt eine Art Entwicklungshilfekonzept für den strukturschwachen Norden Bayerns. Erstens soll der kommunale Finanzausgleich weiterentwickelt und so die kleineren Gemeinden gestärkt werden.

Zweitens ist es vereinbartes Ziel, die Wissenschaftspolitik weiter zu dezentralisieren. Und drittens ist die Verlagerung von Behörden beschlossene Sache. Geplant sind ein bis zwei Behördenzentren in Ober-, Mittel- und Unterfranken, der Oberpfalz und seit neuestem auch Niederbayern. In Zusammenarbeit mit den Ministerien überlege man, welche Behördenteile verlegt werden können, so Söder. Einzelne Abteilungen oder Einheiten mit Querschnittsaufgaben. Gerne auch mit Publikumsverkehr.

Suche nach Standorten

Jedes Zentrum soll am Ende eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern haben. "Das hat dann schon einen ordentlichen Effekt für die jeweiligen Städte." In zehn Jahren soll die Verlagerung abgeschlossen sein. Im Januar 2015 will der Finanzminister konkrete Vorschläge machen: Bis dahin sucht auch sein Haus nach geeigneten Standorten, die beispielsweise unlängst bei der Dezentralisierung der Hochschulen leer ausgingen.
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