Die Nuslans behüten die ganze Welt

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Regensburg
28.11.2014
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Noch 1930 beherbergte Regensburg ganze 38 Herrenhutmacher. Heute beliefert der eine Hutmacher am Dom die ganze Welt. Die Gebrüder Nuslan behüten Filmstars genauso gern wie Clochards.

"Wir schwimmen dem Strom entgegen", sagt Robert Nuslan. Der Kaufmann und Handelsfachwirt mit dem eleganten Trachtenhut auf dem Kopf ist ständig in Bewegung. Es geht zu wie im Taubenschlag bei einem internationalen Wettbewerb. Die Donauschiffe spucken regelmäßig Amerikaner, Kanadier und Japaner, potenzielle Hutträger aller Kontinente aus. Nicht wenige von ihnen schauen am Krautermarkt 1 vorbei. "Seit Regensburg Welterbe ist, sind wir und andere traditionelle Handwerker wie Bürsten Ernst oder die Confeserie Prinzess noch gefragter." Trotz Artikeln in allen bundesdeutschen Medien, Filme im Bayerischen Rundfunk, es gibt immer noch Oberpfälzer, die Nuslans Manufaktur nicht kennen. Und das, obwohl die Behütungsmeister Johnny Depps Wunderzylinder für den verrückten Hutmacher in "Alice im Wunderland" herstellten. Die Prominentengalerie mit zahlreichen Ministerpräsidenten, Künstlern, Musikern und natürlich der Fürstin zieht sich den ganzen Treppenaufgang hinauf. "Jan Josef Liefers hat damit eine Mode begründet", schmunzelt Nuslan über die hochgezogene Krempe. "Man hat ihm gesagt, man sieht ja dein Gesicht auf der Bühne gar nicht."

Natürlich freut sich der Hutboss über seine berühmte Klientel. Sympathischer aber macht ihn eine andere Attitüde: "Wenn ein Penner zu mir kommt, finde ich für den auch etwas für zehn Euro - bei mir sind alle Kunden gleich wichtig." Erst recht natürlich der noch zu behütende Nachwuchs: "Die Jungen kommen über die Kappe zum Hut", ist sich der Meister für die Baseball-Mütze nicht zu schade. "Wir haben schon ganze Pfadfinder- und Wallfahrtsgruppen ausgestattet."

Pfaufedern der Modistin

Den Verkäufer erkennt man im Laden natürlich am Hut: "Wir haben alle einen auf, das gefällt unseren Kunden", sagt der Chef. Interview hin oder her, die Kundschaft geht vor. "Kann ich Ihnen helfen", fragt der 58-Jährige eine Dame, die vor lauter Hüte die Orientierung verloren hat. Nuslan genießt das Privileg, die Frau zu seiner Tochter Bettina schicken zu können, die kreative Modistin des Hauses, die im Obergeschoss mit Bändern, Kordeln, Leder oder Metallreifen sowie einer Legion an Federn aller bekannten Vogelarten von Adler bis Pfau, neue Schöpfungen kreiert. "Und mein Bruder Andreas, 48, ist Hutmacher und Modist, der einzige mit beiden Meistertiteln auf der ganzen Welt", sagt Nuslan stolz.

"Unsere Lehrlinge müssen in die Meisterschule nach München zusammen mit den Schneiderinnen", seufzt der Vater. "Die Gefahr besteht, dass man den Beruf eines Tages nicht mehr so lernen kann, wie man müsste." Am besten ist es ohnehin, man lernt beim Hutkönig am Dom, wie die eingetragene Marke seit 1950 heißt. "Das Geschäft selbst gibt es seit 1875 in fünfter Generation." Bruder Andreas Nuslan, der in Werfen im Salzburgerland lernte, übernahm das handwerkliche Erbe der Väter und Großväter. "Andreas lernte in Österreich, weil es in Deutschland keine drei Hutmachermeister mehr gab, die die Meisterprüfung abnehmen hätten können."

Akubra, Borsalino, Chapeau Claque, Dreispitz, Fedora, Homburg, Kreissäge, Melone, Panama, Sombrero, Stetson, Stößer oder Zylinder - "wir können, sofern wir die Form haben, jeden Hut machen." Und in puncto Formen spielen die Nuslans in der Championsleague. "Wir haben einem Leipziger Holzformmacher alles abgekauft - auch die alten Maschinen, und könnten deshalb auch selber Formen machen." Im Jahr produziert der Familienbetrieb etwa 5000 gute Hüte mit insgesamt 20 Mitarbeitern. "Wir haben ein großes Angebot an Hüten fertig da", sagt Nuslan. "Es gibt aber auch Kunden, die Maßanfertigung wollen." Man möchte es kaum glauben, es gibt regionale Unterschiede bei Eierköpfen und Gschwollschädln: "Die Nürnberger haben kleinere Köpfe, im Schnitt ein bis zwei Nummern."

Sibirischer Wildhase

Der Aufwand für die handgefertigte Kopfbedeckung ist erheblich: Nur mit Hitze, Druck und Feuchtigkeit lässt sich das Rohmaterial - Haar vom sibirischen Wildhasen ist das beste - verarbeiten. Je intensiver, um so stabiler der fertige Hut. "Unsere Manufaktur fertigt nach althandwerklicher englischer Zurichte."

Was ist der Unterschied zwischen dem Industriehut aus China und dem Nuslan'schen Manufaktur-Modell? "Das Material, die 60 bis 80 Arbeitsschritte, in denen der Filz seine Stabilität bekommt und das Band wird auch noch handgenäht." Und was hat der Kunde davon? "Schau'n Sie", sagt er milde, "meinen Hut habe ich seit zehn Jahren Tag und Nacht auf - er schaut aus wie neu." Einem China-Hut, wohlgemerkt nicht der aus Stroh, ergeht es bei der Reinigung wie einem billigen Sakko - er gerät völlig außer Form.
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