Ex-Verlobter von Maria Baumer räumt Missbrauchsvorwürfe ein
Ein holpriger Start und verstörende Details

Der Angeklagte neben Verteidiger Michael Haizmann (links). Bild: gib
Vermischtes
Regensburg
21.11.2016
1172
0

Es war ein holpriger Prozessauftakt. Noch bevor die Anklageschrift verlesen wurde, musste eine Schöffin wegen möglicher Befangenheit ausgewechselt werden. Ein Rechtsgespräch im Hinterzimmer während einer weiteren Verhandlungspause schuf Fakten: Der Ex-Verlobte von Maria Baumer räumte die ihm vorgeworfenen Missbrauchstaten weitgehend ein – und könnte mit einer Bewährungsstrafe davonkommen.

Die Stimmung im größten Sitzungssaal des Landgerichts Regensburg war am Montagmorgen angespannt. Der 32-jährige Angeklagte ließ das Fotografieren der Journalisten stoisch über sich ergehen. Den Blick zu den Zuschauern vermied er. Dort saß auch die Familie von Maria Baumer, deren Knochen im September 2013 in einem Waldstück bei Bernhardswald (Kreis Regensburg) aufgefunden wurden. Bis heute gilt der frühere Verlobte Baumers als einziger Tatverdächtiger, die Ermittlungen dauern an.

Michael Haizmann, Anwalt des Angeklagten, achtete peinlich genau darauf, dass die Verhandlung nicht zu einem "Ersatzprozess" für den Fall Baumer wird. "Es passt mir nicht, dass hier vom Mordfall Baumer gesprochen wird, es ist ein Ermittlungsfall", monierte er bei der Vernehmung eines Polizeibeamten verärgert. Dass der Fall Baumer über dem Verfahren schwebt, ist jedoch kaum zu vermeiden. Alle Vorwürfe, die dem Angeklagten nun vor Gericht zur Last gelegt werden, sind im Zuge der Ermittlungen zu den Todesumständen von Maria Baumer zu Tage gekommen.

Domspatzen misshandelt


Zu den Vorwürfen gehört, dass der 32-jährige Krankenpfleger, ehemals selbst ein Domspatz, zwischen 2003 und 2011 zwei Schüler des Domspatzen-Gymnasiums sexuell missbraucht haben soll. Ein Polizeibeamter schilderte, wie die Ermittler auf diese Spur kamen. Bei einer Durchsuchung des Computers des Angeklagten seien sie neben kinderpornografischem Material, das aus dem Internet heruntergeladen wurde, auch auf Videos und Fotos gestoßen, die der Mann selbst gemacht hatte. Dort war ein Jugendlicher zu sehen, den die Beamten aus einer vorangegangenen Zeugenvernehmung zu kennen glaubten. Als sie den jungen Mann mit den Bildern konfrontierten, habe dieser eindeutig angegeben: "Das bin ich."

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, das Vertrauen des damals 13-jährigen Jungen, der sich im Internat der Domspatzen nicht wohl fühlte, ausgenutzt zu haben. Der Jugendliche habe die Domspatzen bald wieder verlassen, doch der Kontakt zum Angeklagten blieb über Jahre hinweg bestehen. Bei gemeinsamen Übernachtungen soll der Beschuldigte wiederholt die Hose des mutmaßlichen Opfers heruntergezogen haben und an dessen Glied manipuliert haben, während dieser schlief. Die Taten hielt er auf Videos und Fotos fest. Besonders verstörend: Auch in der Regensburger Wohnung, die der Angeklagte zusammen mit Baumer bewohnte, soll es zu einem solchen Vorfall gekommen sein.

Ein weiterer ehemaliger Domspatz gab gegenüber der Polizei an, dass der Angeklagte ihm bei einem Campingausflug die Hand in die Hose steckte. Als er wach wurde, habe der Beschuldigte die Hand zurückgezogen. Beim dritten mutmaßlichen Opfer - alle treten beim Prozess als Nebenkläger auf - handelt es sich um eine junge Frau, die der Angeklagte als Krankenpfleger am Bezirksklinikum kennengelernt hatte. Er traf sich auch privat mit der Patientin - der die Freundschaft aber bald zu eng wurde. Sie wollte sich der Staatsanwaltschaft zufolge nur noch in Begleitung weiterer Freunde mit dem Krankenpfleger treffen. Trotzdem schaffte es der Angeklagte im April 2014 unter einem Vorwand in die Wohnung der jungen Frau.

Nach einer Tasse Tee wurde sie sehr müde, an die Nacht, die der Angeklagte bei ihr verbrachte, kann sie sich kaum erinnern. Die Polizei, die den Angeklagten zu diesem Zeitpunkt bereits überwachte, stellte am Tag danach dessen DNA-Spuren am Slip-Zwickel der Frau sowie ein schlafförderndes Medikament in ihrem Blut fest. Das Medikament hatte der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft zuvor am Bezirksklinikum entwendet. Die DNA könnte laut Gutachterin allerdings auch über einen indirekten Kontakt an den Slip geraten sein.

Schöffin ausgetauscht


Ungewöhnlich am Rande: Eine Schöffin musste gleich zu Beginn der Verhandlung unter Vorsitzendem Richter Carl Pfeiffer ausgetauscht werden. Bei der zunächst einbestellten Schöffin handelte es sich um eine Mathematiklehrerin des Domspatzen-Gymnasiums, die sowohl den Angeklagten als auch mehrere Zeugen unterrichtet hatte. Unklar blieb, warum das Gericht zunächst an der Schöffin festgehalten hatte, obwohl sie bereits am 3. November selbst wegen möglicher Befangenheit um Entbindung gebeten hatte.

Auf Anregung der Verteidiger des Angeklagten, Michael Haizmann und Michael Euler, kam es über Mittag zu einem zweistündigen Rechtsgespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erklärtes Ziel der Verteidigung war es dabei, eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten zu erreichen. Dafür gestand der Krankenpfleger die ihm zur Last gelegten Vorwürfe weitgehend ein und stellte Schmerzensgeldzahlungen in Aussicht. Der Prozess wird am heutigen Dienstag um 13.30 Uhr fortgesetzt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.