Fortbildung für Ärzte
Wie umgehen mit Opfern häuslicher Gewalt?

Eine Frau kauert ängstlich vor den Schlägen eines Mannes am Boden. Vor allem Ärzte in Notaufnahmen werden mit Opfern häuslicher Gewalt oft konfrontiert. Worauf es dann ankommt, haben sie jetzt bei einer Fortbildung in Regensburg gelernt. Bilder: dpa (1), gib (1)
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Regensburg
16.09.2016
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"Etwa 25 Prozent der Menschen in Deutschland erleben mindestens einmal im Leben Gewalt durch ihren Partner." Zitat: Rita Haberger, Leitende Oberärztin der Psychosomatik und Psychotherapie an der Klinik Donaustauf

Eine Frau kommt übersät mit Hämatomen und Blutergüssen in die Notaufnahme - zittrig, ängstlich, den Tränen nahe. Sie sagt, sie sei gestürzt. Doch die Ärzte vermuten etwas anderes.

Das Verletzungsmuster und der psychische Zustand der Patientin lassen auf häusliche Gewalt schließen. Mit solchen Fällen sind Ärzte und Pflegekräfte in der Notfallmedizin tagtäglich konfrontiert.

Wie soll das medizinische Personal beim Verdacht vorgehen, dass eine Patientin Opfer häuslicher Gewalt wurde? Dieser Frage gingen am Mittwochabend die Arbeitsgemeinschaft Notärzte an der Uniklinik, die Gleichstellungsstellen von Stadt und Landkreis Regensburg sowie der Regensburger Runde Tisch gegen Häusliche Gewalt bei einer Ärzte-Fortbildung an der Uniklinik Regensburg nach.

"Etwa 25 Prozent der Menschen in Deutschland erleben mindestens einmal im Leben Gewalt durch ihren Partner", erklärte Rita Haberger, Leitende Oberärztin der Psychosomatik und Psychotherapie an der Klinik Donaustauf. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle sind Frauen die Opfer und Männer die Täter. Das höchste Risiko, in eine gewaltsame Beziehung zu geraten, hätten Menschen, die eine kindliche Gewalterfahrung gemacht haben.

Erlebnisse in der Jugend


Der Schlüssel liegt wie so oft hier: Wenn ein Junge in frühen Jahren Gewalt erlebt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er später selbst prügelt. Wird ein Mädchen geschlagen, landet sie als Erwachsene eher in einer gewaltsamen Beziehung - als Opfer. "Sie akzeptieren Gewalt eher als Teil ihres Lebens", sagte Haberger. Besonders schwierig sei es für Ärzte und Begleiter, wenn sich die Opfer nicht von ihrem Peiniger lösen können. "Eine erhebliche Zahl der Frauen bleibt in der Beziehung."

Wenn ein Opfer nach einer Prügelattacke in der Notaufnahme auftaucht, müssten die Ärzte zunächst für eine sichere Umgebung der Patientin sorgen - und gegebenenfalls mit Hilfe der Polizei ein Kontaktverbot für den Partner verhängen.

Im nächsten Schritt sei für das Opfer das am wichtigsten, was in der Notaufnahme oft am wenigsten vorhanden ist: Zeit. Nur im persönlichen Gespräch könne eine Vertrauensbasis entstehen, so dass sich das Opfer öffnet. Dann gehe es darum, einen Kontakt zu Schutz- und Beratungsstellen herzustellen, etwa einen Platz in einem Frauenhaus zu organisieren. Besonderes Augenmerk müsse auf die Familiensituation gelegt werden: Was passiert mit den Kindern, die vielleicht noch zusammen mit dem gewalttätigen Vater zu Hause sind?

"Die Täter sind meist unauffällig, man sieht es ihnen nicht an", berichtete Haberger. Falls sie im Krankenhaus auftauchen, seien sie im Umgang mit dem Personal oft sogar überaus freundlich. Stutzig machen sollte ein überbordendes Kümmern um die Frau - ein Ehemann, der keinen unbegleiteten Kontakt mit seiner Frau zulässt.

Rote Flaggen beachten


Elisabeth Mützel, Rechtsmedizinerin der Ludwig-Maximilian-Universität München, sensibilisierte die Ärzte für die sogenannten "Red Flags", Warnzeichen, die auf häusliche Gewalt hinweisen. Dazu gehörten Verletzungen, die nicht mit der Erklärung, wie sie entstanden sind, übereinstimmen. Oder auch chronische Beschwerden, die keine offensichtliche physische Ursache haben. Sehr ans Herz legte Mützel den Ärzten, bei möglichen Gewaltopfern einen entsprechenden Dokumentationsbogen sorgsam auszufüllen und mit gut belichteten Fotos von den Wunden zu ergänzen. Gerichtsverhandlungen zu solchen Fällen würden oft erst ein Jahr später stattfinden. "Dafür ist dieser Bogen extrem wichtig."

Etwa 25 Prozent der Menschen in Deutschland erleben mindestens einmal im Leben Gewalt durch ihren Partner.Rita Haberger, Leitende Oberärztin der Psychosomatik und Psychotherapie an der Klinik Donaustauf
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