Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
„Papa trinkt, weil ich böse bin“

Wenn die Eltern streiten, sind die Kinder - wie in dieser gestellten Szene - immer die Verlierer. Archivbild: dpa
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Regensburg
14.05.2016
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Wenn uns ein Achtjähriger vorgestellt wird, können wir vieles nicht mehr ändern, nur noch abmildern.

Wenn Kinder in einem belasteten Elternhaus aufwachsen, wird der Weg ins Erwachsenwerden schwierig: Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg, und sein Blick auf den Tag der Familie.

Er ist nicht so bekannt wie Vater- und Muttertag: Am Sonntag wird der internationale Tag der Familie gefeiert. Anlass genug, um den Blick dorthin zu richten, wo Familienstrukturen bröckeln und Eltern psychische Störungen an ihre Kinder weitergeben.

"Was den Menschen psychisch ausmacht, ist das Bindungsverhalten", sagt Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg mit den Außenstandorten Amberg, Cham und Weiden, im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Bindung werde in den ersten Monaten und Jahren aufgebaut - diese Zeit sei deshalb existenziell wichtig für das Kind.

Wer feinfühlige und fürsorgliche Eltern hat, komme später besser und leichter durch das Leben. Andersherum gelte: "Wer unsicher gebunden ist, hat in jedem Lebensabschnitt ein größeren Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln." Ein Baby einer schwer depressiven, allein erziehenden Mutter, das drei Tage in der gleichen Windel liegt, stundenlang im Bettchen weint, ohne getröstet zu werden, habe geringe Chancen, unbeschadet ins Leben zu starten. "All das bildet sich in dem Kind ab", sagt Rexroth.

"Auch starke Kinder leiden darunter so, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit psychische Auffälligkeiten auftreten." Bei älteren Kindern komme hinzu, dass sie nicht selten die Probleme ihrer Eltern auf sich beziehen. "Papa trinkt, weil ich böse bin", sei ein typischer Gedanke eines Kindes, das einen alkoholkranken Vater hat. Scheidung, Streit, psychische Störungen oder Suchterkrankungen der Eltern, Armut oder auch Bildungsdefizite in der Familie: Diese Faktoren erhöhen das Risiko des Kindes, eine psychische Störung zu entwickeln. Die Geschlechter reagieren unterschiedlich auf familiäre Belastungen, sagt Rexroth. Die Mädchen richten den Schmerz gegen sich selbst, werden depressiv. Die Jungen fallen mit negativem Sozialverhalten auf, stören in Gruppen - und werden eher wahrgenommen. "Die Mädchen kommen daher oft erst später ins Hilfssystem", bedauert Rexroth.

Störungen weitergegeben


Besonders fatal: Erwachsene geben Muster und Störungen an ihre Kinder weiter. Die Depression etwa sei in der Familie fast so etwas wie eine Infektionskrankheit, formuliert es Rexroth überspitzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind einer depressiven Mutter selbst erkrankt, sei hoch. Um den ewigen Kreislauf zu stoppen, setzt der Psychiater vor allem auf interdisziplinäre Vernetzung.

Wenn er bei einem Kind eine psychische Störung diagnostiziert, holt er einen Psychiater für Erwachsene hinzu, der die Eltern zu einem Gespräch einlädt. Das System funktioniere auch umgekehrt. Besonders wichtig sei auch die Vernetzung mit Gynäkologen, Hebammen oder Erziehungsberatungsstellen, betont Rexroth - damit eine betroffene Familie so früh wie möglich Hilfsangebote erhält. Denn: Am Anfang des Lebens könne man mit wenigen Stunden an Intervention viel in die richtige Bahn lenken. "Wenn uns ein Achtjähriger vorgestellt wird, können wir vieles nicht mehr ändern, nur noch abmildern."

Keine Drohkulisse


Die Angebote werden von den betroffenen Familien in der Regel auch angenommen, berichtet der Ärztliche Direktor. Wenn nicht, müssen die Fachkräfte bei Gefährdung des Kindeswohls das Jugendamt einschalten. Das Einschreiten des Jugendamts soll aber nicht als Drohkulisse empfunden werden, wünscht sich Rexroth. Es gehe dabei keineswegs zwangsläufig darum, das Kind aus dem Elternhaus zu nehmen, sondern vielmehr darum, gemeinsam Hilfsangebote und Lösungen zu finden - zum Wohle des Kindes und der ganzen Familie.
Wenn uns ein Achtjähriger vorgestellt wird, können wir vieles nicht mehr ändern, nur noch abmildern.Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg
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