Glaubenswechsel vom Islam zum Christentum:
Angst beherrscht den Übertritt

Aufgrund der Furcht unter den Beteiligten muss unsere Zeitung auf ein Symbolbild aus dem Archiv der Deutschen Presseagentur zurückgreifen. Zu 75 sogenannten Erwachsenen-Taufen kam es im vergangenen Jahr im Bistum Regensburg: Nach NT/AZ-Informationen gehörte die große Mehrheit der Konvertiten zuvor dem Islam an. Exakte Zahlen gibt es nicht, da die katholische Kirche die "religiös-weltanschauliche Herkunft" - offiziell - nicht erfasst. Bild: dpa
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Regensburg
16.09.2016
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"Wir sagen immer deutlich, dass ein Übertritt keinen Vorteil beim Asylverfahren bringt, und fragen die Leute, ob sie zu ihrem christlichen Glauben auch bei einer Rückkehr in die islamischen Herkunftsländer stehen." Zitat: Clemens Neck, Leiter der Presse- und Medienabteilung im Bistum Regensburg

Der Glaube ist die persönlichste Angelegenheit des Menschen. Während der Übertritt vom Christentum zum Islam einfach verläuft, gestaltet sich der Wechsel vom Islam zum Christentum aufwendiger und komplizierter. Und die Betroffenen befürchten nicht nur Gefahr für sich selber, sondern oft auch für ihre Angehörigen.

Regensburg/Weiden. Vor diesem Hintergrund stießen die Recherchen unserer Zeitung über die zahlreichen islamischen Konvertiten in der Oberpfalz auf eine Mauer der Angst und Sorge: Weniger um die eigene Person und Familie in Deutschland, als um die zurückgebliebenen Angehörigen und Freunde in den Fluchtländern. Die Konvertiten unter den Flüchtlingen suchen deshalb den Schutzmantel der Anonymität.

Nach Auskunft der Bezirksregierung sind 85 Prozent der Flüchtlinge in der Oberpfalz Muslime, 5 Prozent Christen und 10 Prozent "Sonstige": von insgesamt 10453 Personen. Bei der Registrierung der Asylbewerber wird auch die Religionszugehörigkeit erfasst, "um von Anfang an eine soweit wie möglich störungsfreie Unterbringung zu gewährleisten", versichert Markus Roth, Pressesprecher der Bezirksregierung. Auf Nachfrage unserer Zeitung bekräftigt der Pressesprecher: "Probleme aufgrund verschiedener Weltanschauung zwischen Christen und Muslimen oder sonstigen Gruppen sind uns nicht bekannt." Konfliktpotenzial scheint jedoch gegenwärtig zu sein.

Denn gleichzeitig beteuert die Regierung, dass bei der Belegung einer Gemeinschaftsunterkunft "sämtliche Faktoren der Bewohner berücksichtigt werden, wie Herkunftsland, Ethnie, Familienzusammensetzung oder auch Religionszugehörigkeit: Da es schließlich auch in unserem Interesse ist, dass es so wenig Probleme und Störungen wie möglich beim täglichen Betrieb einer Gemeinschaftsunterkunft gibt."

75 Erwachsenen-Taufen


Dass eine unterschwellige Furcht der christlichen Minderheit selbst in den "offiziellen" Flüchtlings-Einrichtungen erkennbar ist, zeigt eine Begebenheit beim Besuch von Bischof Rudolf Voderholzer in der Regensburger Erstaufnahme. Der Bischof trug ein großes Kreuz auf seiner Brust. "Einige Bewohner gaben mit Blicken auf dieses Kreuz - aber nur mit ihren Blicken - zu verstehen, dass sie Christen sind", schildert ein Augenzeuge unserer Zeitung die Szene. Generell sind aber selbst der Bischöflichen Pressestelle "keine Probleme von Christen in den Flüchtlingsunterkünften bekannt".

75 Menschen "aller Altersschichten" traten 2015 im Bistum Regensburg zum Katholizismus über, darunter zahlreiche Muslime. Aufgrund der zahlreichen Anfragen aus den Pfarreien erwartet Clemens Neck, Leiter der Presse- und Medienabteilung im Bistum Regensburg, für dieses Jahr eine erhebliche Steigerung. Gerade (junge) muslimische Frauen suchten mehr persönliche Freiheit im Christentum. Neck: "Auch eine starke Marien-Verehrung spielt dabei eine Rolle". Neck spricht auf Nachfrage von einem "Bündel von Beweggründen, zu denen auch der Opportunismus zählen mag".

Aus Opportunismus?


Nach NT/AZ-Informationen erhoffen sich nicht wenige Flüchtlinge eine Beschleunigung des Asylverfahrens, wenn sie zum Christentum wechseln. "Das ist ein Riesenproblem in den Anerkennungsstellen", meint dazu eine Bundestagsabgeordnete. "Wir sagen immer deutlich, dass ein Übertritt keinen Vorteil beim Asylverfahren bringt und fragen die Leute, ob sie zu ihrem christlichen Glauben auch bei einer Rückkehr in die islamischen Herkunftsländer stehen", erklärt dazu Neck.

Bei den islamischen Konvertiten stellt Neck "eine tiefsitzende, ungeheure Angst" fest, sich offen zu diesem Schritt zu bekennen: "Denn wer den Islam verlässt, der wird mit schweren Strafen bedroht, in einigen islamischen Rechtstraditionen sogar mit dem Tod" (Apostasie). Viele hätten bereits in ihren Heimatländern mit dem Gedanken an einen Glaubenswechsel gespielt, aber dort um Leib und Leben gefürchtet. Neck weist auf die schwierige Situation der Betroffenen hin, denn ein Glaubenswechsel führe in der Regel auch zu einem tiefgehenden Bruch mit der Familie, "die ja einen hohen Stellenwert besitzt".

Glaubenskurse vorgegeben


Vor der katholischen Erwachsenen-Taufe stehen noch mehrere vom bischöflichen Ordinariat "vorgeschlagene" Glaubenskurse, meist am Wochenende und in größeren Gruppen. Das Aufnahme-Prozedere kann sich über mehrere Monate hinziehen.

Clemens Neck erzählt, dass viele katholische Geistliche in der Diözese Regensburg Flüchtlingsfamilien in den Pfarrhöfen aufgenommen hätten. Selbst Generalvikar Fuchs betreue eine syrische Familie und lerne mit ihr Deutsch. "Wir treten diesen Menschen mit offenem Herzen gegenüber, aber die Regeln und Gesetze des Staats müssen eingehalten werden", mahnt der bischöfliche Pressesprecher.

Wir sagen immer deutlich, dass ein Übertritt keinen Vorteil beim Asylverfahren bringt, und fragen die Leute, ob sie zu ihrem christlichen Glauben auch bei einer Rückkehr in die islamischen Herkunftsländer stehen.Clemens Neck, Leiter der Presse- und Medienabteilung im Bistum Regensburg


Probleme aufgrund verschiedener Weltanschauung zwischen Christen und Muslimen oder sonstigen Gruppen sind uns nicht bekannt.Markus Roth, Sprecher der Regierung der Oberpfalz


Jeder fünfte Bayer mit MigrationshintergrundIn Bayern hat mehr als jeder fünfte Einwohner (21 Prozent) ausländische Wurzeln. Dies geht aus Daten des Statistischen Landesamtes hervor, die am Freitag veröffentlicht wurden. Mehr als die Hälfte der Migranten besitzt demnach die deutsche Staatsangehörigkeit.

Im Jahr 2015 hatten im Freistaat nach Angaben des Landesamts rund 2,72 Millionen der 12,74 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund. Davon waren etwa 70 Prozent selber aus dem Ausland nach Deutschland gezogen. Das von den Zugewanderten und ihren Nachkommen am häufigsten genannte Herkunftsland war die Türkei (336 000), gefolgt von Rumänien (248 000) und Polen (202 000). Als Menschen mit Migrationshintergrund gelten Menschen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, im Ausland geboren wurden und seit 1950 zugewandert sind, oder die einen Elternteil mit ausländischer Staatsangehörigkeit haben beziehungsweise bei denen ein Elternteil aus dem Ausland zugewandert ist.

Unter den bayerischen Regierungsbezirken weisen Oberbayern mit 26 Prozent und Mittelfranken mit 24 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Menschen mit ausländischen Wurzeln auf. Demgegenüber lagen die Werte in der Oberpfalz und Oberfranken mit 14 bzw. 13 Prozent am niedrigsten. (dpa/we)
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C. Schmitz aus Regensburg | 18.09.2016 | 14:27  
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