Gleich was Gscheites

Vermischtes
Regensburg
27.11.2015
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Ein besonderer Ort mit besonderen Geschichten, diese Bürstenmanufaktur. Und mittendrin: Waltraud Ernst. Gleich hinter dem Verkaufsraum hat die Bürstenmacherin ihre Werkstatt, seit 50 Jahren fertigt sie Unikate. Ihr Anspruch ist alles andere als bescheiden: "Unsere Bürsten müssen eine halbe Ewigkeit halten." Schaut ganz so aus, als würde ihr das gelingen.

Für die Bürstenmacherin ist es Routine, für jemanden, der zum ersten Mal durch den Laden geführt wird, eröffnet sich eine neue Welt. Die Hand streichelt über Bürsten aller Art: Rasierpinsel, Besen - vom kleinen, handlichen bis zum robusten Straßenfeger, Massagebürsten, Kleiderbürsten, Kämme, Schuhputzbürsten; die Borsten mal zart und weich, mal kräftig und hart. "Hier, diese Abstaubbürste, fühlen Sie das Ziegenhaar, durch die Reibung wird feinster Staub von Möbeln und Büchern magnetisch angezogen." Und dann, Waltraud Ernst schüttelt sanft die Handbürste, "wird der Staub ganz einfach nach außen ins Freie entsorgt."

Die Augen tun sich schwer, irgendwo innezuhalten, überall zieht die Bürstenmacherin herrlich gearbeitete Unikate hervor. Diese Massagebürste aus Schweinsborsten zum Beispiel. "Damit verfeinern Sie Ihr Hautbild, entfernen abgestorbene Hautschüppchen und straffen Ihre Haut." Wenige Schritte weiter stehen wir vor unendlich vielen Rasierpinseln, alle elegant mit edlem Holzgriff und farblichen Akzenten. Waltraud Ernst hat Recht: "Sie hätten es auch wieder einmal nötig." Ganz bestimmt: Mit solchen Rasierpinseln wird die Rasur zu einem Erlebnis.

Gefühl und Fingerfertigkeit

Nun wäre eine Bürstenmanufaktur in Zeiten von Massenproduktion und billigen Importen aus Fernost schon bemerkenswert genug, aber eine Frau als Bürstenmacherin? "Leider gibt es den Beruf in dieser Form heute nicht mehr, und früher war es ein typischer Männerberuf - mir macht es bis heute Spaß, Bürsten selbst herzustellen. Es verlangt Gefühl, Fingerfertigkeit und Können." In vierter Generation führen Waltraud Ernst und Tochter Caroline Jäger, deren Urgroßvater Peter Ernst die Bürstenmanufaktur 1894 gegründet hat, das traditionelle Familienunternehmen. Das alte Handwerk hat Waltraud Ernst von ihrem Mann gelernt. Als dieser starb, galt es, die Firma mit zahlreichen Angestellten alleine weiterzuführen. Keine leichte Zeit. "Sehr schwierig wurde es in den 70er Jahren, als es plötzlich Kunststoff in allen Farben gab und maschinell hergestellte Bürsten im Vergleich zu unseren Produkten billig zu kaufen gab."

Doch es ging immer weiter. Bis heute. Und dass die Faszination für handwerkliche Kunst in den vergangenen Jahren zugenommen hat, zeigt der Erfolg der Manufaktur. "Unsere Kunden kommen aus ganz Deutschland. Viele wissen es zu schätzen, dass nur hochwertige Produkte, wie Rosshaar, Ziegenhaar oder Schweinsborsten verarbeitet werden. Wir führen fast ausschließlich Naturbürsten."

Irgendwie braucht es nicht viel Fantasie, um sich diese Geschichten bildhaft vorzustellen: Menschen mit gepackten Koffern kommen kurz vor ihrer Abreise aus Regensburg in den Laden - für zu Hause will man unbedingt noch diese handgemachte Bürste mitnehmen. Oder dieses Ehepaar, das den Laden betritt und sagt: "Vor 40 Jahren haben wir geheiratet, der Besen von Ihnen, den wir damals geschenkt bekommen haben, der funktioniert heute noch."

Bewährtes Prinzip

Waltraud Ernst setzt sich auf den Stuhl in ihrer Werkstatt, ein kleines Bündel Haare zwischen den Fingern, filigran stopft sie nach und nach die Löcher des Bürstenkörpers. "Meist sind die Körper aus Buchenholz hergestellt, seltener kommen aber auch Kirschbaumholz, Rosenholz und Ebenholz zum Einsatz." Flink springen die Finger hin und her, mit einem Draht werden die Borsten auf der Rückseite für die halbe Ewigkeit festgezogen, an der Schneidemaschine gibt's den letzten Schliff für die einheitliche Haarlänge. "Hochwertige Bürsten kosten vielleicht etwas mehr, machen sich aber durch die lange Lebensdauer schnell bezahlt." Nachhaltigkeit und Ökologie spielen in der Bürstenmanufaktur Ernst eine große Rolle, so sind die Bürsten allesamt natürlichen Ursprungs und somit wichtiger Beitrag für den ökologischen Kreislauf. "Das haben wir traditionell schon immer so gehandhabt, und es gibt keinen Grund, dieses bewährte Prinzip zu verlassen - nur weil es mittlerweile Kunststoff gibt."

Schweif für Schaukelpferd

An der Schwelle zwischen Werkstatt und Laden steht ein altes Schaukelpferd und wartet auf seinen neuen Pferdeschweif. Etliche Jahrzehnte hat das Tier schon auf dem Buckel. So etwas wirft man nicht einfach so weg, sondern bringt es zu Menschen, die diesen Wert zu schätzen wissen. Jemand, wie Waldtraud Ernst. Die Bürstenmacherin hat dafür zwar eigentlich keine Zeit, aber: "Ich kann halt nicht nein sagen." Und irgendwie ist das auch gut so.
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