Hilfe für psychisch kranke Kinder wird ausgebaut
Hilfe für „Zappelphilipp“

Die psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen - wie das "Zappelphilipp-Syndrom" ADHS - nehmen immer weiter zu. Die Oberpfalz baut das Versorgungsnetz jetzt massiv aus. Archivbild: dpa
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Regensburg
09.06.2016
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Die Oberpfalz holt bei der Versorgung psychisch kranker Kinder auf: In den nächsten fünf Jahren wird das Angebot mehr als verdoppelt. Denn die seelischen Probleme der Jugendlichen sind gravierend.

Es ist eine erschreckend hohe Zahl: Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Bayern hat laut einer neuen Studie mit psychischen Schwierigkeiten und Entwicklungsstörungen zu kämpfen. In der Oberpfalz wird das Behandlungsangebot für Betroffene bis 2021 um 105 Prozent ausgebaut.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hat am Mittwoch in München den ersten Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen im Freistaat vorgestellt. Demzufolge lag im zweiten Halbjahr 2014 für etwa 470 000 Kinder und Jugendliche die Diagnose einer psychischen Störung vor - dazu zählen auch Entwicklungsstörungen. Das entspricht rund einem Viertel aller unter 18-Jährigen in Bayern.

ADHS und Depressionen


Bei den Klein- und Vorschulkindern sind dem Bericht zufolge, der sich auf Daten der Kassenärztlichen Vereinigung sowie von Krankenkassen stützt, Entwicklungsstörungen die häufigste Diagnose. Im Alter zwischen 7 und 14 Jahren gewinnen Verhaltensstörungen und emotionale Störungen an Bedeutung. Hier macht die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), das "Zappelphilipp-Syndrom", gut die Hälfte der Diagnosen aus. Bei Jugendlichen kommen auch Depressionen hinzu.

Der neue Bericht zeigt unter anderem, dass die Zahl der Behandlungen wegen psychischer Störungen in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. "Das liegt zum Teil sicher daran, dass die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für dieses Thema deutlich gestiegen ist und auch die Behandlungsangebote ausgeweitet werden konnten", sagte Huml. Sie begrüßt diese Entwicklung, weil sie dabei helfe, psychische Erkrankungen weiter zu entstigmatisieren.

Bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch in München vor Ort war Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg mit den Außenstandorten Amberg, Cham und Weiden. Aus der Erfahrung seiner Arbeit heraus kann er auch für die Oberpfalz bestätigen, dass etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen von psychischen Störungen betroffen sind, sagte er unserer Zeitung.

In den vergangenen Jahren habe es jährlich Zuwächse zwischen 15 und 20 Prozent gegeben. Am häufigsten kommen seiner Erfahrung nach psychosomatische und emotionale Störungen vor. Bei Babys seien es meist Regulationsstörungen, etwa bei Schreikindern, bei Schulkindern Schlafprobleme und Bauchschmerzen. Bei der Versorgungsstruktur für Betroffene hinkt die Oberpfalz derzeit noch weit hinterher, bedauert Rexroth. "Die Oberpfalz ist Schlusslicht in Bayern und Bayern ist Schlusslicht in Deutschland." Doch das soll sich ändern. In den nächsten fünf Jahren werde das Versorgungsangebot im Bezirk um 105 Prozent ausgebaut. "Dann werden wir unter den ersten Regierungsbezirken in Bayern sein."

Hemmschwelle senken


Rexroth begrüßt, dass die Staatsregierung mit einer Kampagne ein größeres Bewusstsein für psychische Erkrankungen bei Kindern schaffen will. Es sei wichtig, die Hemmschwelle zu senken, damit betroffene Familien Hilfsangebote annehmen - und das möglichst frühzeitig. Denn: "Die emotionale Entwicklung eines Menschen fußt auf gelungenen ersten drei Lebensjahren."

Ausbau des Angebots im BezirkAm Bezirksklinikum Regensburg wird derzeit die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie um 12 auf 40 Betten aufgestockt, erklärt Lissy Höller, Pressesprecherin der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (Medbo). Auch eine Tagesklinik für Jugendliche mit 8 Plätzen kommt neu hinzu. Die Fertigstellung ist bis Anfang 2018 geplant.

In Amberg entsteht neben dem Klinikum St. Marien ein Neubau, der künftig die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 12 Betten, die Institutsambulanz sowie die Tagesklinik für Erwachsenenpsychiatrie beherbergt. Am 17. Juni ist Spatenstich.

Die größte Neuerung gibt es in Weiden: Bis 2021 soll neben dem Klinikum eine neue Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 32 Betten entstehen. Die Tagesklinik mit Institutsambulanz wird um 6 auf 18 Plätze erweitert. (gib)

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