Kinderhilfe Afghanistan kämpft gegen Fluchtursachen
Bildung statt Abschreckung

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Regensburg
28.09.2016
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Reinhard Erös weiß nicht so recht, wie er die jungen Männer, die von Afghanistan nach Deutschland ausreisen, nennen soll. "Hoffnungslosigkeits-Flüchtlinge" treffe es wohl am ehesten, meint der Afghanistan-Kenner.

Krieg herrsche in dem Land am Hindukusch nicht mehr, auch verhungern würden die Menschen dort nicht. Sie sehen aber auch keine Chance, in ihrer Heimat eine Familie zu unterhalten. "Es sind nicht die Gebildeten, die zu uns kommen", erklärte Erös am Dienstag bei einer Fachtagung zum Thema Integration minderjähriger Flüchtlinge am Bezirksklinikum Regensburg.

Zwei Prozent der afghanischen Flüchtlinge hätten Abitur, 40 Prozent einen Grund- oder Hauptschulabschluss und 55 Prozent seien de facto Analphabeten. In Integrationskursen würden sie dann Deutsch lernen - ohne in ihrer Muttersprache lesen und schreiben zu können. Warum sie nach Deutschland kommen? "Weil ihre Familien das wollen", sagt Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan aus Mintraching (Kreis Regensburg). Ziel sei es, dass die jungen Männer in Deutschland eine Arbeit fänden und Geld nach Hause schickten. Heiraten möchte der afghanische Flüchtling keine deutsche, sondern eine einheimische Frau, sagt Erös. Entweder hoffe er, in Deutschland so viel Geld zu verdienen, dass er daheim eine Familie gründen oder seine Frau nachholen könne. Die jungen Flüchtlinge hätten sich nach Deutschland durchgeschlagen, wollen zupacken, arbeiten und Geld verdienen.

Sicherheit, Ordnung, finanzielle Stabilität: "Deutschland ist für sie das Paradies", sagt Erös. Doch hier angekommen, prallen zwei Kulturen aufeinander. Die Großfamilie, der Clan sei alles, was für die Afghanen zählt. Das Streben nach Individualismus sei ihnen fremd. Der klassische afghanische Islam sei - abseits von den Taliban - friedlich und tolerant Gästen gegenüber. Erös vergleicht ihn mit dem bayerischen Katholizismus.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière will die Zahl der afghanischen Flüchtlinge senken. Die bisherigen Abschreckungsversuche der Regierung mit Plakaten hätten laut Erös allerdings wenig geholfen. Zu deren Aufdruck "Du willst nach Deutschland flüchten. Hast du dir das gut überlegt?" hätte er zwei junge Afghanen gefragt. Diese hätten sich bedankt, dass Deutschland sie darauf aufmerksam mache, die Reise gut zu planen, erzählt Erös.

In den 30 Schulen, die die Kinderhilfe Afghanistan am Hindukusch gebaut hat, sei der Exodus der Jugend noch nicht zu spüren, sagt Erös im Gespräch mit unserer Zeitung. Das liege zum einen daran, dass es sich bei den 60 000 Schülern zum größten Teil um Mädchen handle. "Die gehen nicht weg". Auch hätte der gebildete Nachwuchs eine Chance, bei einer Behörde oder einer Hilfsorganisation in Afghanistan einen Job zu finden. Die Kinderhilfe bekämpfe Fluchtursachen, indem sie Schulen baut und Lehrer einstellt. "Wenn die Elite abzieht, wäre das eine Katastrophe für das Land", sagt Erös.

Wenn die Elite abzieht, wäre das eine Katastrophe für das Land.Reinhard Erös über die Wichtigkeit, Fluchtursachen zu bekämpfen
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