Kommentar zum Vermittlungsversuch bei den Domspatzen
Neues Internatskonzept muss Missbrauch ausschließen

Vermischtes
Regensburg
02.02.2016
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Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Domspatzen - und das Seelenheil der missbrauchten Kinder. Dass Bischof Rudolf Voderholzer jetzt erstmals beim Treffen eines Beratungskuratoriums mit Vertretern der Missbrauchsopfer ins Gespräch kommt, ist ein gutes Zeichen. Wenn Michael Sieber, engagierter Vertreter der Opfer, der skeptisch in den Dialog eintrat, Chancen für eine gemeinsame Aufarbeitung des Skandals sieht, ist viel gewonnen.

Den ersten Stein räumte Rechtsanwalt Ulrich Weber aus dem Weg: Dass er als Beauftragter des Bistums die Opferzahlen nicht kleinzureden versucht, offensiv von einem "System der Angst" spricht, "strukturelle Defizite" benennt - etwa wenn Männer, die sich an Schülern vergriffen hatten, nur innerhalb der Domspatzen-Abteilungen versetzt wurden - war eine vertrauensbildende Maßnahme.

Darauf und auf den Erfahrungen aus Kloster Ettal lässt sich aufbauen. Dessen Opfervereinsvorsitzender Robert Köhler lobt den Aufklärungskurs von Abt Barnabas Bögle. Zusammen mit Ex-Bundesverfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch hat er einen "Täter-Opfer-Ausgleich" dort ausgehandelt. 700 000 Euro wurden an 70 Betroffene ausbezahlt. Geld heilt keine Wunden - aber es zeigt, was den Verantwortlichen an den Opfern liegt.

Ettal und die Domspatzen sind beileibe nicht die einzigen Internate, in denen Gewalt und Missbrauch gedeihen konnten, weil Erzieher und Präfekten ihre Machtposition skrupellos nutzten. Für die Zukunft der Institution Internat ist deshalb dringend ein Reformkonzept erforderlich. Nie wieder sollten Eltern Gefahr laufen, ihre Kinder in einem hermetisch von der Öffentlichkeit abgeschlossenen Raum sektenähnlichen Abhängigkeitsstrukturen auszuliefern.

Wenn die Verantwortlichen so ein Modell für die Domspatzen entwickeln, wäre nicht nur Deutschlands ältester Knabenchor gerettet. Sie könnten Schaden von gegenwärtigen und künftigen Internatschülern abwenden.

juergen.herda@derneuetag.de
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