Missbrauchsfälle bei Domspatzen
Opfer bis Ende 2017 entschädigt

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer informierte über den Stand der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bei den Domspatzen. Voderholzer ist Mitglied eines Beraterkuratoriums, das sich damit auseinandersetzt, wie mit den Vorkommnissen umgegangen werden soll. Bild: dpa (Foto: dpa)
Vermischtes
Regensburg
12.10.2016
413
0
 
"Die Befriedung ist zum Greifen nahe, wenn nicht schon erreicht." Zitat: Betroffenen-Vertreter Alexander Probst

Neuer Wind: Bistumsvertreter und Opfer arbeiten gemeinsam Missbrauchsfälle bei den Domspatzen auf. Vom Bischof kommen emotionale Worte. Eine außergewöhnliche Pressekonferenz in Regensburg.

Schon die Besetzung im Medienraum war bemerkenswert: Zum ersten Mal trat Bischof Rudolf Voderholzer zusammen mit Missbrauchsopfern bei den Regensburger Domspatzen öffentlich auf. Geschädigte sollen bis Ende 2017 zwischen 5000 und 20 000 Euro als Anerkennungsleistung erhalten.

Insgesamt haben sich dem Bischof zufolge bis heute 422 ehemalige Mitglieder der Domspatzen mit Meldungen körperlicher und sexueller Gewalt an das Bistum gewandt. Seit der von der Diözese beauftragte Anwalt Ulrich Weber im Januar einen Zwischenbericht vorlegte, seien 129 Meldungen hinzugekommen. "Jeder Fall tut mir in der Seele weh", sagte Voderholzer am Mittwoch vor rund 50 Medienvertretern. Die Missbrauchsfälle gehörten zu den "bedrückendsten Erfahrungen und schwersten Lasten" in seinem Amt als Bischof.

Vier-Säulen-Konzept


Seit Februar ist Voderholzer Teil eines Aufarbeitungsgremiums, das sich aus drei Kirchenvertretern und drei Betroffenen zusammensetzt und sich monatlich trifft. In den vergangenen acht Monaten hat das Gremium ein Vier-Säulen-Konzept zur Aufarbeitung entwickelt. Zum einen wurde eine neue, unabhängige Anlaufstelle eingerichtet: Betroffene können sich ab sofort an das Münchener Informationszentrum für Männer (MIM) wenden und therapeutische Hilfeleistung erhalten. Voderholzer sagte, er hoffe, dass dort diejenigen, die in die Anlaufstelle des Bistums noch kein Vertrauen haben, Hilfe finden.

Derzeit konstituiert sich zudem ein Anerkennungsgremium, besetzt durch Rechtsanwalt Ulrich Weber, Professorin Barbara Seidenstücker (Soziale Arbeit, OTH Regensburg) und Professor Knud Hein (Sozialpädagogik, FH Darmstadt). Das Gremium macht sich ein Bild über die Schwere des vorliegenden Missbrauchs und entscheidet über die Höhe einer Anerkennungszahlung. Diese beträgt je nach Schwere des Falls 5000, 10 000, 15 000 oder 20 000 Euro. Regensburg orientiert sich dabei am Entschädigungskonzept für Opfer von Missbrauchsfällen im Kloster Ettal.

Die Anträge sollen bis Ende 2017 bearbeitet sein, kündigte Rainer Schinko, Internatsleiter der Regensburger Domspatzen und Mitglied im Aufarbeitungsgremium, an. Es handle sich nicht um Schmerzensgeld, sondern um eine monetäre Anerkennungsleistung, betonte er. "Das erlittene Leid kann mit Geld nicht aufgewogen werden." Die Täter der von 1945 bis Anfang der 90er Jahre begangenen Missbrauchsfälle können meist nicht mehr belangt werden: Bis auf einen Mann seien die Täter bereits gestorben, sagte Schinko.

Zwei Studien sollen zudem Licht ins Dunkel der Missbrauchsfälle bringen. Die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden wird mit der Erstellung einer sozialwissenschaftlichen Studie beauftragt. Sie soll dazu beitragen, die Prävention noch effektiver und nachhaltiger zu gestalten, sagte Bischof Voderholzer. Der Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte von Bernhard Löffler an der Uni Regensburg soll zudem eine historische Einordnung vornehmen. Letztere soll unter anderem die Rolle des früheren Domkapellmeisters Georg Ratzinger beleuchten. Zufrieden mit den Ergebnissen des Aufarbeitungsgremiums, dem sie beide angehören, zeigten sich die Betroffenen-Vertreter Peter Schmitt und Alexander Probst. "Wir haben jetzt den Grad erreicht, von dem wir jahrelang geträumt haben", sagte Probst. Er räumte ein, dass er der Arbeit im Beratungskuratorium sowie im Aufarbeitungsgremium zunächst mit gemischten Gefühlen gegenüberstand. Sechs Jahre lang habe er zuvor vergeblich darum gekämpft, als Missbrauchsopfer anerkannt zu werden. In dieser Zeit sei er als "Nestbeschmutzer" hingestellt worden.

Ein gutes Gefühl


Nach all den negativen Erfahrungen habe er in den neuen Gremien schnell ein gutes Gefühl gehabt. Er sei positiv überrascht gewesen, wie unvoreingenommen das Bistum auf ihn zugekommen ist. "Die Zusammenarbeit war von gegenseitiger Anerkennung gekennzeichnet. Das hatten wir bislang nicht." Die Betroffenen hätten ihren Forderungskatalog bewusst hoch angesetzt, heute sei er erfüllt. "Die Befriedung ist zum Greifen nahe, wenn nicht schon erreicht", sagte Probst.

"Nach sechs Jahren des Stillstands haben wir innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums eine Lösung gefunden, die von allen Beteiligten getragen wird", betonte Peter Schmitt. Für die Betroffenen sei es ein besonderes Zeichen gewesen, dass Bischof Voderholzer an allen Sitzungen teilgenommen und sich auch kontroversen Diskussionen gestellt habe. Unter Voderholzers Vorgänger Bischof Gerhard Ludwig Müller, heute Präfekt der römischen Glaubenskongregation, waren Versuche, die Missbrauchsfälle umfassend aufzuarbeiten, gescheitert. (Angemerkt)

Die Befriedung ist zum Greifen nahe, wenn nicht schon erreicht.Betroffenen-Vertreter Alexander Probst
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.