Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen
Ein System der Angst

Der aus Weiden stammende Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber wurde von Bistum und Chor mit der Klärung der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen beauftragt. Am Freitag präsentierte er in Regensburg seinen Zwischenbericht. Bild: dpa
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Regensburg
08.01.2016
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Das Gymnasium der Domspatzen in Regensburg. Das Bistum Regensburg und die Regensburger Domspatzen wollen den sexuellen Missbrauch von Kindern in ihren Reihen aufarbeiten. Archivbild: dpa
 
Durch den Eingang zum Kloster Ettal im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist die Kloster- und Pfarrkirche zu sehen. Bild: dpa

Wurde jeder dritte Domspatz misshandelt? Diese Vermutung legen die Recherchen des Regensburger Anwaltes Ulrich Weber nahe. Er treibt im Auftrag des Bistums die Vergangenheitsbewältigung voran. Dieses will damit ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Über vier Jahrzehnte hinweg lebten von 1953 bis 1992 die im Etterzhausener Internat oder im Regensburger Gymnasium eingeschriebenen Domspatzen in einem "System der Angst". Exakt diese Überschrift platzierte der aus Weiden stammende Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber einen Tag vor der am Freitag offiziell anberaumten Pressekonferenz über seine Zwischenbilanz in der Süddeutschen Zeitung. Weber ist vom Bistum beauftragter "Opferanwalt" und soll das transparent machen, was bis zum Jahr 2013 noch dementiert und von der katholischen Kirche als "Medienkampagne" bezeichnet wurde.

Im besagten Zeitraum sollen mehr als 200, laut Hochrechnung aber bis zu 700 Buben körperlich oder psychisch misshandelt worden sein. Der Grund: Viele Opfer melden sich erst jetzt zu Wort. Insgesamt waren in diesen rund 40 Jahren 2450 Schüler am Gymnasium oder Internat immatrikuliert. Weber spricht auch von 67 Opfern, die in Schule oder Internat sexuell behelligt worden seien. Nach akribischem Aktenstudium glich der vom Weißen Ring empfohlene Rechtsanwalt Archivdaten mit den Aussagen von Zeugen ab: Rund 50 Prozent davon klassifizierte Weber danach als "höchstplausibel".

Grenzen waren fließend


Zum Thema "körperliche Gewalt" ermittelte Weber 231 belastbare Fälle. Folglich muss mindestens jeder Zehnte der 2450 Schüler im Zuge fragwürdiger Disziplinierungsmaßnahmen Opfer körperlicher Gewalt oder sexuell motivierter Übergriffe geworden sein, ist Weber überzeugt. Die Grenze zwischen Misshandlung und Missbrauch muss fließend gewesen sein, leitet der Anwalt aus seinen Akten ab.

Die von Weber ausgewerteten Dokumente belegen, dass zumindest ein Fall der Vergewaltigung aktenkundig ist. Sie belegen aber auch, was der Jurist als "strukturelle Defizite" umschreibt: Männer, die sich an Schülern vergriffen hatten, wurden nicht zwangsläufig aus dem Dienst entfernt, sondern nur innerhalb der Domspatzen-Abteilungen versetzt. Eine Mutter soll ihren Buben entrüstet von der Schule genommen haben, als er schwere Verletzungen aufwies. Sie wurde daraufhin mit einer Zeugenaussage konfrontiert, die einen Übergriff in Abrede stellte und stattdessen auf einen ominösen "Treppensturz" hinwies.

Den inzwischen erwachsenen Opfern verspricht Bischof Rudolf Voderholzer ein Schmerzensgeld von jeweils 2500 Euro. Damit die "strukturellen Missstände" künftig ausgeschlossen werden können, wird laut Weber ein "beratendes Kuratorium" eingesetzt. Die Domspatzen-Stiftung begrüßt "in besonderer Weise, dass sich Anfang Februar das Beraterkuratorium konstituieren wird, in dem Opfervertreter, zwei Mediatoren, Mitglieder des Stiftungsvorstandes, Generalvikar Michael Fuchs und Bischof Rudolf Voderholzer vertreten sind", heißt es in einem Statement der Geschäftsführung.

Vertrauen zurückgewinnen


Die Arbeit Webers solle in allen Bereichen unterstützt werden. Wörtlich: "Er gibt in der Sache den Takt vor. Wir werden ihn weiterhin in allen Belangen, die er an die Stiftung richtet, vorbehaltlos unterstützen. ... Die in diesem Zwischenbericht genannten Opferzahlen erschrecken uns und wir möchten betonen, dass uns jeder einzelne Fall im Innersten berührt, zutiefst erschüttert und auch sprachlos macht. Deshalb möchten wir auch an dieser Stelle erneut unsere Entschuldigung gegenüber allen Opfern von Missbräuchen und Misshandlungen in Einrichtungen der Domspatzen wiederholen in tiefer Erschütterung und Scham."

Domvikar Michael Fuchs benannte einen weiteren Grund für das seit Mai vorigen Jahres bestehende Mandat des Opferanwalts: "Wir wollen versuchen, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen!"

Entschädigungen wegen sexuellem MissbrauchsWenn vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Bayern die Rede ist, fällt neben den Regensburger Domspatzen schnell der Name Ettal. In dem oberbayerischen Benediktinerkloster waren jahrzehntelang körperliche und seelische Misshandlungen sowie sexueller Missbrauch von Schülern an der Tagesordnung. Nach anfänglichem Zögern entschied sich der Orden für eine transparente Aufarbeitung des Skandals, die heute in anderen betroffenen kirchlichen Einrichtungen als vorbildlich gilt. Auch der Verein Ettaler Missbrauchsopfer ist zufrieden. Die Aufarbeitung des im Jahr 2010 bekanntgewordenen Skandals steht auf mehreren Säulen:

Entschädigung: Opfer von sexuellem Missbrauch erhielten bis zu 20 000 Euro, Opfer von Misshandlung 5000 Euro. Insgesamt zahlte das Kloster an 70 ehemalige Internatsschüler 700 000 Euro.

Studie: Die unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung ergab: In dem Knabeninternat fehlte eine professionelle Pädagogik, die Erzieher waren überfordert. Auch die strenge Hierarchie des Klosters mit einem alleine verantwortlichen Abt an der Spitze trug zum Versagen bei.

Prävention: Eine Schülergruppe wird nun immer von zwei Erziehern, meist eine Frau und ein Mann, betreut. Dies steht im Mittelpunkt eines Vorsorgekonzeptes, das neuen Missbrauch verhindern soll. Auch wurden mehrere Abläufe im Tagesplan verändert.

Gedenken: Im Kloster soll es einen sichtbaren Erinnerungsort geben. In die Planung sind auch Missbrauchsoper eingebunden. Robert Köhler vom Verein Ettaler Missbrauchsopfer hofft auf die Realisierung 2016.

Die deutschen katholischen Bistümer verständigten sich im Jahr 2011, Opfern sexueller Gewalt Entschädigung zu zahlen. Drei Beispiele aus Bayern:

Das Erzbistum München-Freising hat 29 Fälle registriert, in denen auf Empfehlung der Missbrauchsbeauftragten Opfern Geld gezahlt wurde - insgesamt 147 000 Euro.

Im Erzbistum Bamberg haben 16 Opfer einen Antrag auf Entschädigungszahlung gestellt, ihnen wurde insgesamt 92 000 Euro zugesprochen.

Im Bistum Regensburg geht es um Misshandlungen in der Vorschule der Domspatzen. Die Diözese hat bislang beschlossen, die Straftaten anzuerkennen und den Betroffenen ein Schmerzensgeld von jeweils 2500 Euro zu zahlen. (dpa)


Georg RatzingerDer Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger (91), der den Chor von 1964 bis 1994 geleitet hatte, dürfte laut Rechtsanwalt Ulrich Weber von den Vorgängen gewusst haben. Georg Ratzinger selbst hatte vor fast sechs Jahren im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" eingeräumt, bis Ende der 1970er Jahre selbst hin und wieder Ohrfeigen verteilt zu haben.

Zur Begründung hatte er gesagt: "Früher waren Ohrfeigen einfach die Reaktionsweise auf Verfehlungen oder bewusste Leistungsverweigerung." Doch sei er froh gewesen, als zu Anfang der 1980er Jahre körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden: "Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert." Ratzinger bekräftigte in dem Interview, dass er von den bekanntgewordenen Fällen sexuellen Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen nichts gewusst habe - auch nicht gerüchteweise. (dpa/wbr)




DomspatzenDie Regensburger Domspatzen sind Deutschlands ältester Knabenchor. Der Chor feierte 1976 sein 1000-jähriges Bestehen. Hinter dem traditionsreichen Namen verbirgt sich eine Institution aus drei Säulen: Chor, Schule und Internat. Zu den Aufgaben des Chors gehört vor allem die Gestaltung der Gottesdienste im Dom. Die "Spatzen" unternehmen aber auch Konzertreisen in alle Welt. Die schulische Ausbildung erfolgt in einer Grundschule und einem Musischen Gymnasium, denen je ein Internat und eine Tagesbetreuung angegliedert sind. (dpa)
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A. K. aus Regensburg | 11.01.2016 | 13:55  
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