Nochmal von der Schippe gesprungen

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Regensburg
27.11.2015
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Das Ostentorkino und seine Kneipe - für Generationen von jungen (und jung gebliebenen) Leuten Kult - sollte eigentlich plattgemacht werden. Nun dürfen sie für mindestens fünf weitere Jahre "überleben".

Art House Filme sind keine Gelddruckmaschinen. Fassbinder, Achternbusch, Herzog? Machen keine Kasse. Das Regensburger Ostentorkino und die dazugehörige Kneipe wären diesen vermeintlich alternativlosen Marktregeln beinahe zum Opfer gefallen. Es folgten Petitionen, eine Facebookseite für den Erhalt und die Tribute-CD "Beat the Reaper". Dann durften die vielen Anhänger aufatmen: Das Ostentorkino ist dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen - quicklebendig, für weitere fünf Jahre, mit neuen Pächtern. Jetzt sind die Cineasten in Regensburg gefragt. Wer will, dass es weitergeht, muss gefälligst öfter ins Kino gehen.

Hier wird das Kinoprogramm auch nach mehreren Jahrzehnten noch von Hand an der Leuchttafel gesteckt, an der Kasse gibt es kein überteuertes Billig-Popcorn und Cola in skurril großen Pappbechern, sondern, ganz "Old School", Karten für die Vorstellung und ein bisschen Süßkram. Vorbei an der Kasse geht es in den Kinosaal mit überaus gemütlichen Polstersitzen. Beinfreiheit ist Trumpf.

Regensburger Subkultur

Auf der Leinwand flimmert irgendetwas von Woody Allen, vielleicht Tarantino oder eine andere, gänzlich unbekannte Independent-Produktion. Staub wabert glitzernd im Lichtkegel des Projektors. Schnell noch ein Bier und eine Tüte Chips holen? Der Weg zur Quelle ist ein wenig verborgen - wenn man sich umsieht, ist da aber ein beleuchtetes Schild, das auf die Kinokneipe hinter der Leinwand verweist.

Die Tür dorthin ist allerdings nicht nur der Pass zu den Knabbereien und Getränken beziehungsweise zu den Toiletten. Sie ist das Tor zu einem weiteren, sehr liebenswerten Ort der Subkultur, dessen Gravitation schon seit über 40 Jahren für Generationen von jungen Menschen die entscheidende ist und war. Erst einmal in der Umlaufbahn angekommen, erfreut man sich an diesem Universum aus Kinosesseln, Theke und Kicker. Wer kommt, ist da - und gut! Nur ein paar alte Filmplakate weisen direkt auf den cineastischen Kontext hin, ansonsten: Patina als Deko-Element und Indie-Rock oder Elektro als Soundtrack für den gepflegten Slacker-Abend.

Nährboden für Kreative

Das Geschmeidige, die Offenheit und die Schaffenskraft der Protagonisten macht das Ensemble von Kino und Kneipe so ungemein besonders. Seit Anfang der 70er folgte das Zentrum der alternativen Kultur einer natürlichen Evolution - immer weiter entwickelt, improvisiert, draufgesetzt, gebastelt. Wer sagt, dass man für alles ein ausgelotetes Investment oder einen Businessplan braucht, wurde hier eines besseren belehrt. So sind denn auch die Beteiligten allesamt keine abgebrühten Oberprofis - egal ob am Projektor, an der Kasse oder hinterm Tresen. So war das Ostentor auch nie ein profaner Tempel des Konsums, sondern ein Nährboden für andere Kulturschaffende. Viele Bands wurden hier, in der "Boaz'n" aus der Taufe gehoben: Die legendären "Beige GT", "Containerhead", "Jenny Lund" oder "SickSickSick".

Als die Nachricht die Runde machte, dass das über 40 Jahre alte Programmkino im Regensburger Osten schließen soll, war die Enttäuschung, die Wut groß. Sollte sich die kulturelle Gentrifikation auch im eher schmucklosen Ostenviertel Bahn brechen? Seelenlose Event-Location statt organisch gewachsene Subkultur-Institution?

Insel der Glückseligen

Diese Insel der Glückseligen sollte also verschwinden? Die Vertreibung aus dem Paradies? Einfach so? Damit konnte und wollte sich niemand abfinden. Man ging auf die Barrikaden. Bald gab es eine Petition und die Facebookseite "Ostentorkino erhalten", die binnen kurzer Zeit mehr als 10 000 Mal geliked wurde. Übrigens auch von Menschen, die das letzte Mal vor 20 Jahren in Regensburg waren - so tief scheint dieser Ort im Gefühlsleben der Exilanten verankert.

Die Hausbands nahmen außerdem eine Tribute-CD auf, und mit "Beat the Reaper" einen vertonten Beleg der Kinokneip'schen Relevanz für die Musikszene in Regensburg. Auch in OB Wolbergs fand die Traditionseinrichtung einen prominenten Fürsprecher - wohl auch wegen des überregionalen Renommees der jährlichen Kurzfilmwoche. Als sich dann die Investoren gesprächsbereit zeigten, packten der bisherige Pächter der Kneipe, Hans Geldhäuser und Martin Haygis, lange Jahre Filmvorführer und Keeper die Gelegenheit beim Schopf - gemeinsam mit dem Betreiber der Kinos im Andreasstadel, Dr. Medard Kammermeier gründeten sie die neue Betreiber-GmbH.

Beim Schopf gepackt

Das Trio hat sich entschieden, das Ostentorkino nicht mit hochgezüchteter Technik in ein "Multiplex light" zu verwandeln. Sie wollen keine schlechte Kopie, sondern ein profiliertes Original. Ein Programmkino, das sich nicht der Zukunft verschließt, aber seine Werte beibehält. Kino und Kneipe sollen aber in Zukunft mehr als Einheit funktionieren. Live-Konzerte soll es auch mehr geben.

Natürlich ist das ein Kraftakt, so eine subkulturelle Institution in schwierigen Kinozeiten marktkonform zu betreiben. Wenn es aber jemand schaffen kann, dann das Trio, das erst mit dem Herz fühlt und dann mit dem Geldbeutel denkt. "Wild at Heart" eben.
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