Polizei stoppt den Trend
Schlechte Zeiten für Raddiebe

Vermischtes
Regensburg
14.02.2016
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Haben gut lachen: (von links) Fahrradsachbearbeiter Alfons Schmeidl, Polizeihauptkommissar Günther Burkhard und Polizeihauptkommissar Roland Ast begutachten das ermittelte Diebesgut. Bild: Herda

Der 21-Jährige mit Kinnbart, Piercings und Tätowierungen will das Downhill-Rad nur mal Probe fahren. Dem 18-jährigen Besitzer schwant nichts Böses. Doch der vermeintliche Ebay-Kunde taucht mit dem 3500-Euro-Rad unter.

Amberg/Weiden. "Da waren wir selber überrascht", sagt Polizeihauptkommissar Alfons Schmeidl freudestrahlend über den Coup. Hartnäckigkeit zahlt sich aus: "Wir hatten nichts, keinen Namen, keinen Ort." Aber dann kamen Hinweise aus der Downhill-Szene: "Als wir vor der Tür im Bayerischen Wald standen, war der baff", sagt der Fahrradsachbearbeiter der Polizeiinspektion Weiden. "Wie habt's jetzt ihr mi g'funden?", wunderte sich der ertappte Dieb.

Der Tathergang ist untypisch, der Erfolg inzwischen nicht mehr. Die Weidener konnten die Aufklärungsquoten bis zu vervierfachen und die Zahl der angezeigten Diebstähle halbieren - von 2003 bis 2009 kamen sie von den 200 bis 300 entwendeten Rädern gerade mal 8 Prozent auf die Spur. 2014 erreichte die fahrradfreundliche Inspektion eine Quote von 34,1 Prozent bei 132 gemeldeten Diebstählen. Nicht von ungefähr, erläutert Erster Polizeihauptkommissar Roland Ast: "Angefangen hat alles mit zwei Kollegen, die sich richtig in die Materie reinknieten."

Auch Erfolge in Amberg


Ähnlich die Situation an der Vils: "Vor sechs Jahren war die Situation unbefriedigend", sagt Peter Krämer, Pressesprecher der Polizeiinspektion Amberg. "Wir haben die Kontrolltätigkeit und Aufklärung verstärkt und erreichten einen Rückgang." Der Erfolg: Von 104 Fällen im Jahr 2014 wurden 22,1 Prozent, von 96 Fällen 2015 18,8 Prozent aufgeklärt. "Das Ergebnis hat auch mit der Mär von den durchreisenden Dieben aufgeräumt - die gibt's nur vereinzelt, die meisten waren von hier."

Wie kam es zur epidemischen Radklau-Entwicklung in Mittelstädten wie Amberg, Weiden oder Neumarkt - von Großstädten ganz zu schweigen? "Strampeln ist populär und gesund", erklärt Polizeihauptkommissar Günther Burkhard den Trend, "man kommt in den Innenstädten schnell vorwärts und die Räder werden immer hochwertiger und teuerer." Mit anderen Worten: Das Zweirad avanciert auch zum Objekt der Begierde von Langfingern.

Die Diebstähle mehrten sich, die Beamten standen dem Phänomen zunächst etwas hilflos gegenüber: "Wir gingen systematisch unsere Schwachstellen durch und stellten fest, dass wir die Qualität der Anzeigen deutlich verbessern müssen." Die Eigentümer könnten oft keine konkreten Angaben zum gestohlenen Zweirad machen: "Weder zur Ausstattung noch zur Typenbezeichnung der Schaltung oder Merkmalen wie auffälligen Kratzern oder blauen Bremsklötzen - geschweige denn die Rahmennummer."

Schmeidl, der damals neu ernannte Fahrradsachbearbeiter leistete Pionierarbeit bei den Händlern, überzeugte sie davon, dass Diebstahlprävention auch beim Kunden als Serviceleistung ankomme: "Inzwischen ist der Kontakt zu unseren Händlern so gut, dass sie nicht nur zu jedem verkauften Rad unseren Fahrradpass mit ausgeben, sondern wir auch oft über sie ein gestohlenes Rad identifizieren können."

Die Hartnäckigkeit zahlt sich aus: "Wenn man nicht akribisch nachbohrt, findet man den Geschädigten nicht", sagt Raddetektiv Schmeidl. "Als der 18-jährige Weidener sein Downhill-Rad zurückbekam, wäre er mir beinahe um den Hals gefallen." Eine Belohnung für die Mühen. "Wir haben uns die Bekämpfung dieser Straftat auf die Fahnen geschrieben", ergänzt Burkhard. Das klappe aber nur, wenn die Besitzer mitmachen:

Kontrollen: Burkhard bittet um Verständnis, wenn Polizeistreifen verstärkt Fahrradfahrer kontrollieren und nach der Herkunft des Fahrzeugs fragen. "Wir haben die Kollegen geimpft, das Rad beim geringsten Verdacht sicherzustellen." Etwa wenn keine befriedigende Auskunft erteilt wird, die Nummer ausgefeilt oder der Lack übermalt ist.

Anzeigen: Die Polizei appelliert an die Geschädigten, auf alle Fälle einen Diebstahl anzuzeigen. Zum einen, um die Dunkelziffer zu reduzieren, zum anderen um möglichst schnell die Besitzer der aufgefundenen Räder identifizieren zu können.

Sicherung: Im Idealfall füllt der Eigentümer den Radpass aus, legt zwei Fotos mit dazu, sichert das Rad mit einen hochwertigen Schloss wie einem Flachbandschloss (40-80 Euro) und lässt es nach Möglichkeit nicht über Nacht unabgesperrt stehen.

Umgekehrt ist das Signal bei der verdächtigen Klientel bereits angekommen: "Die Aufklärungsquote hat dazu beigetragen, dass viele Langfinger sagen, ,mit einem gestohlenen Rad brauchst in Weiden nicht mehr rumfahren'." Einen beträchtlichen Teil der Diebstähle konnten die Weidener Polizisten der Beschaffungskriminalität zuordnen: "Die meisten von uns aufgegriffenen Täter sind aus der Rauschgiftszene", sagt Burkhard. "Hehlerei spielt keine unerhebliche Rolle."

Bekannte Gesichter


Bei den ertappten Radräubern handele es sich fast ausschließlich um bekannte Gesichter aus Weiden und Umgebung. Und um auch diesem Vorurteil vorzubeugen: "Es gab bisher keinen Fall, bei dem ein Asylbewerber ein Rad gestohlen hatte", sagt Burkhard. "Einmal war einer sogar ein Geschädigter."

Jenseits der aufgeklärten Fälle können aber auch organisierte Diebstähle wie bei einer Serie entwendeter Räder bei Händlern nicht ausgeschlossen werden. "Das bekommen wir nur mit, wenn die Zoll-Fahndungsdienststelle Waidhaus mal einen Transporter mit Fahrradteilen aufhält", ergänzt Ast.

Räuberwerkstatt und Wiederholungstäter2010: Bei einer groß angelegten Polizeiaktion werden fünf Wohnungen durchsucht. An Fleischerhaken hängen jede Menge Fahrradkomponenten. "Bei hochwertigen Rädern rentiert sich das", erklärt Polizeihauptkommissar Günther Burkhard. "Die hatten eine eigene Werkstatt, in der sie vorwiegend Mountainbikes zerlegten. "Wenn Hehler die Räder im Ganzen verkaufen, erzielen sie in etwa die Hälfte des Wertes, im Komponentenversand fast 75 Prozent."

Oktober 2015: "Ein amtsbekannter Bürger wird kontrolliert, wie er mit einem neuwertigen Damenrad im Wert von 650 Euro fährt." Einige Drogenabhängige würden das Rad als praktisches Fortbewegungsmittel nutzen, für andere stellen sie eine Art Ersatzwährung dar.

Januar 2016: Bei einem Ladendiebstahl wird ebenfalls ein alter Bekannter der Polizei mit einem gestohlenen Rad ertappt. "Es war bereits das fünfte, das wir bei ihm sicherstellten", seufzt Burkhard.

Wie habt's jetzt ihr mi g'funden?Ertappter Fahrraddieb
1 Kommentar
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Heinz Narr aus Weiden in der Oberpfalz | 15.02.2016 | 23:10  
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