Reise durch die Unwetternacht
Unterwegs in einem Zug, der nicht fährt

Vermischtes
Regensburg
30.05.2016
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Ein Zug mit rund 150 Passagieren ist bei Maxhütte-Haidhof (Kreis Schwandorf) gegen einen umgestürzten Baum geprallt. Die Passagiere wurden daraufhin mit Bussen nach Regensburg gebracht. Die Strecke war für mehr als zwei Stunden gesperrt.

Um 21.38 Uhr sollte der brandneue gelbe Zug der Oberpfalzbahn am Sonntag auf Gleis 101 von Regensburg in Richtung Norden losfahren. Knapp fünf Minuten später geht der Schaffner durch die Reihen. „Die Abfahrt verzögert sich. Ein Baum blockiert die Strecke zwischen Regenstauf und Maxhütte-Haidhof.“

Draußen erhellen Blitze Gleise und Bahnsteige kurzzeitig in blauem Licht, der prasselnde Regen wird weniger, der Sturm ebbt ab. Ein kleines Mädchen schläft im Kinderwagen. Abwechselnd halten Vater und Mutter eine Plastikbox mit einer kleinen Katze. Gegenüber beengen zwei rote Koffer den Durchgang. Der Zug ist zu zwei Dritteln voll.

Eine gefühlte halbe Stunde später kommen Schaffner und Lokführer. Es dauere noch mindestens eine Stunde, bis die Strecke wieder frei sei. „Dann gehe ich morgen nicht in die Schule“, freut sich ein Mädchen, das mit Eltern und Bruder in Schwarzenfeld aussteigen will. Für die Familie ist es an diesem Tag bereits die zweite Verspätung. Am Brenner hatte die Lokomotive ein Problem mit dem Stromabnehmer. Den Anschluss-Alex in München hat sie deshalb um 10 Minuten verpasst.

Gerüchte von einem Zug, der gegen einen Baum geprallt sei, machen in der Oberpfalzbahn die Runde. Ob es Verletzte gegeben habe, ist für die Wartenden in Regensburg kaum ein Thema. Die Zugführer bitten Reisende in Richtung Cham, Furth im Wald und Amberg auf den Bahnsteig, vermitteln ihnen Taxen zur Weiterfahrt. Viele, die nicht auf den kleineren Bahnhöfen aussteigen wollen, verlassen die Triebwagen, wechseln in den Alex, der auf Gleis vier aus München ankommt. Der Schaffner hatte die Auskunft gegeben, dass dieser weiß-blaue Fernzug bei freier Strecke früher wieder los dürfe.

Die üblichen Schimpfereien auf die Bahn machen dort die Runde. „Nie mehr Bahn“, sind sich fünf junge Männer einig, die mit dem Flugzeug aus Kroatien gekommen waren. Sie wollen jetzt nach Weiden, Wiesau und Marktredwitz. Reguläre Abfahrt 22.21 Uhr. „60 Minuten Verspätung“ heißt es auf der Anzeige am Bahnhof für den nahezu pünktlich eingefahrenen Zug. Später sind es 90 Minuten. Das Personal telefoniert, bespricht sich mit den beiden Kollegen von der Oberpfalzbahn, macht ab und zu Lautsprecherdurchsagen, rät einer älteren Dame, die nach Pressath will, mit dem Taxi zu fahren und die Rechnung zur Erstattung einzureichen.

Heftig diskutiert der Besitzer der roten Koffer mit dem Schaffner. Der argumentiert, kommt kaum gegen das Schimpfen an. Dann heißt es, dass ein Blitz ein Stellwerk unterwegs lahmgelegt habe. Die Kroatienurlauber im Speisewagen versuchen auf eigene Faust telefonisch ein Taxi zu organisieren. Die Angebote sind dem Quintett aber letztlich zu teuer. Es geht auf Mitternacht zu. Fußballfans des SV Jahn Regensburg können sich über den Aufstieg nicht mehr freuen, werden aggressiv.

Plötzlich geht es weiter. Der Zug rollt an, Entspannung bei den Reisenden, bis die Durchsage kommt, dass nicht klar sei, wie weit die Fahrt geht. Nicht lange. In Regenstauf ist Schluss. Dazwischen füllen der Schaffner und seine Kollegin Bestätigungen über die Verspätung aus. Beiden geht es wie allen anderen. Sie sind müde, möchten nach Hause. Weitere Telefonate folgen. Dann die Durchsage, dass ein Bus nach Weiden fahren werde.

Auf dem Bahnhofsvorplatz warten geschätzte 80 Menschen auf die Fortsetzung der Fahrt. Der Kofferbesitzer mault über die Unfähigkeit der Bahn. Die Kroatienflieger geben Tipps und Wissen weiter, wie die Millionen Bundestrainer bei einem Spiel der Nationalmannschaft. „Das hätte man schon vor drei Stunden…Wieder mal klar, wie unfähig…“

Als der Bus um die Ecke biegt ist eine schweigende Mehrheit froh, dass ein Ende der Reise absehbar ist. Laut werden die, denen es zu eng ist, die sich nicht damit abfinden können, dass auch in einer hochtechnisierten Welt, ein Sturm etwas durcheinander bringt.

Leise miaut im Gedränge immer wieder das Kätzchen. Der Bus hatte aus Regensburg auch die Reisenden mitgebracht, die noch in der Oberpfalzbahn waren. Als die junge Familie in Pfreimd aussteigt, schläft das Mädchen immer noch im Kinderwagen, die beiden Schaffner helfen beim Raustragen. Vater und Mutter sagen „Danke“. Nach sieben Stunden endet gegen 3 Uhr für die weiße Katze und ihre Besitzer die Fahrt aus Ingolstadt, die auf zwei Stunden angesetzt war.
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