Rettungsaktion Sea-Eye im Mittelmeer
Ersthelfer auf hoher See

Bei einem Crewtreffen in Regensburg erklärt Sea-Eye-Initiator Michael Buschheuer den Einsatz einer Rettungsinsel. Mehr als 70 Freiwillige haben bislang auf dem Schiff Sea-Eye im Mittelmeer, zwischen Italien und der libyschen Küste, geholfen. Die Helfer mehr als 3900 Menschen gerettet. Bild: Gibbs
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Regensburg
24.08.2016
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Reinhold Wagner. Bild: Gibbs

Das Mittelmeer wird auch dieses Jahr wieder zum Grab für Tausende Flüchtlinge. Die Rettungsaktion Sea-Eye des Regensburger Michael Buschheuer hat seit April mehr als 3900 Menschen das Leben gerettet. Doch die jüngsten Anschläge in Bayern erschweren die Arbeit der Flüchtlingshelfer.

Die Sea-Eye, ein ehemalige Fischkutter, kreuzt seit vier Monaten in einem Korridor von 400 Kilometern zwischen Italien und der libyschen Küste. Die Mission: Vom Kentern bedrohte Flüchtlingsboote ausfindig machen, Ersthilfe leisten und die Seenotrufstelle in Rom alarmieren. Selbst Flüchtlinge an Bord nimmt die Sea-Eye in der Regel nicht, dafür ist sie nicht ausgelegt. Die Mannschaft besteht aus acht oder neun Personen, alle zwei Wochen wird sie ausgewechselt.

Mehr als 70 freiwillige Helfer waren bislang schon an Bord, berichtet Buschheuer, viele davon aus der Region. Der Enthusiasmus sei groß, die Qualifizierung aber nicht immer so einfach. "Es gibt nicht so viele Seemänner in Bayern", sagt Buschheuer, der täglich mit der aktuellen Besatzung telefonisch in Kontakt steht. Seit Anfang August ergänzt ein zweites, schnelleres Boot die Arbeit der bewährten, aber langsamen Sea-Eye.

Perfides System


Die Not auf dem Mittelmeer ist groß. "Die Leute werden verarscht", wird Buschheuer deutlich. Bis zu 130 Menschen werden nachts von Schleppern in viel zu kleine Schlauchboote gesetzt, ohne Proviant, mit kaum Wasser - und viel zu wenig Diesel. "Kein Boot kann Europa erreichen." Wenn die Flüchtlinge gerettet werden, tauchen oft schnell Fischer auf, die die sinkenden Schlauchboote aus dem Wasser ziehen und den Motor bergen. Buschheuer geht davon aus, dass sie eng mit den Schleusern zusammenarbeiten und dafür eine Prämie kassieren. Ein perfides System, das viele mit dem Leben bezahlen. Die offizielle Zahl der in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge liegt bei über 3000, die Dunkelziffer könnte wesentlich höher sein.

Michael Buschheuer kennt die Kritik, die Hilfsaktion würde dazu führen, dass die Schleuser nur noch mehr Flüchtlinge in Booten losschicken. Für ihn ist es aber keine Option, "die einen ertrinken zu lassen, damit die anderen nicht mehr kommen". Man dürfe sich nicht unmenschlich positionieren, nur weil die Schleuser das tun. Finanziell gespürt haben die Sea-Eye-Organisatoren die Terrorattacken in Würzburg und Ansbach. "Die Kleinspender sind uns weggebrochen", berichtet Buschheuer. Er wünscht sich, dass "nicht alles in einen Topf geworfen wird", Menschenrettung im Mittelmeer und die Taten Einzelner. Diejenigen, die sich intensiver mit der Arbeit der Sea-Eye auseinandersetzen, würden weiter spenden. Bis Jahresende braucht die Initiative 250 000 Euro für ihre Mission. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist offen. Solange sich die Lage nicht ändert, "helfen wir, wo wir können". In eine "heiße Phase" fiel Reinhold Wagners Einsatz auf der Sea-Eye. Der Hobbysegler aus Kümmersbruck war Ende Juni, Anfang Juli zwei Wochen als Zweiter Kapitän an Bord. In dieser Zeit war die Sea-Eye an der Rettung von über 1000 Flüchtlingen beteiligt.

Zum ersten Einsatz kam es, als Wagner gerade Nachtwache zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens schob. Kurz nach 2 Uhr morgens nahm er einen Anruf per Satellitentelefon an. Das Seenotrettungszentrum in Rom teilte mit, dass ein Flüchtlingsboot unterwegs ist. Die Sea-Eye fand das Boot nach einiger Zeit, es war in gutem Zustand. Drei Crewmitglieder fuhren mit einem Schlauchboot an das Flüchtlingsboot heran und versorgten die Menschen mit Wasser und Rettungswesten, bis die Flüchtlinge von einem italienischen Marineschiff gerettet wurden.

Nur eine Viertelstunde später ein zweites Flüchtlingsboot, die Menschen an Bord waren schon leicht in Panik, sie schöpften Wasser aus dem Boot. Und dann wurde noch ein Flüchtlingsboot gesichtet: Ein typisches Schlauchboot, das die Schleuser mit 130 Menschen besetzt hatten. Doch hier waren nur noch 70 Leute an Bord - die anderen Passagiere fehlten, sie waren wohl bereits ertrunken. "Es gibt keine Passagierlisten, die Menschen auf den Booten sind verschlossen. Man kann also nur mutmaßen", sagt Wagner. Die verbliebenen Flüchtlinge kämpften mit der linken Kammer, die ihre komplette Luft verloren hatte. Bei diesem Boot ist sich Wagner sicher: "Wären wir eine halbe Stunde später gekommen, wäre es gekentert." Insgesamt rettete die Sea Eye an diesem Tag 600 Menschen aus sechs Booten.

Voller Adrenalin


Zurück in der Oberpfalz, ist es für Wagner "schwer zu ertragen, im Fernsehen die Bilder von Flüchtlingsbooten zu sehen". Auch sein größter Wunsch - nach zwei Wochen Schichtdienst an Bord wieder durchzuschlafen - wurde nicht so schnell erfüllt. "Ich bin noch lange nachts aufgewacht, der Körper voller Adrenalin, wie es an Bord ja auch gewünscht ist." Sein persönliches Umfeld hat positiv auf seinen Einsatz reagiert, sagt Wagner. Allerdings musste er sich auch kritische Kommentare anhören. "Warum rettet ihr die überhaupt?", war noch eine der harmloseren Anmerkungen. "Ich bin Ersthelfer", sagt Wagner. "Egal, wer ertrinkt, er bekommt vor Ort meine Hilfe."

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