Rettungsübung von "Sea Eye" in der Donau
Rettungsinsel aus Regensburg

Ein Crewmitglied wird während einer Übung aus dem Wasser der Donau gezogen. Die Teilnehmer der Flüchtlingsinitiative "Sea-Eye", einer privaten Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer, haben in Regensburg für kommende Einsätze geübt. Bild: dpa
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Regensburg
09.05.2016
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Michael Buschheuer, Initiator der Aktion "Sea Eye"

Es ist Bilderbuchwetter in Regensburg. Touristen winken von den Ausflugsschiffen, einige junge Männer düsen auf ihren Jetskis über das Wasser. Auf der anderen Seite der Donau geht es nicht ganz so entspannt zu: Dutzende Menschen proben mit Schlauchbooten und Rettungswesten für den kommenden Ernstfall.

70 Freiwillige versammeln sich am Samstagnachmittag am Regensburger Donauufer zum ersten Crewtreffen der "Sea Eye". Sie werden in den nächsten Monaten bei der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer helfen. Der ehemalige Fischkutter kreuzt seit Mitte April vor der Küste Libyens. "Sea Eye" hat bereits über 354 schiffbrüchigen Flüchtlingen im Mittelmer geholfen.

Die Mission der Helfer: Vom Kentern bedrohte Flüchtlingsboote ausfindig machen, Ersthilfe leisten und die Seenotrufstelle in Rom alarmieren. Selbst Flüchtlinge an Bord nimmt die "Sea Eye" in der Regel nicht, dafür ist sie nicht ausgelegt. Initiator der Mission ist der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer, der den Kutter gekauft hat.

Herausforderung für Helfer


An diesem Samstag steht er am Donauufer zwischen Rettungswesten, Seilen und den freiwilligen Helfern und beantwortet Fragen. Unter aufmerksamen Blicken führt der 39-Jährige die Funktionsweise einer Rettungsinsel vor, die von der "Sea Eye" eingesetzt wird, um die meist völlig überfüllten Flüchtlingsboote zu entlasten. Dass es gar nicht so einfach ist, vom Schlauchboot auf die Insel umzusteigen, merken die Helfer beim Selbstversuch. Auch die Rettung aus dem Wasser wird geübt: Drei starke Männer schaffen es gerade so, einen Mann aus der Donau zu ziehen. Einen womöglich bewusstlosen Flüchtling bei stürmischer See zu bergen, ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung, das wissen alle Beteiligten.

Die "Sea Eye" kreuzt auf einer Strecke von 400 Kilometern zwischen Italien und der libyschen Küste. Die Mannschaft besteht aus acht Personen, alle zwei Wochen wird sie ausgewechselt. Entsprechend viele Helfer sind nötig. Aus sieben Gründungsmitgliedern sind mittlerweile 150 Freiwillige aus der Region und darüber hinaus geworden, erzählt Buschheuer. Vom Lehrling bis zum Professor, vom 20- bis 76-Jährigen reicht die Spanne. Die einen haben Seeerfahrung, die anderen nicht. "Sie eint der Wille, Menschen zu retten."

Erst vor wenigen Tagen entdeckte die aktuelle Crew 123 Schiffsbrüchige und setzte einen Notruf ab. Buschheuer selbst ist bei seinem 14-tägigen Einsatz auf der "Sea Eye" von "schlimmen Bildern" verschont geblieben. Klar ist aber, dass sich die Freiwilligen darauf einstellen müssen. "Wir sind dort am Ende der Menschlichkeit angekommen", sagt der zweifache Familienvater. 60 bis 130 Menschen werden nachts von Schleppern in viel zu kleine Schlauchboote gesetzt, ohne Proviant, mit zu wenig Wasser - und viel zu wenig Diesel. "Kein Boot kann Europa erreichen."

Klar ist auch, dass bei weitem nicht jedes Boot gerettet wird - und dass sich auf See teils fürchterliche Szenen abspielen, Menschen von den Booten gestoßen werden. "Wenn ein winziges Schlauchboot mit über 100 Menschen an Bord zwölf Stunden ohne Schutz der gleißenden Sonne ausgesetzt ist, kann man sich vorstellen, dass es zu sozialen Verwerfungen kommt", sagt Buschheuer.

Einsatz auf engstem Raum


Beim Crewtreffen in Regensburg ist die Welt noch in Ordnung. Die Freiwilligen erhalten neben den praktischen Übungen rechtliche, technische, sicherheitsrelevante und psychologische Informationen. Für Volker Ignatz aus Amberg ist es vor allem wichtig, die anderen Crewmitglieder kennenzulernen, die bei seinem Einsatz im August mit auf See gehen. "Schließlich verbringe ich mit ihnen 14 Tage auf engstem Raum."

Drei Wochen Urlaub hat sich der Amberger, der für ein Softwareunternehmen arbeitet, für die Aktion genommen. Die Rettungsmission der "Sea Eye" kostet etwa 250 000 Euro. Spenden werden dringend benötigt. Die Anreise bezahlt er selbst. Seine Lebensgefährtin zeigte Verständnis. Seine Motivation? Der 42-Jährige ist selbst Hobbysegler, kennt und liebt die Schönheit des Mittelmeers - und konnte es nicht länger ertragen, "dass 100 Seemeilen weiter Flüchtlinge ertrinken".

Weitere Infos und Spendemöglichkeit:

www.sea-eye.org

Wir sind dort am Ende der Menschlichkeit angekommen.Michael Buschheuer, Initiator der Aktion "Sea Eye"
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