"Akademisierungswahn"

Julian Nida-Rümelin. Bild: ehi
Wirtschaft
Regensburg
19.03.2015
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"Handwerk hat goldenen Boden" lautet ein altes Sprichwort. Zur Zeit klagen aber die Betriebe, es fehle der Nachwuchs. Zu wenige junge Leute interessierten sich hierfür, ein Studium sei attraktiver und sorge für ein höheres Einkommen. Doch stimmt das?

Auf Einladung des Vereins "Arbeitsgemeinschaft für Unternehmensführung im Handwerk" (AGU) hielt Prof. Julian Nida-Rümelin am Dienstagabend einen Vortrag zum Thema "Der Akademisierungswahn und das Handwerk". In den Räumen der Handwerkskammer in Regensburg verglich der Philosophie-Professor und ehemalige Staatsminister das deutsche Bildungssystem, wie es seiner Meinung nach sein sollte, mit einem Busch. "Man kann unterschiedliche Verzweigungen wählen und wenn man merkt, es passt nicht, wechselt man den Zweig", erklärte er seine Assoziation. Er fügte hinzu, dass er das Bildungssystem nicht als Selektionsmaschine sehe, sondern als ein Angebot. Es sollte jedem Einzelnen die Möglichkeit bieten, den für ihn passenden Bildungsweg zu finden. Nida-Rümelin betonte, wie wichtig das Handwerk für die deutsche Wirtschaft sei: Im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder den USA bestehe der größte Teil der deutschen, aber auch österreichischen Mittelschicht aus Nicht-Akademikern. Gerade der für Deutschland so wichtige Mittelstand könne ohne Handwerkernachwuchs langfristig nicht überleben.

"Zu Beginn des letzten Ausbildungsjahres konnten in Ostbayern 2130 Lehrstellen mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden", unterstrich der AGU-Vorsitzende Ernst Vögel diese Aussage. Auch Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, macht sich Sorgen um die Zukunft des Handwerks: "In den nächsten Jahren stehen im Handwerk tausende Betriebsübergaben an, für die dringend qualifizierter Nachwuchs benötigt wird."

Nida-Rümelin war es in diesem Zusammenhang wichtig, einige der gängigen Argumente zu widerlegen, die für ein Studium und gegen eine klassische Ausbildung sprechen. "Wer studiert, kann damit rechnen eine Million Lebenseinkommen mehr zu verdienen", führte Nida-Rümelin als eines dieser Argumente an. Das treffe jedoch nur auf den Bereich Ingenieurwissenschaften und Informatik zu, erklärte er. Studien des Statistischen Bundesamtes hätten ergeben, dass nicht-akademische Fachkräfte häufig sogar mehr verdienen als Akademiker. Der zweite Punkt - das Risiko der Arbeitslosigkeit mit einem Studium geringer - widerlegte Nida-Rümelin ebenfalls. So waren in den letzten Jahren, nach einer Studie aus dem Jahr 2013, die Arbeitslosenquoten beider Gruppen ähnlich, die der Nichtakademiker zwischen Jahren 2010 und 2012 sogar niedriger.

Diese Punkte spiegeln sich auch im Ländervergleich wieder, wie Nida-Rümelin darstellte: Die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern mit einer niedrigen Akademikerquote (zum Beispiel Deutschland) ist deutlich niedriger, als zum Beispiel im hoch akademisierten Großbritannien. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Deutschland und Österreich ebenfalls höher als dort.
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