Brexit-Referendum
IHK-Chef warnt vor Hysterie

IHK-Präsident Gerhard Witzany wirbt beim Sommerempfang für den Erhalt der Partnerschaft mit Großbritannien - trotz der Brexit-Entscheidung im Königreich. Bild: gib
Wirtschaft
Regensburg
28.06.2016
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Bei seinem Sommerempfang widmet sich die IHK dem Partner Großbritannien. Das lange geplante Thema gewinnt durch das Brexit-Referendum eine neue Bedeutung.

Was Sir Sebastian Wood beim IHK-Sommerempfang zu sagen gehabt hätte, wäre sicher spannend gewesen. Doch nach dem Brexit-Votum sagte der britische Botschafter in Berlin seinen Besuch in Regensburg ab. Die Experten verbreiteten Optimismus: An den deutsch-britischen Handelsbeziehungen werde sich voraussichtlich nicht allzu viel ändern. "Großbritannien wird ein enger Partner Deutschlands bleiben", sagte Gerhard Witzany, Präsident der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim, am Dienstagabend vor Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Für Bayern sei das Königreich das wichtigste Ausfuhrland. Allein im Kammerbezirk würden 240 Unternehmen Wirtschaftskontakte zu Großbritannien halten.

"Es kommt jetzt darauf an, weder in Hysterie noch in Schockstarre zu verfallen", sagte Witzany. Die Politik beider Länder müsse sich der Stärke der Zusammenarbeit bewusstwerden, um die richtigen Antworten zu finden. Ob mit oder ohne EU-Mitgliedschaft der Briten würden alle Europäer bei den meisten wirtschaftlichen und politischen Themen im selben Boot sitzen.

Verbündeter Deutschlands


Europaabgeordneter Markus Pieper (CDU) berichtete von unterschiedlichen Auffassungen in Brüssel, wie mit den Briten nun umgegangen werden soll. Für diejenigen, die sich eine stärkere europäische Integration wünschen, sei Großbritannien ohnehin ein "Störenfried" gewesen. Pieper bedauerte das Austritt-Votum. Großbritannien sei für Deutschland ein Verbündeter im Kampf für freien und fairen Wettbewerb. Ohne die Briten sei das TTIP-Freihandelsabkommen mit den USA in Gefahr. "Ein Desaster für exportorientierte Unternehmen."

Piepers Prognose lautet, dass Großbritannien in zwei Jahren noch EU-Mitglied ist - und vielleicht noch länger. Die Europäische Union vergleicht er mit einem Rührei aus 28 Eiern, aus dem ein Ei nun mühsam wieder herausgefieselt werden muss. Er kann sich sogar ein zweites Referendum über den Verbleib in der EU vorstellen, falls London den Brexit-Vertrag zur Abstimmung vorlegt.

"Privilegierte Partnerschaft"


Ganz so weit will Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London, nicht gehen. Eine britische EU-Mitgliedschaft ist seiner Meinung nach dem Brexit-Votum nicht zu vermitteln. Er geht davon aus, dass es zu einer "privilegierten Partnerschaft" kommt, die die Handels-Freizügigkeit erhält, aber die Forderung nach weniger Einwanderung durch EU-Bürger berücksichtigt. "Die Briten haben früh die Grenzen für die Osteuropäer geöffnet und sich an alle Richtlinien gehalten", warb Hoppe für Verständnis für die britische Seite.

Wie positiv sich die EU-Mitgliedschaft auf die britische Autoindustrie ausgewirkt hat, erläuterte Thomas Becker, Leiter des Bereichs für Politik und Außenbeziehungen bei BMW. Nachdem die Branche in den 1970er Jahren in Trümmern lag, hätten sich nach dem EU-Beitritt Autokonzerne wie Toyota oder Ford angesiedelt - weil sie sich den Zugang zum Binnenmarkt sicherten. Die Gleichung sei simpel: "Natürlich profitiert man von einem Binnenmarkt mit 300 Millionen Einwohnern mehr als von einem mit 60 Millionen Menschen."
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