So viele Lehrstellen wie noch nie unbesetzt
Jugendliche haben die Wahl

Egal ob im Handwerk (Foto) oder im Handel: Auch in der Oberpfalz gibt es kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres noch Hunderte freie Lehrstellen. Archivbild: dpa
Wirtschaft
Regensburg
26.08.2016
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Die Jugend kann bei der Entscheidung für einen Ausbildungsberuf wählerisch sein. Auf jeden Bewerber in der Oberpfalz kommen mindestens 1,7 freie Lehrstellen. Im Handwerk sind 259 Ausbildungsplätze unbesetzt, in Industrie und Handel sogar 667. Angesichts des Nachwuchsmangels werben viele Firmen mit attraktiven "Bonbons".

Mit 3620 Lehrverträgen zum 31. Juli weist die IHK ein Minus von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat aus. "Der Rückgang fällt nicht so schwerwiegend aus wie befürchtet", tröstet sich Ralf Kohl, IHK-Bereichsleiter Berufsbildung; er hofft bis zum Jahresende auf rund 5000 Verträge in der Oberpfalz (mit Landkreis Kelheim). Kohl führt die Demografie und den Wunsch der Jugend nach höherer Schulbildung und Studium als Grund für den Schwund an.

Mit einer "Azubi-Ebbe" hadern Hotellerie und Gastronomie, IT, Handel und Elektrobranche, aber auch neuerdings die jahrzehntelang stark nachgefragten Banken. Kohl: "Hier schlägt das Imageproblem durch. Bankkaufleute werden statt Finanzberater fast nur noch Verkäufer von Finanzprodukten bis hin zu Versicherungen." Deutlich fällt bei der IHK in Weiden die Abnahme von 180 auf heute 153 Lehrverträge aus; in der Stadt Amberg verringern sich die Ausbildungsverhältnisse nur marginal von 221 auf 217 um 1,8 Prozent.

Smartphone und Grillabend


Gegenüber unserer Zeitung berichtet IHK-Bereichsleiter Kohl von "besseren Paketen" für die Azubi. Dieser Gabentisch aus freiwilligen Leistungen und kräftigem Eigen-Marketing wird dem Vernehmen nach gedeckt mit Autoführerschein, Smartphone, Outdoor-Training, Kennenlern-Wochenenden, Grillabenden, Fortbildung, flexible Arbeitszeiten und -modellen - natürlich alles auf Firmenkosten. "Die Work-Life-Balance muss stimmen", bekräftigt Kohl.

"Wir bekommen zu wenig junge Leute und könnten viel mehr einstellen", beschreibt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayer/Oberpfalz, die Lage. Der winzige Verlust von 26 auf 2331 neue Ausbildungsverträge ist freilich nach Informationen unserer Zeitung zum nicht geringen Teil einer "Bereinigung" der Statistik geschuldet. In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge im ostbayerischen Handwerk um rund 20 Prozent. "Fachkräfte im Oberpfälzer Handwerk sind heute gefragt wie selten zuvor", betont Schmidt. Neben Bäckern, Metzgern und Verkäufern gebe es selbst bei früheren Lieblingsberufen wie Kfz-Mechatroniker noch freie Plätze. Schmidt spricht von einem "Bewerbermarkt": "Die Betriebe lassen sich was einfallen."

Sieben Prozent Abiturienten


Offene Stellen gibt es vor allem für Anlagenmechaniker Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik, Metallbauer, Maurer und Zimmerer. Schmidt freut sich, "dass die berufliche Bildung wieder an Wertschätzung gewinnt". Das Handwerk in Ostbayern verzeichne mit 32 Prozent einen steigenden Anteil an Lehrlingen mit mittlerer Reife. Der Part der Abiturienten liegt bei über sieben Prozent. Hans Schmidt: "Das Geschäft boomt, die Jugend hat alle Chancen." Aber das Handwerk stehe im Wettbewerb mit vielen "Playern" u.a. auch Polizei und Bundeswehr.

In der Oberpfalz Auszubildende aus 90 LändernDie Internationalisierung der Ausbildung ist schon längst in der Oberpfalz angekommen. Die IHK zählt insgesamt 469 Azubi mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft - aus etwa 90 Ländern, mit Schwerpunkt Türkei und Osteuropa. Diese Entwicklung bestätigt IHK-Bereichsleiter Ralf Kohl unserer Zeitung. Darunter sind etwa 80 Auszubildende aus "Flucht-typischen Ländern" wie Eritrea, Afghanistan, Somalia oder Syrien. Kohl rechnet damit, dass die Asylbewerber und Flüchtlinge frühestens Ende 2016 bzw. Anfang 2017 in den Ausbildungsmarkt stoßen.

Für die Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz räumt stellvertretender Hauptgeschäftsführer Hans Schmidt ein, "dass sich die Erwartungen bisher nicht erfüllt haben, mit Migranten den Fachkräftemangel zu beheben".

Trotz 200 bestehender Lehrverhältnisse mit Asylbewerbern und "vieler positiver Beispiele" verweist Schmidt darauf, dass weniger als zehn Prozent von ihnen nach zwei Jahren in den sogenannten "Berufs-Integrationsklassen" ausbildungsfähig seien: "Das ist ein langer, mühsamer Weg." Bei einem beträchtlichen Teil der Flüchtlinge handle es sich um Analphabeten. "Sie zu qualifizieren, kostet Zeit und braucht einen erheblichen Aufwand." Um die hohen Anforderungen zu meistern, müssten die Migranten unbedingt die deutsche Sprache beherrschen.

"Enorm wichtig ist ebenso die Akzeptanz unserer Kultur und Arbeits-Mentalität." Schließlich seien die Arbeitsabläufe in Deutschland "effizient durchgetaktet". Hans Schmidt: "Wir müssen unsere Qualitätsstandards nicht an diese neue Zielgruppe anpassen - dies muss umgekehrt geschehen." (cf)


Die Work-Life-Balance muss stimmen.Ralf Kohl, Bereichsleiter berufliche Bildung der IHK


Das Geschäft boomt, die Jugend hat alle Chancen.Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz
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