Gaffen, bis der Arzt kommt - Offener Brief des Feuerwehrkommandanten aus Reuth bei Erbendorf
Schaulustige überrennen Unfallort

Symbolbild: dpa
Vermischtes
Reuth bei Erbendorf
31.08.2016
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Kommandant Uli Stengl. Bild: hfz

Retten, Löschen, Bergen, Schützen sind die Aufgaben der Feuerwehr. Schaulustige in Zaum halten gehört eigentlich nicht dazu, ist aber immer öfter notwendig. So auch bei einem Unfall am Sonntag. Uli Stengl, Kommandant der Feuerwehr Reuth bei Erbendorf, startet einen Appell an die Vernunft.

Ein Szenario, wie es leider regelmäßig der Fall ist: Am Sonntagabend stießen auf der B 299 an der Kreuzung bei Reuth ein Seat und ein Golf zusammen (wir berichteten). Bei dem Unfall trugen drei Menschen zum Teil schwere Verletzungen davon. Die Feuerwehr Reuth wurde nachalarmiert, doch als die Retter ankamen, trauten sie ihren Augen nicht. Denn der Unfallort wurde regelrecht überrannt von Schaulustigen.

Aufruf an die Menschen


Feuerwehrkommandant Stengl war entsetzt über diese Situation und hat einen offenen Brief an alle Bürger auf der Facebook-Seite der Feuerwehr Reuth veröffentlicht. Denn für die Feuerwehr und die anderen Rettungskräfte sei es eine Herzensangelegenheit, auf dieses Problem aufmerksam zu machen. "Schon bei der Anfahrt hat man gesehen, wie die Leute aus allen Richtungen hinpilgern", erzählt Stengl. Sogar auf abgelegenen Feldwegen seien Anwohner aufgetaucht. Das Schlimmste an der Sache: Etliche hatten sogar ihre Kinder im Schlepptau. Darüber kann Stengl nur verständnislos den Kopf schütteln. "Es war der reine Wahnsinn."

Die Kinder seien bei der Versorgung der Unfallopfer in der ersten Reihe gestanden. "Ich musste den schwerverletzten Mann direkt an den Kindern vorbei zum Rettungshubschrauber tragen." Ein Anblick, der wirklich nicht für Kinderaugen bestimmt ist. Die Feuerwehrleute waren schwer damit beschäftigt, die Opfer vor den Blicken der gaffenden Zuschauer zu schützen. "Wir haben versucht, die Unfallopfer mit Decken abzuschirmen. Außerdem musste ich zwei bis drei Leute abstellen, um die Brücke abzusperren."

Einfach nur traurig


Das Problem ist für Rettungskräfte nicht neu, immer wieder kommt es zu Behinderungen durch Schaulustige. Aber in diesem Ausmaß hat es Stengl selbst noch nicht erlebt. "Manchmal werden Feuerwehrleute sogar angestritten, wenn sie zum Beispiel eine Straße absperren. Aber immerhin geht es hier um Menschenleben. Das Ganze ist einfach nur traurig."

Offener Brief an die Bevölkerung"Liebe Bürgerinnen und Bürger,

aus gegebenem Anlass möchte ich persönlich wieder einmal darauf hinweisen, dass wir Einsatzkräfte bei einem Ernstfall weitaus Wichtigeres zu tun haben, als Schaulustige, die plötzlich und unvermittelt aus allen Himmelsrichtungen hervorströmen, vom Unfallort fernzuhalten, um somit die Privatsphäre der schwerverletzten beteiligten Unfallopfer zu schützen!

Weiter kann ich mit gesundem Menschenverstand keineswegs nachvollziehen, warum hier zum Teil sogar Kleinkinder mit zur Unfallstelle gezerrt werden. Wie gesagt - es handelt sind hier meist um schwerstverletzte Personen - im schlimmsten Fall vielleicht sogar um Tote - diesen Anblick möchte ich weder meinem noch irgendeinem anderen Kind zumuten müssen - auch keinem Erwachsenen!

Zumal weise ich auch darauf hin, dass den Einsatzkräften unbedingt Folge zu leisten ist und bei einer Totalsperre auch kein nebenan verlaufender Feldweg genutzt werden darf, um an anderer ,günstiger Stelle' in der Nähe der Unglücksstelle einzufahren, um ja nahe am Geschehen zu sein und seine Neugier und Schaulust zu befriedigen!

Solltet Ihr aktiv am Geschehen teilnehmen wollen, sind wir über jede(n) neue(n) aktive(n) Feuerwehrmann/Feuerwehrfrau sehr dankbar - meldet euch einfach bei uns!

Ich hoffe, hiermit einen kleinen Denkanstoß gegeben zu haben. Gerne bin ich zu einem persönlichen Gespräch bereit!

Feuerwehr Reuth bei Erbendorf,

Kommandant Uli Stengl"
1 Kommentar
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Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 06.09.2016 | 14:18  
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