Über Probleme beim Wiedereinstieg in die Berufswelt
Vollzeit-Mami mit Job

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Melanie Baier hat sich selbstständig gemacht. Die Mutter von zwei Kindern hatte es satt, nach einem kinderfreundlichen Job zu suchen. Jetzt näht sie Kleidung für Mädchen und Buben - wie die Leggings von Tochter Lea. Bild: spi
Vermischtes
Reuth bei Erbendorf
10.08.2016
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Es ist ein Balanceakt zwischen Familie und Arbeit. Melanie Baier aus Reuth kümmert sich daheim um ihre beiden kleinen Kinder, den Haushalt und geht wieder arbeiten. Die 24-Jährige hat sich selbstständig gemacht, weil sie in der Umgebung keinen familienfreundlichen Job findet. Mit dem Problem ist sie nicht allein.

Reuth/Weiden. Der Weg zurück in die Berufswelt nach der Geburt eines Kindes ist nicht einfach. "Es ist immer ein Spagat", beschreibt Baier ihre Situation als berufstätige Mutter. "Ich muss allem gerecht werden." Ohne den Ur-Opa ihrer Kinder wäre das nicht möglich. Mit ihm verbringen Tochter Lea (4) und Sohn Elias, der bald ein Jahr alt wird, viel Zeit. Schwiegermutter und Mutter greifen der jungen Frau ebenfalls unter die Arme, genau wie Ehemann Andreas. Er kümmert sich abends um die Kinder. Währenddessen kann Baier T-Shirts, Taschen und Leggings nähen. Die 24-Jährige hat sich selbstständig gemacht, "Crooked Seams" (schiefe Naht) heißt ihr Ein-Frau-Unternehmen. "Es ist ein großer Vorteil", meint sie. Wenn die Kinder abends im Bett sind, könne sie Aufträge abarbeiten. "Ich bin mein eigener Chef und nicht abhängig vom Amt."

Zuvor hatte Baier versucht, wieder in einem Unternehmen Fuß zu fassen. Gar nicht so einfach - mit zwei Kindern. Einen Teilzeitjob in der Nähe zu bekommen, war nicht möglich, bedauert Baier. Und die aktuellsten Zahlen geben ihr recht: Im Juni 2016 suchten im Bezirk der Agentur für Arbeit Weiden, zu dem die Stadt Weiden sowie die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth zählen, 945 von 2237 arbeitslosen Frauen eine Teilzeitarbeit. Laut Margot Salfetter von der Agentur für Arbeit eine hohe Zahl.

Arbeitszeiten schwierig


"Man muss erstmal einen Arbeitgeber finden, der eine Frau mit zwei Kindern nimmt. In der Umgebung hat man fast keine Chance", beklagt die 24-Jährige. Dass es am Land schwieriger ist, eine Teilzeit-Stelle zu finden, bestätigt auch Salfetter. Das große Problem seien die wenig familienfreundlichen Arbeitszeiten der Unternehmen. "Lea geht in den Kindergarten - von 8 Uhr bis12.30 Uhr", erzählt Baier. Viel Zeit dazwischen bleibe nicht. Erst recht nicht, wenn die Mutter für einen Job erst "nach Weiden gurken" müsse. Das rentiere sich für die Reutherin nicht.

Das Problem der nicht-kinderfreundlichen Arbeitszeiten kennt Salfetter nur zu gut. Sie ist Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und weiß: "Arbeitgeber müssen grundsätzlich familienfreundlicher werden". Einige Unternehmen würden zwar mittlerweile erkennen, dass sie umdenken müssen. Dennoch sei es "aber noch nicht bei allen angekommen".

Kindergärten könnten laut Salfetter zudem dabei helfen, dass Mütter wieder arbeiten gehen können. Wenn die Einrichtungen ab 6.30 Uhr offen hätten und Tagesmütter die Kinder betreuen würden, bis um 7.30 Uhr die Erzieherinnen kommen, hätten Mütter mehr Zeit, einem Beruf nachzugehen, meint sie. "Wenn Bedarf für Randzeitenbetreuung ist, können sich die Eltern an das Jugendamt oder die Kommune wenden", appelliert sie. Erst, wenn der Bedarf für Betreuung zu ungewöhnlichen Zeiten bekannt ist, könne auch etwas unternommen werden. Dass Frauen heutzutage eher arbeiten wollen, als früher, ist für Salfetter nachvollziehbar. "Sie haben viel Zeit ins Studium investiert."

Bald wieder einsteigen


Auch die Altersvorsorge sei wie bei Melanie Baier auch bei anderen arbeitssuchenden Müttern ein wichtiger Grund. "Wenn die Frauen länger arbeitslos sind, oder nur Minijobs ausüben, ist der Beitrag für die Rente viel geringer", informiert Salfetter. "Irgendwann müssen die Frauen versuchen, wieder in eine sozialversicherungspflichtige Arbeit reinzukommen." Gerade für Frauen, die lange daheim waren, sei es wichtig, mal das Rentenkonto anzuschauen und eine Beratung beim Rententräger einzuholen. Salfetter rät aber dazu, sobald wie möglich wieder in die Berufswelt einzusteigen. Egal, ob im alten Job, oder in einer ganz anderen Branche. Dadurch könne verhindert werden, dass Wissen verloren geht, und man verpasse nicht zu viel vom technischen Wandel.

Weiterbildung wichtig


Für Frauen, die sich bewusst die Zeit für die Erziehung nehmen, ist es "wichtig, sich weiterzubilden. Sie müssen Zeit investieren", erklärt Salfetter. "Wenn sie veraltete Kenntnisse haben, bringt es ihnen nichts. Dann nimmt der Arbeitgeber lieber jemanden, den er nicht einarbeiten muss."

Frauen am ArbeitsmarktNach aktuellem Stand der Agentur für Arbeit waren im Dezember 2015 im Bezirk Weiden, zu dem auch die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth zählen, 78 675 Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt: 57 744 in Vollzeit und 20 930 in Teilzeit. Davon arbeiteten 17 889 Frauen Vollzeit und 18 255 Teilzeit. Während bei den Männern 39 855 als Vollzeit- und nur 2675 als Teilzeitkraft beschäftigt waren. Die Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen zudem einen starken Anstieg der Teilzeit-Beschäftigungen bei Frauen zwischen den Jahren 2007 und 2015 im Bezirk. "Es finden aber nicht alle eine Stelle, die Teilzeit haben wollen", weiß Salfetter. (spi)


"Crooked Seams"Seit rund vier Jahren näht Melanie Baier aus Reuth selbst Kleidung und Taschen. Das Handwerk hat sie sich selbst beigebracht und ihre Firma "Crooked Seams" gegründet. Überwiegend stellt die 24-Jährige Kinderkleidung her - jeder Kunde bekommt dabei ein Unikat. "Ich nähe nie dasselbe Teil zweimal." (spi)
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