70 Jahre "Der neue Tag": Hubert Söllner als Freier Mitarbeiter unterwegs
Kraft schöpfen als rasender Reporter

Hubert Söllner ist seit vielen Jahren freier Mitarbeiter für die "Amberger Zeitung". Mit Leidenschaft berichtet der 77-Jährige vor allem aus den Vilstalgemeinden Rieden und Ensdorf. Bild: Steinbacher
Vermischtes
Rieden
31.05.2016
175
0

Hubert Söllner (77) kam zum Reporter-Job wie die Jungfrau zum Kind - oder besser: wie der Schwan zum Boot. Aus einer Plättenfahrt auf der Vils ist eine echte journalistische Leidenschaft geworden.

Hätte er seine nagelneue Digitalkamera nicht dabeigehabt, damals bei dieser Bootstour, wäre nix draus geworden. Da ist sich Hubert Söllner aus Rieden (Kreis Amberg-Sulzbach) sicher. Doch als der wildgewordene Schwan fauchend vor Wut auf die Plätte losging, auf der es sich kurz vorher der damalige Bundestagsabgeordnete Reinhold Strobl gemütlich gemacht hatte, zückte er den Fotoapparat und drückte ab. Das Bild war der Hingucker am nächsten Tag in der "Amberger Zeitung" - und die Karriere des Riedener Urgesteins als freier Mitarbeiter des Medienhauses begann.

Notizblock und Kamera


Heute ist Hubert Söllner überall dort in den Gemeinden Ensdorf und Rieden unterwegs, wo die Musik spielt. Mit einem Notizblock in der Hand und der Kamera um den Hals. "Es macht mir Spaß, für die Zeitungsleser zu berichten, was in meinen Heimatdörfern so alles los ist", sagt er. Mit seinen Artikeln unter dem Kürzel (sön) liefert der 77-Jährige Lesefutter - nicht nur für die Bewohner des Vilstals. Die vielen Sommerfeste begleitet er genauso wie die Weihnachtsmärkte, die Aktivitäten rund um das Salesianerkloster in Ensdorf und die Geschehnisse in den Pfarrgemeinden. Genauso das Kinder-Ferienprogramm, aber auch Parteiveranstaltungen.

So ganz branchenfremd war Söllner nie. Er hatte bereits 1952 als Schriftsetzer bei der "Amberger Zeitung" angefangen. Zu einer Zeit, als für jedes einzelne Wort auf einer Zeitungsseite noch Bleibuchstaben aneinandergesetzt wurden. "Geschrieben habe ich aber erst viel später", erzählt er. Der gebürtige Amberger zog 1980 nach Rieden. Und obwohl er ein "Zougroista" ist, steht er exemplarisch für so viele Reporter draußen in den Städten und Gemeinden der nördlichen Oberpfalz: in seinem Heimatort verwurzelt, multi-talentiert, vielfach interessiert und überall dabei. "Bereits ein Jahr, nachdem ich nach Rieden gezogen bin, bin ich Mitglied bei den Vilstalschnupfern geworden." Der Fußballclub, die Feuerwehr, der VdK, die Vilstalschützen - sie und noch viele andere Vereine können auf die Unterstützung des rasenden Reporters bauen.

Ich war 55 Jahre verheiratet. Ich bin abends nicht gerne alleine. Da bin ich froh, dass ich als Reporter unter die Leute komm'.Hubert Söllner

"Ich möchte diese Arbeit nach wie vor nicht missen", erklärt er. Nur die zunehmende Schnelllebigkeit macht ihm Sorgen. "Die Leute kommen oft erst kurz vorher, um mich zu einer Veranstaltung einzuladen. Das geht mir dann zu schnell. Das mache ich nicht mehr mit", sagt er und fügt augenzwinkernd an: "Ich bin älter geworden, und da darf ich manchmal auch ein bisschen sturer sein." Dennoch gehört der 77-Jährige zu den eher flinken Schreibern. Kaum hat der Bürgermeister beim Vilstalfest das erste Fass angezapft, trifft in der Redaktion auch schon das Bild vom spritzenden Bier ein.

Unter den Leuten


Söllner hat eine schwere Zeit hinter sich. Fünf Jahre lang, bis zu ihrem Tod im November 2015, pflegte er seine Frau, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Das Schreiben für die Zeitung gibt ihm Kraft. "Ich war 55 Jahre verheiratet. Ich bin abends nicht gerne alleine", sagt er. "Da bin ich froh, dass ich als Reporter unter die Leute komm'."

Studie über freie MitarbeiterSie sind die Könige des Ehrenamts, die freien Mitarbeiter unserer Zeitung. Sie sind es, die in ihren Heimatstädten und -dörfern das gesellschaftliche Leben prägen und gestalten: als Chefs von Sport- und Schützenvereinen, als Feuerwehrkommandanten, Vorsitzende von Frauenbund oder Kriegervereinen, Pfarrgemeinderäte, Leiter von Jugendgruppen und öffentlichen Einrichtungen.

Multi-Talente

Eine wissenschaftliche Befragung der mehr als 400 freien Mitarbeiter der "Amberger Zeitung" aus dem Sommer 2002 liefert dazu erstaunliche Zahlen: Im Durchschnitt bekleidet jeder freie Mitarbeiter der Zeitung zwei Ehrenämter bei Vereinen oder öffentlichen Institutionen. Nur 12 Prozent der Befragten hatte damals angegeben, keine solche Funktion auszuüben. Dafür bekannten 35 Prozent, drei und mehr Ehrenämter zu erfüllen. "Der Höchstwert bei einem Befragten liegt bei acht Ämtern", heißt es in der Studie, die am Institut für Kommunikationswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität in München entstanden ist. "Ein freier Mitarbeiter ist Vorsitzender von sogar vier verschiedenen Vereinen", stellte sich ebenfalls heraus.

Heimat-Liebhaber

Ein Markenzeichen, das allen freien Mitarbeitern anheftet, ist die Heimatliebe. Auch das ist wissenschaftlich belegt. Mehr als die Hälfte der Reporter lebte seit der Geburt in ihrem Heimatort. 84,3 Prozent gaben an, dass ihr Wohnort zugleich ihren kulturellen und gesellschaftlichen Lebensmittelpunkt darstellt. "Dies entspricht soziologischen Untersuchungen über Identität, in denen sich zeigt, dass sich Bewohner von ländlichen Regionen stärker als Bewohner von Ballungszentren mit ihrem Heimatraum identifizieren", heißt es in der Studie weiter. Und wer einmal die Tätigkeit als freier Mitarbeiter aufgenommen hat, der gibt sie so schnell nicht mehr auf. Die Reporter waren im Durchschnitt schon seit 14 Jahren für die Zeitung auf Achse. Mehr als die Hälfte der Befragten übte diese Tätigkeit bereits länger als 11 Jahre aus.

Familienmenschen

Das Musterexemplar des freien Mitarbeiters der "Amberger Zeitung" war männlich, zwischen 40 und 49 Jahre alt, verheiratet, hatte zwei Kinder und war entweder der Berufsgruppe der Angestellten oder der Beamten zuzuordnen. Die Männer dominieren die Gruppe der freien Mitarbeiter mit 76 Prozent deutlich. Die meisten waren verheiratet (68 Prozent), und 70 Prozent hatten mindestens ein Kind.

Glücksbringer

Freie Mitarbeiter sind Überzeugungstäter und gewinnen aus ihrer Tätigkeit vor allem soziale Anerkennung. Statements aus den offenen Fragen untermauern das. "Interessante Arbeit, weil ich vieles kennenlerne", schrieb einer. "Ich schreibe nebenbei, um am Ball zu bleiben", bekannte ein anderer. "Oft ist es gar nicht leicht, nach getaner Arbeit zu schreiben. Es macht aber Freude, wenn dann der Artikel mit einer passenden Überschrift kommt. Das ist der Lohn." (upl)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.