Glutenfrei glücklich

Kerstin Haid backt Brot und Kuchen selbst - alles ohne Gluten. Die verheiratete Mutter von drei Kindern organisiert Treffen von Zöliakiekranken in Weiden und der Region. Nun wird sie dafür von einer Dachorganisation zur offiziellen Kontaktperson ausgebildet. Haid hat auch mit angeschoben, dass die Bayreuther Selbsthilfegruppe um Weiden erweitert wird. Bild: Götz
Lokales
Schirmitz
08.05.2015
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Sie nennen sich "Zölis". Nein, nicht katholische Priester, die sich für Ehelosigkeit entschieden haben. Auch nicht Trendsetter, die sich zeitgeistig ein Leiden einbilden, das sie gar nicht haben. Echte "Zölis" müssen peinlich genau aufpassen, was sie essen. In der Region haben sie nun eine neue Anlaufstelle.

Kerstin Haid ist 41 Jahre alt. Bis vor etwa sieben Jahren fühlte sie sich gesund. Dann hatte sie ständig Bauchschmerzen, Verstopfung und Augenringe. Zudem nahm sie zehn Kilo ab, fühlte sich schlapp und müde. Ein Bluttest und eine Darmbiopsie brachten Gewissheit: Die Schirmitzerin leidet an Zöliakie, zu deutsch Glutenunverträglichkeit.

Damit ist eine ganze Latte an herkömmlichen Lebensmitteln für immer tabu: Mehl, Nudeln, Kuchen, Pizza, Knödel, Kekse, Brot - eben alles, was das Klebereiweiß Gluten enthält. Das greift bei Zöliakie-Kranken die Darmschleimhaut an. Die Folge: Der Körper kann nicht mehr genügend Nährstoffe aufnehmen.

Über einen Arzt kam Kerstin Haid zur Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG). Der Verein hält nicht nur jede Menge Infomaterial bereit, unter seinem Dach sind auch etliche Selbsthilfegruppen organisiert. Weiden war dabei stets ein Ableger der Bayreuther Gruppe. Die ist nun erweitert worden. Seit Montag heißt sie "Zöliakie-Selbsthilfegruppe Bayreuth-Hof-Weiden". Haid will sich offiziell zur Weidener Kontaktperson ausbilden lassen. Das Ehrenamt heißt, Gesprächskreise leiten, Treffen organisieren, Ernährungstipps geben und Rezepte sammeln. Das macht die Schirmitzerin ohnehin schon. "Wir ,Zölis' sind ein ganz lustiger Haufen", sagt sie über den etwa zehnköpfigen harten Kern aus der Nordoberpfalz, der sich mal in Kemnath, mal in Tirschenreuth oder in Weiden zum Essen trifft. Vorausgesetzt die Küche richtet sich nach ihm.

So wie Lisa Bauer vom Gasthaus "Zum roten Ochsen" in Schirmitz. "Die macht das super. Sie verwendet glutenfreies Paniermehl für Schnitzel und weiß, was geht und was nicht", schwärmt Haid. Sie hat aber auch schon das Gegenteil erlebt. Ein Wirt in Weiden, bei dem sie Nudeln oder Pizza ohne die hinterhältigen Eiweiße verlangt hat, empfahl ihr, doch lieber zu Hause zu essen. Nun fahren die "Zölis" für eine glutenfreie Pizza nach Regensburg. "Wenn es das in Weiden mal gäbe - das wäre ein Traum."

Keine Stäubchen Mehl

Unkomplizierte Gäste sind "Zölis" nicht, wenn der Koch nicht darauf vorbereitet ist, bedauert Haid: "Er kann mir kein Steak in einer Pfanne braten, in der vorher ein paniertes Schnitzel lag."

Wo sich Spuren von Weizen oder Roggen tummeln, müssen "Zölis" in Deckung gehen. Daher musste Haid ihren Beruf als Bäckereifachverkäuferin aufgeben. "Obwohl ich ihn geliebt habe." Heute arbeitet sie an der Kasse bei einem Lebensmittelmarkt in Weiden. Abgesehen davon, dass auch die Bratwurst verboten sein könnte, wenn sie ein paar Semmelbrösel enthält, müssen Patienten nicht nur mit Bedauern, sondern auch mit Vorurteilen rechnen.

Denn "glutenfrei" ist auch eine Mode. Miley Cyrus, Gwyneth Paltrow und viele andere aus Hollywood haben das Klebereiweiß zu Teufelszeug erklärt, nicht zuletzt um schlank zu bleiben. Unglamouröse Normalbürger kopieren diesen Trend und bilden sich bei einer Magenverstimmung gleich Glutenunverträglichkeit ein. Das ärgert die DZG, denn Zöliakiekranke leiden unter den Hysterikern. Schätzungen gehen von allerhöchstens ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus, die lebenslang aufpassen müssen.

Mitläufer statt Kranke

Da nun immer mehr Kerngesunde auf Glutenfreiheit pochen, kommen auch die ernsthaft Kranken in Verruf, klagt eine Sprecherin der DZG: "Wir müssen befürchten, dass wir nicht mehr ernst genommen werden." Kerstin Haid kennt solche Situationen. "Ich habe es schon erlebt, dass der Koch gedacht hat, wieder so eine Spinnerte. Der hat mir dann normale statt glutenfreie Pommes mit Ketchup vorgesetzt, und ich kam zwei Stunden nicht vom Klo runter." Auf der anderen Seite habe der Hype auch seine guten Seiten. "Dadurch wird für ,Zölis' die Produktpalette immer größer."

Das treibt bisweilen komische Blüten. So prangt inzwischen auf Mineralwasserflaschen und Schokolade das Etikett "glutenfrei", was ungefähr so sinnig wie "fleischlos" klingt. Apropos: Auch Katzenfutterpackungen tragen inzwischen das Zauberwort, das eigentlich Zöliakiekranke warnen sollte.
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