Schmidmühlener Josef Fertsch gibt nach seinem 90.Geburtstag seinen Vorsitz ab
Fast 70 Jahre im VdK-Vorstand

Wenn er erzählt und seine Schätze aus den Alben holt, dann hat Josef Fertsch für jedes einzelne Bild eine meist lustige Geschichte parat - das kann auch mitunter schwarzer Humor sein. Bilder: Huber (3)
Freizeit
Schmidmühlen
20.03.2016
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Mit 18 war er zwar noch nicht volljährig, aber fast dem Tod geweiht. In Monte Cassino hatte er einen heftigen Bauchschuss abbekommen. Doch Josef Fertsch war und ist zäh - der Schmidmühlener überlebte. Und gleich nach dem Krieg gründete er in seinem Heimatort den Ortsverband der Kriegsopfer (VdK), dessen Bundesverband erst 1950 entstand. Fertsch indes war fast 70 Jahre beim VdK im Ehrenamt in Verantwortung.

Von Erich Lobenhofer

Der Schatz seiner Erinnerungen ist fast schon unheimlich groß. Am Stephani-Tag 2015 (26. Dezember) hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert und wenige Wochen später den VdK-Vorsitz in die jüngeren Hände von Karl Bauer abgegeben. Bei der Gründung des Ortsverbandes war Fertsch Kassier. "Da wurde nicht lange geredet", plaudert er aus dem Nähkästchen. "Da hieß es einfach, du machst den Vorsitzenden, du den Schriftführer, du den Kassier und du den Beisitzer." Damit stand das erste Vorstandsgremium eines Ortsverbands, dem in seiner Hochphase rund 370 Mitglieder angehörten.

"Von jedem ein Markl"


Und Josef Fertsch zählte von Anbeginn zur Führungsmannschaft in unterschiedlichsten Funktionen, darunter 25 Jahre als Vorsitzender. Wenn er an die Zeit denkt, in der er die Hand auf den Finanzen hatte, schmunzelt er: "Da bin ich jeden Monat mit dem Radl rumgefahren und hab' von jedem ein Markl kassiert. Da gab's noch keinen Bankeinzug." Und als Beleg dafür, dass der Mitgliedsbeitrag wirklich ordnungsgemäß entrichtet war, diente eine Klebemarke. Sein eigenes Bücherl aus der Startphase hat Josef Fertsch noch heute. Da steht als Beitrittsdatum der 1. Juni 1947 drin. "Doch gegründet haben wir den Ortsverband schon davor im Mai. In der Brauerei Schmid in Schmidmühlen."

Heute, so bedauert der rüstige Rentner, wisse er nur noch von einer Kriegerwitwe, die aus dieser Zeit neben ihm noch am Leben ist. Dabei habe es um ihn am 26. Mai 1944 nach einem schweren Bauchschuss bei Monte Cassino gar nicht mehr gut ausgesehen. Auch die Ärzte hatten am Anfang wenig Hoffnung. Und so magerte Fertsch bis auf 33 Kilo ab: "Der Schuss war vorne rein und hinten rausgegangen. Innen hat er den ganzen Bauchraum zerfetzt."

Doch Josef Fertsch erwies sich als zäher Bursch, den sie im Lazarett ob seines Alters "Bubi" nannten. Und als er schließlich nach Schmidmühlen zurückkehrte, da kannte ihn seine eigene Mutter nicht mehr: "Ich hatte einen Bart und ein verschrammtes Gesicht." Erst als sich beide umarmten, sei der Mutter bewusst geworden, dass ihr Sohn die Kriegswirren überlebt hatte, wenn auch schwer geschunden - mit Zwischenstationen in Schnaitheim bei Heidenheim, Budweis und Bad Kreuznach.

In Kreuznach war der junge Mann in amerikanischer Kriegsgefangenschaft: "Das war ein Hungerlager. Da gab's nichts zu essen und zu trinken." Und wenn Gefangene in ihrer Not versuchten, an Löwenzahn zum Verzehr heranzukommen, dann verfingen sie sich im Stacheldrahtgeflecht.

Unterkriegen aber ließ sich Josef Fertsch auch in den Jahren danach nicht. Er übte den erlernten Schneiderberuf aus, zunächst bei einem Meister, später als Selbstständiger. Mit Anfang 50 wurde er schließlich Frührentner. Emma, seine erste Frau, heiratete er 1957 und hatte mit ihr drei Kinder.

Einer der Söhne wohnt in Sulzbach-Rosenberg, der zweite in Teunz bei Oberviechtach und die Tochter in Kareth-Lappersdorf. Fertschs erste Frau erlag im Februar 1992 den Folgen eines Unfalls: Sie war in Schwandorf von einem Auto angefahren worden.

Noy aus Thailand


Des Alleinseins überdrüssig, trat Josef Fertsch am 4. September 2002 noch einmal vor den Traualtar. Er ging die Ehe mit Noy aus Thailand ein, die er in einem Café im Regensburger Einkaufszentrum kennengelernt hat. Dass sie deutlich jünger als er ist, macht Josef Fertsch nichts aus: "Da bleibt man selber jünger."

Aufs Altenteil zurückgezogen hat er sich freilich als VdK-Vorsitzender: "Dennoch rufen noch immer Leute an, die sich Rat, Hilfe und Auskunft erbitten."

Für diese Klientel - heute keine Kriegsopfer oder Kriegerwitwen, sondern Zuckerkranke, Schlaganfallpatienten, Unfallgeschädigte - hat Josef Fertsch die Telefonnummern kompetenter Ansprechpartner parat, die er gerne weitergibt.

Mutters RosenkranzDass er heute noch lebt, hat er dem Durchhaltevermögen und der Frömmigkeit seiner Mutter zu verdanken. Dessen ist sich Josef Fertsch über 70 Jahre später absolut sicher: "Als sie von meiner schweren Verwundung erfuhr, hat sie sich jeden Tag auf den blanken Boden in der Stube hingekniet und mit erhobenen Händen jedesmal den kompletten Rosenkranz gebetet. Und das, glaube ich, hat geholfen." (ben)


Der SchafkopferSchafkopfen ist die große Leidenschaft von Josef Fertsch: "Jeden Dienstag ab 18 Uhr karteln wir im Goldenen Lamm in Schmidmühlen." Der gelernte Schneider ist dabei mit Abstand der Älteste in der Vierer-Runde. Die Besetzung habe im Laufe der Jahre immer wieder gewechselt, "weil welche weggestorben sind". Übrigens: Schafkopf hat Fertsch schon in der ersten Schulklasse gespielt: "damals um Pfennige". (ben)
Da hieß es einfach, du machst den Vorsitzenden, du den Schriftführer, du den Kassier und du den Beisitzer.Josef Fertsch, lange Jahre Vorsitzender des VdK in Schmidmühlen
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