Schmidmühlen pflegt einen der ältesten Fastenbräuche
Fischzug ist Ehrensache

Der älteste aller Fischzüge in der Region ist der Schmidmühlener. Dort ist man stolz auf diese Tradition. Und auch auf die Laterne, die den Marsch der schweigenden Schwarzbefrackten anführt. Das Original ist 1955 beim Fischzug kaputtgegangen. Doch der Luschmann Sepp hat als Lehrling des Biermichl-Schreiners für Ersatz gesorgt: Einen ganzen Tag hat er damals hingearbeitet. Bild: Wolfgang Steinbacher
Kultur
Schmidmühlen
10.02.2016
1866
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Elf Wirtshäuser. In jedem gibt es Freibier. Und das wird ausgetrunken. Eine Frage der Ehre. Wie auch der ganze Schmidmühlener Fischzug Ehrensache ist. Als ältester im Landkreis. Und als einer der ältesten Fasten-Brauchtümer in der Region überhaupt.

Schmidmühlen hält seine Traditionen hoch - schließlich hat es besonders viele davon. Darunter einige, die es nur hier gibt. Deshalb zögerte Thomas Wagner auch nicht, als ihm sein Vorgänger Ernst Wein das Amt des Zeremonienmeisters beim Fischzug anbot. "Ich habe gleich Ja gesagt", erinnert sich der ehemalige Schmidmühlener Faschingsprinz: "Das ist schon eine Ehre."

Damit hat er seit 2010 das Sagen im Zug der schweigenden Schwarzbefrackten. Bevor sie losmarschieren, am Aschermittwoch "um oans beim Ochsenwirt", sagt der Zeremonienmeister, wo's lang geht: Immer nur links. Und mucksmäuschenstill. Das verlangt unterwegs eine gewisse Standhaftigkeit. Die die Zuschauer gerne auf die Probe stellen - durch provozierende Fragen. Wer in die Falle tappt und antwortet, zahlt fünf Euro Strafe, wie auch für manch anderes Vergehen.

Einem der Stammteilnehmer, der seit 40 Jahren dabei ist, ist das egal. Er mag einfach keinen Fisch. Und büßt deshalb gerne mit fünf Euro dafür, dass er sich lieber ein Käsebrot bestellt. Das mit dem Essen ist wichtig, weiß Thomas Wagner - damit verträgt man das Bier besser. Wobei das gar nicht so schlimm ist, wie man vermuten könnte: "Jeder trinkt, was er verträgt", erklärt der Zeremonienmeister. Gezwungen wird keiner. Und es gibt auch nicht in jedem Wirtshaus ein eigenes Bier für jeden. Fischzug ist Gemeinschaftssache. Auch beim Trinken. Der Wirt stellt so viele Maß auf den Tisch, wie er oder jemand anderer spendieren will. Und die werden mit vereinten Kräften geleert. Geübte Teilnehmer kaufen sich danach beim Brot- und Fischmeister einen Happen - und sind bereit für die nächste Station.

21 waren es einmal. Heute sind es noch elf. Wirtshäuser und Vereinsheime. Auf wie viele Liter die Fischzügler am Ende kommen, hängt davon ab, wie viele Lokale und wie viele Teilnehmer dabei sind. Früher waren es schon mal 500 Maß. Mal auch nur 295. Oder 380 wie im vergangenen Jahr. Ausgefallen ist der Marsch übrigens nur ein einziges Mal, sagt Wagner stolz. "Ende der 60er-Jahre haben sie abbrechen müssen - weil sie zu wenig Leute waren." Zu wenig Leute für zu viel Bier. "Nach dem zweiten Wirtshaus haben sie aufgegeben, weil sie eingesehen haben, es geht nicht." Nicht genug Teilnehmer - seitdem gab es das nicht mehr. 60 bis 80 Leute gehen jedes Jahr mit, davon viele ehemalige Schmidmühlener, die inzwischen andernorts leben und extra für den Fischzug zurückkehren.

Einige haben inzwischen schon über 50 Touren auf dem Buckel. Wagners Vorgänger Ernst Wein ist einer von ihnen. Als 17-Jähriger erlebte er seinen ersten Fischzug. Mit 70 ist er immer noch dabei, wenn auch nicht mehr auf der kompletten Tour. Damit entgeht ihm allerdings der Abschluss: Geldbeuteleingraben und um Mitternacht sauere Lunge im Trachtenheim. Dazu darf man dann auch ein Spezi trinken. Ganz ungestraft.



Fastenzeit beginntFür das Partyvolk ist die Zäsur am Aschermittwoch nicht so groß: Der Fasching geht ja nahtlos in die Bockbierzeit über. Schon für das bevorstehende Wochenende laden etliche Amberger Wirte zur weiß-blauen Gaudi rund um den dunklen Gerstensaft ein. Doch der Kult um das Starkbier hat seinen Ursprung in der Fastenzeit der Christen.

Seit Jahrhunderten nutzen die Gläubigen die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Karsamstag, um innere Ruhe zu finden und sich auf die wesentlichen Fragen des Lebens zu konzentrieren. "Es geht nicht so sehr um Einschränkungen beim Essen oder Trinken", sagt der Amberger Stadtpfarrer Franz Meiler. "Vielmehr geht es um einen Verzicht, der einen zum Denken herausfordert."

Der Pfarrer von St. Martin erinnert daran, dass Mäßigkeit eine der vier Kardinaltugenden sei. "Leider ist diese Tugend, die Fähigkeit, Verzicht zu üben, vielen Menschen abhanden gekommen." Der Anspruch, auf nichts verzichten zu müssen, sei gar zu einem Dogma erhoben worden. Dabei sei es doch eine wahre Wohltat für Körper und Seele, manchmal einen Gang zurückzuschalten. Meiler wirbt dafür, das Fasten positiv zu sehen. "Die Frage lautet nicht: Was darf ich nicht tun? Sondern: Was kann ich tun?", betont er.

Ein Ansatz könne der berühmte Leitgedanke der Heiligen Theresia von Lisieux sein - zu versuchen, "das Gewöhnliche außergewöhnlich zu tun". Auch das bewusste Aufeinanderzugehen könne eine Form des Fastens sein. Oder der Verzicht auf Tratsch. Meiler erinnert sich dabei immer wieder gern an das, was ihm der ehemalige Regensburger Domprediger Michael Grünwald bei der Versetzung nach Amberg mit auf den Weg gab. "Er hat gesagt: ,Lass das Böse bei dir enden'." Die Worte seien ein starkes Vermächtnis - gerade für die Fastenzeit. (upl)


Drei Fragen an den ZeremonienmeisterWie geht es Ihnen eigentlich am Tag danach?

Wagner: Früher ging's mir schlechter - seit ich Zeremonienmeister bin, besser. Ich muss ja darauf achten, dass alles geordnet abläuft. Wenn man gscheid gegessen hat, ist man danach aber auch wieder fit. Ich habe trotzdem am Donnerstag frei. Ich hab das einmal gemacht, bin in die Arbeit: Das bringt nichts.

Wie lange wollen Sie Ihr Amt noch ausüben?

Wagner: So lange die Füße tragen. Und der Geist mitspielt.

Sind Sie enttäuscht, dass der Fischzug 2015 nicht als Weltkulturerbe anerkannt wurde?

Wagner: Überhaupt nicht. Wenn man gesehen hat, wer sich noch beworben hat: Oberammergau! Da haben wir uns gar keine Hoffnung gemacht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir unser Brauchtum in Schmidmühlen weiter lebendig halten. (eik)

Unpolitisches Fischessen

Heuer alles anders: SPD Rieden-Vilshofen sagt Aschermittwoch-Veranstaltung ab

Sie reden von Fußball, Strompreisen und rätseln über die Bezeichnung: Eigentlich hätte der SPD-Ortsverein Rieden-Vilshofen gestern seinen 36. Politischen Aschermittwoch veranstaltet. Vorsitzender Georg Söldner jedoch entschloss sich am Vorabend, den launigen Frühschoppen mit deftigen Kommentaren von Landtagsabgeordneter Inge Aures abzusagen. Nicht mit der Zustimmung aller. "Jedem recht machen kann man es nicht. Aber in der Situation passt das bierselige Reden nicht", erklärte Söldner und verwies auf das schwere Zugunglück in Bad Aibling.

Eine Handvoll Parteigenossen traf sich trotzdem im Ochsenwirt. Söldner hatte statt zum Schlagabtausch zum unpolitischen Fischessen geladen. Gegen 11 Uhr erschien MdL Reinhold Strobl. Gemeinsam mit der Amberger SPD-Fraktionsvorsitzenden Birgit Fruth gedachten die Anwesenden in einer Schweigeminute der Angehörigen der Toten und Schwerverletzten. "Auch die Landtagsvizepräsidentin fand es in der Situation nicht angebracht, politische Reden zu schwingen, während gleichzeitig die Bergung der Fahrzeuge erfolgt", sagte Strobl über die Hauptrednerin.

Pikantes Detail: Bereits 2015 sei Aures eingeladen gewesen, musste jedoch wegen eines Krankenhausaufenthalts absagen. "Vielleicht klappt es beim dritten Anlauf", sagte Söldner. Noch unklar ist allerdings, ob das dann der 36. oder 37. Politische Aschermittwoch des SPD-Ortsvereins in Vilshofen ist.

Fasching den Garaus gemacht



Beim Kehraus der Narrhalla Rot-Gelb Amberg im Pfarrsaal St. Michael tobten sich am Dienstagabend die Narren nochmal ordentlich aus. Kurz vor Mitternacht hatte dann der Scharfrichter das Sagen. Diese Rolle übernahm Präsident Jürgen Mühl als Maharadscha von Ambergien mit seiner Maharani Hildegard. Ihr Volk war für kurze Zeit einem Möchtegernherrscher (Prinz Stefan I.) gefolgt. Der Maharadscha las den Rot-Gelben ordentlich die Leviten. Auf einem Fakirbrett wurde Stefan I dann in die Ewigkeit befördert und von den Ministern auf seinem Teppich liegend aus dem Saal gezogen, gefolgt von der weinenden Prinzessin Diana I.

Sehnsucht nach Katharsis

Angemerkt von Michael Zeißner
Kirche, Politik, Brauchtum. Eine seltene Dreieinigkeit schmiedet der Aschermittwoch da. Jeder dieser Lebensbereiche macht eine Zäsur an diesem Tag. Nach außen hin recht unterschiedlich: in liturgischer Andacht, als lustvoll zelebrierte Polterei, in einem letzten Aufbäumen fröhlicher Ausgelassenheit.
Und jeder weiß, morgen ist alles ganz anders. Das scheint sie zu einen, wenn sie den Aschermittwoch in Ehren halten, die Katholiken, die mehr oder weniger wortgewaltigen Partei-Granden und spätestens am Abend verkaterte Protagonisten gelebter Volkskunde.

Für die christlichen Kirchen ist die Asche das Symbol der Vergänglichkeit alles Irdischen und damit immer auch Zeichen des Aufbruchs. So sieht es im Grunde auch die Politik. Heuer ausgesetzt, kann es üblicherweise keiner besser, als der Erfinder des Politischen Aschermittwochs, die CSU: polemisch inbrünstiges Schwadronieren in biergeschwängerter Luft. Gibt es nichts Schöneres, Lustvolleres als genau das zu tun, ohne es bereuen zu müssen? Morgen ist ja alles vergessen. Das hofft auch der mit dem Kater.

Schon Aristoteles (384-322 v. Chr.) kennt das. Nicht als ein Phänomen des Seins, sondern des Tuns. Keine Tragödie ohne Katharsis, das reinigende Gewitter, das alles wieder ordentlich zurechtrückt, nachdem es aus den Fugen geraten war. Das ist die Sehnsucht, die hinter der Symbolik eines Aschekreuzes auf der Stirn, eines umjubelten Populismus’ oder einer durchfeierten Nacht steckt. Alles wird wieder gut.

Und wer es mit dem intellektuellen oder kulinarischen Darben der beginnenden Fastenzeit nicht so recht hat, dem bleibt ja das Bockbier.


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