Auch heute auf Herbergssuche

Pfarrer Werner Sulzer (rechts) bei der ersten Station des Adventwegs zur Hammerkapelle. Bild: bjo
Lokales
Schmidmühlen
24.12.2014
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Das Spiel von Maria und Josef auf der Suche nach einem Nachtquartier kommt so romantisch-verklärt daher. Doch Pfarrer Werner Sulzer stellt klar: In der Geschichte geht es um eine Katastrophe, die heute aktueller ist denn je.

Mahnende Worte des Geistlichen waren beim Adventweg zu hören, den der Skiclub organisiert hatte. An der Strecke zur hell erleuchteten Hammerkapelle sagte Pfarrer Werner Sulzer, "unterlegt mit anrührenden Melodien und in Verse gekleidet, verliert die Herbergssuche ihre Härte. Doch eigentlich geht es um eine Katastrophe. Stellen Sie sich vor: Sie sind unterwegs, kein Dach über dem Kopf und die Geburt des Kindes steht unmittelbar bevor. Da kommt nicht Romantik, sondern Panik auf. Herbergssuche, das ist für Millionen Menschen knallharte Realität."

Ein weltweites Problem

Mehr als 50 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht. Das Land mit der größten Flüchtlingsdichte sei der Libanon: Auf 5,8 Millionen Einwohner kämen allein 850 000 Syrer - ganz zu schweigen von den Tausenden Palästinensern, die seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern untergebracht seien. "Flucht heißt: Hals über Kopf alles zurücklassen, was einem lieb und teuer ist. Nur das mitnehmen können, was man tragen kann. Sich einer völlig ungewissen Zukunft aussetzen. Der Freundeskreis, das soziale Netz zerreißt. In einem Land leben, dessen Sprache man nicht spricht und dessen Bräuche man nicht kennt", betonte Pfarrer Sulzer. Bei der zweiten Station las Edith Ferstl einen Tatsachenbericht aus der Zeitung vom Dezember dieses Jahres vor: Ibrahim und seine Schwester Sahar stammen aus Aleppo. Ibrahim hatte sich als Autohändler eine Existenz aufgebaut. Er fuhr ein teueres Auto, hatte Geld für die Ausbildung seines Sohnes gespart. Doch im Sommer 2012 geriet sein Heimatort zwischen die Fronten.

Viel Kraft und Liebe

Monatelang verließ nur Ibrahim das Haus, um Lebensmittel für die Familie zu kaufen. Jedes Mal, wenn er sich verabschiedete, wusste er, es könnte für immer sein. Als sich nichts grundlegend änderte, entschied sich die Familie zur Flucht in die Türkei.

Über Kiew gelangte sie nach Frankfurt. Von der Hammerkapelle konnten die Teilnehmer bereits die entzündeten Lichter sehen. Die Bläsergruppe spielte ein Musikstück. Anschließend gab es ein Sprechspiel, das noch einmal die Herbergssuche und ihre Bedeutung herausstellte.

"Schalte doch den Fernseher aus! Meine ganze Weihnachtsstimmung ist gleich wieder dahin, bei den ganzen Meldungen über Krieg und Elend", hieß es da sinngemäß und selbstkritisch. "Leg die CD ein. Ach, da geht einem doch einfach des Herz auf, bei dieser schönen Musik."

Zum Schluss spendete Pfarrer Sulzer den Segen und wünschte den Schmidmühlenern viel Kraft und Liebe, auf alle Menschen zuzugehen, die ihre Heimat verlassen mussten und nun in einem fremden Land am Rande der Gesellschaft stehen.
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