Beim Besuch Bocchettas 2005 bestätigt auch einstige Gemeindemitarbeiterin KZ-Qual
"Unsägliche Entbehrungen"

Lokales
Schmidmühlen
21.04.2015
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Nach 60 Jahren war Vittore Bocchetta 2005 zum ersten Mal nach Schmidmühlen zurückgekehrt. Schon damals begrüßten ihn der seinerzeit amtierende 3. Bürgermeister Paul Böhm und die 2013 verstorbene ehemalige Verwaltungsangestellte Lotte Hannewald im Rathaus. Zu dritt zeichneten sie Bocchettas Schicksalsweg mit einer interessanten Zeitreise durch die Akten aus dem Gemeindearchiv nach.

Sie besichtigten außerdem Schmidmühlen und das Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes mit den letzten Resten des Kriegsgefangenenlagers in Unterödenhart. Mehrere Marschkolonnen waren damals über das Vilstal in Richtung Saal an der Donau weitergezogen, doch eine letzte Gruppe mit etwa 230 Häftlingen war in Schmidmühlen zurückgeblieben. Auf der Lauterachwiese und beim nahe gelegenen Friedhof lagerten die Häftlinge mehrere Tage lang im Freien. Streng bewacht und von der Schmidmühlener Bevölkerung isoliert.

"Unter unsäglichen Strapazen und Entbehrungen wurden die Häftlinge damals vor den anrückenden Amerikanern durch das Lauterachtal getrieben", erinnerte sich Lotte Hannewald 2005, die zu jener Zeit freilich noch ein junges Mädchen gewesen war. Kurz vor dem Todesmarsch hatte sie bei der Gemeindeverwaltung zu arbeiten begonnen und nach dem Krieg die Akten für dieses furchtbare Geschehen angelegt. "Es war einfach schrecklich, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie mit den Menschen in jenen Tagen umgegangen wurde. Schmidmühlener Bürger hätten immer wieder versucht, Lebensmittel ins Lager zu bringen", berichtete Hannewald vor zehn Jahren immer noch erschüttert bei der Erinnerung daran. Doch die Hilfsaktionen seien jäh von der SS beendet worden. Die Frau konnte sich noch gut an die Drohungen der Wachmänner mit Schusswaffengebrauch erinnern.

Es herrschten nach ihrer Auskunft unbeschreibliche menschenverachtende Zustände, die letztlich 27 Häftlingen den Tod brachten. Mehrere Ausbruchsversuche wurden vereitelt, doch Bocchetta und Marcel Maurin, einem Drucker aus Marseille, gelang die Flucht aus der zwischen dem Friedhof und dem Kreuzberg lagernden Kolonne.
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