"Bin kein Feigling, hauen wir ab"

Vor zehn Jahren war Professor Vittore Bocchetta in Schmidmühlen gewesen, an jener Stelle, wo ihm im April 1945 die Flucht vom Todesmarsch gelang. In seinem Buch "Jene fünf verdammten Jahre" hat er über sein Schicksal geschrieben. Bilder: bö (2)
Lokales
Schmidmühlen
21.04.2015
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Er ist dem Todesmarsch der KZ-Häftlinge entronnen. Mit einer List und viel Mut stahl sich Professor Vittore Bocchetta am 13. April 1945 in Schmidmühlen in die Freiheit. Später schrieb er über sein Schicksal ein Buch. Titel: "Jene fünf verdammten Jahre". Schon 2005 war der damals 87-Jährige an den Ort seiner Pein und Befreiung zurückgekehrt.

(bö) Die Gesundheit erlaubt es dem einst als Professor für Philosophie und Romanistik an der Universität Chicago arbeitenden 97-Jährigen nicht, diese Reise noch einmal zu machen. Der 70. Jahrestag des Kriegsendes ist es dennoch wert, erneut auf diesen Besuch und Bocchettas Erinnerungen zurückzublicken:

Zielstrebig betrat der Professor 2005 den Schmidmühlener Friedhof, als ob er schon öfter hier gewesen wäre. "Dort an der Ecke war ein Posten aufgestellt, den ich damals gefragt hatte, ob ich austreten dürfte", erzählte er und näherte sich Schritt für Schritt dem Fuße des Kreuzbergs. Sein Blick suchte den Waldrand ab. Er erkannte die steil nach oben führenden Kreuzwegstationen als jene Stelle, wo Häftling Nr. 21 631 den Fluchtversuch in die Freiheit gewagt hatte. Nach jenen "fünf verdammten Jahren als Sklavenarbeiter für den Endsieg", wie er damals bitter sagte.

Es war einer der letzten Kriegstage gewesen, der Nachmittag des 13. April 1945: Vittore Bocchetta marschiert zusammen mit Hunderten von Mithäftlingen des Flossenbürger Außenlagers Hersbruck nach Schmidmühlen. Wie eine Herde Vieh treiben die Nazis die ausgemergelten Gestalten über Happurg, Lauterhofen, Kastl und Hohenburg nach Schmidmühlen. Doch der Todesmarsch, dessen Ziel Oberbayern gewesen wäre, gerät dort ins Stocken. Die Amerikaner rücken über Nürnberg rascher als angenommen vor, schneller als die KZ-Häftlinge laufen können.

Im Erdloch versteckt

Seine Flucht beschrieb Bocchetta so: Ich war in schlechter körperlicher Verfassung. Wir marschierten nachts und ruhten tagsüber. Ich hatte mit vier Franzosen auf dem Marsch die Flucht besprochen. Doch als ein günstiger Moment gekommen war, wollten sie nicht mehr. Ich habe sie als Feiglinge bezeichnet. Bei der dritten Etappenpause haben wir uns zwischen einem Friedhof und dem Fuß eines mit Fichten bewachsenen Berges, eben dem Kreuzberg in Schmidmühlen, niedergelassen. Dort kam Marcel Maurin und hat zu mir gesagt: "Ich bin kein Feigling, hauen wir ab!" Wir fragten den Posten, ob wir austreten gehen dürften. Sie haben uns in den Wald gehen lassen. Das war eine simple List. Wir haben uns dann in einem Erdloch unter Fichtenzweigen und Reisig versteckt und sind fünf bis sechs Stunden so geblieben.

"Zwei Mann kaputt"

Dann war der Appell. Wir konnten alles deutlich hören: "Zwei Leute weniger. Zwei fehlen!" Es wurde gezählt und nochmals gezählt. Dann sind zwei von den SS-Leuten mit einem Hund auf die Suche gegangen. Sie kamen zwar ziemlich nahe an uns vorbei, aber die Hunde haben uns nicht gewittert, weil das Harz so stark roch. Nach wenigen Minuten fielen zwei Schüsse. Die beiden Henkersknechte und der Hund gingen am Ende des Waldes wieder hinunter. Sie riefen, dass sie uns aufgespürt hätten und verkündeten mit den Worten "Zwei Mann kaputt", dass sie die Entflohenen erschossen hätten. Man hörte Befehle und die Kolonne kehrte auf die Straße zurück.

Zusammen mit seinem französischen Kameraden irrte Bocchetta durch die Wälder. Schließlich trennten sie sich. Englische Kriegsgefangene, die im Lager Unterödenhart, im Strafgefangenenlager Stalag 383 untergebracht waren, fanden den Italiener, der halb verhungert und "fast irre" vor Durst war. Heimlich holten sie ihn ins Lager und versorgten ihn. Im Kriegsgefangenenquartier der Engländer erlebte Bocchetta das Ende des Dritten Reichs.
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